dem Böhmerlande nicht bloss die Anfänge der Reformation verdankt, sondern auch – – d i e d e u t s c h e n R ä u b e r - R o m a n e !!
Wenn ich mich in trüben Stunden zu lachen machen will, denke ich an die deutschen Räuber-Romane. Die böhmischen Wälder und die deutschen Räuber-Romane haben in grosser Sympatie zu einander gestanden, und das possierliche Knollengewächs der letzteren hat sich immer am liebsten in dem unheimlichen Dickicht der ersteren geborgen und aufgehalten, Nachdem in früheren zeiten der bekannte Mönch Jurick und seine Brüder es sich hatten angelegen sein lassen, um Gottes willen die Wildniss zu lichten, und die Wölfe aus den böhmischen Wäldern vertrieben worden waren, kehrten die deutschen Romanschreiber schaarenweise in dieselben ein, und verlegten hieher den romantischen Schauplatz für die Abenteuer ihrer wildgewordenen Phantasie. Diese Romanschreiber hatten es in der Mitte der civilisirten Welt nicht mehr aushalten können. Der Stoff war ihnen ausgegangen an den Kaffeetischen und in den reinlich mit Sand bestreuten Familienzimmern ihres Jahrhunderts, die ewige keusche Liebe, wie sie im Reifrock und mit den saubern seidenen Strümpfen auftrat, wurde auf die Länge fatal für einen strebenden Geist, und bei dieser bürgerlichen Zahmheit aller Verhältnisse konnte nichts Heroisches noch Tragisches aufkommen in den achtziger Jahren des achtzehnten Säculums. Ausserdem herrschte in der ganzen Zeit die weitverbreitete Meinung, als befinde man sich in einem übertrieben vorgerückten Culturzustand, und sei in Gefahr, durch allzureissende Fortschritte der zivilisation von der einfachen gesunden natur, die damals über Alles ging, sich zu entfernen. Unter diesem Vorschub der öffentlichen Meinung zogen nun die deutschen Romanschreiber in den dicken, dunkeln, struppigen Böhmerwald, und schwuren Rache der allzu weit vorgerückten kultur, und suchten sich einen Räuberhauptmann. In den böhmischen Wäldern wurde es lebendig, herrliche, kräftige Naturmenschen, deren freier Sinn den Druck der gesetz und den Zwang der zivilisation nicht zu erdulden vermocht, passten jetzt dem reichen Kaufmann am Hohlweg auf, und schöne Grafentöchter wurden als Räuberbräute von dannen geschleppt, und mussten ebenfalls das allgemeine Verderben des Culturzustandes miteinsehn und die Wirtschaft führen in den Mordhöhlen, und der Verleger zog noch vor der Ostermesse eine zweite Auflage davon ab. Willkommen, willkommen, Spiegelberg, in den böhmischen Wäldern! So lass Dich doch zu Brei zusammendrücken, lieber Herzensbruder Moritz! Ach, Moritz Spiegelberg! Naht ihr euch wieder, himmlische Gestalten? O, o, edler, grosser Schiller, auch Du hast Deinen Tribut an die böhmischen Wälder abgetragen, und mit welchem Aufwand Deiner zügellos schäumenden Jugendkraft! Als wir wilden Jungen einmal Komödie spielten, gab ich, obwohl ich gar nicht dazu passte, Deinen Karl Moor, und wusste es Dir Dank, als ich deklamiren konnte, dass ich meinen Leib nicht pressen solle in eine Schnürbrust, noch meinen Willen schnüren in gesetz, denn das Gesetz habe zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre, und das Gesetz habe noch keinen grossen Mann gebildet, aber die Freiheit brüte Kolosse und Extremitäten aus! O ihr finstern Schatten des unsichern Böhmerwaldes! Mit welchen Gedanken bin ich bei euch vorbeigefahren, als ihr die schwermütigen Wipfel zu mir herüberneigtet! Seht da, Schiller! Auch bei ihm war es ein Ueberdruss an dem geregelten Civilisationszustande, der seine junge Naturkraft in die böhmischen Wälder getrieben hatte, seinen Geist unter die Räuber. Aber des übermütigen Genies Aufstand gegen die Formen der kultur rächte sich bei Schiller bald in der Reflexion, die seine umherschweifenden Kräfte und Triebe gefangen nahm, und die Reflexion stürzte sich zuerst auf das Ideale, und was K a r l M o o r in den Wäldern und unter den Räubern gewesen war, wurde der M a r q u i s P o s a in der Welt der Ideale, derselbe gesetzlose Schwärmer, nur nach den zwei verschiedenen Polen des Lebens hin. Und später, nachdem Schiller die böhmischen Wälder lange vergessen hatte, blutete noch der Marquis Posa stark in ihm nach, und der zivilisation, der er früher die frische Naturwildniss keck gegenübergehalten hatte, widmete er jetzt schöne tiefe lyrische Klagen, wenn sie sich an den Idealen seines Herzwehs nicht aufrichten wollte.
Ist es nicht seltsam und abermals seltsam, dass ein Trieb im Menschen für die kultur kämpft, ein Trieb wider sie streitet? So jubelt der Ansiedler von Massachusetts, wenn er die Axt und die Flamme an den finstern Urwald legt, um ihn für wohnung und Acker zu lichten, und in demselben Augenblick, wo die alten hohen Bäume stürzen und brennen, und die vielhundertjährigen Dryaden seufzend und schreiend entfliehn, fährt auch ihm ein banger Schmerz über die Seele, das Auge wird ihm nass, und er weiss nicht, wird er sich zum Heil oder Unheil die Wildniss bebauen? Und wem geht es nicht so, dass er sich aus dem hellglänzenden Gesellschaftszimmer, wo die grosse zivilisation alle Vorteile bequemen Genusses und feiner Geselligkeit um einen Tisch gereiht hat, plötzlich in die entlegenste Wüste fortwünscht, und den uncultivirten Sohn der Sandsteppe beneidet, der unter freiem Himmel sein Weib umarmt, und seinen Kindern einen jungen Bären zum Spielkameraden mit nach haus bringt, und sich mit seiner schönen kalten Tischnachbarin nicht herumzuquälen braucht in einem trivialen geistreichen Gespräch? Mich wenigstens beschleicht, bei all meiner soliden Liebe zur kultur, die mich an die Gesellschaft, an Menschen und an Bücher nur zu sehr fesselt, doch oft eine unbändige Passion für die Wildniss, oder ich mache mir zum Mindesten nichts daraus, dass ich mich cultivire. Es