Herzens verlangt nach einem blauen, heitern, sonnigen Himmel, um gegen das Licht gekehrt, schöne Farben und Formen entwickeln zu können. Diese Aestetik ist unsre Schwäche so gut, wie sie unser Vorzug ist! Keine schöne Kunst aber vermag ohne eine von innen heraus geschaffene Begränzung zu bestehn, und wer weiss nicht, dass auch die ganze schöne Kunst unsres Frauenlebens nur in der Begränzung liegt! In der Begränzung siedeln wir unser Glück an, in der Begränzung finden und erfüllen wir unsern Beruf, in der Begränzung sind wir für uns und für die Andern ein harmonisches, in sich befriedigtes Gebild. Diese Reflexionen – verzeih' das Reflectiren, denn es gehört mit zu der Begränzungsund Einfriedigungs-Kunst unseres Geschlechts! – sind mir der einzige Trost gegen Deinen böhmischen Mägdekrieg, der, wie gesagt, mich wahrhaft empört hat.
Ich bin glücklich, und ich bin fromm! Ja, ich bin auch fromm! Ich glaube, ein Frauenherz kann und darf fromm sein, und auch hier will ich den Männern gern die Ueberlegenheit des Geistes einräumen, eines Geistes, der auch in der Andachtslosigkeit und in der Lostrennung von einem bestimmten religiösen Bekenntniss sich noch immer eigentümlich und selbständig zu gestalten vermag. Vor drei Tagen erlebte ich hier eine schöne rührende Scene, die für mein ganzes Leben Eindrücke in mir gegründet hat. Vor dem Karlstor auf dem geräumigen Karlsplatz steht die hiesige protestantische Kirche, ein schönes einfaches Gebäude, das erst neu errichtet und vor Kurzem für den evangelischen Gottesdienst eingeweiht worden ist. Hier sollte ein junges katolisches Mädchen, das zu dem protestantischen Glauben übergetreten, in einer feierlichen öffentlichen Handlung zu demselben eingesegnet werden. Es war gerade ein M a d o n n e n - T a g , Freund! O denke Dir, ein M a d o n n e n - T a g ! Mariä Himmelfahrt war es, und auf den Strassen in München, die sonst so menschenleer erscheinen, sah man ein reges und bewegliches Treiben geputzter, fröhlicher und spazierengehender Leute. Die Sonne schien in hellen blitzenden Strahlen über Häuser und Wege, die ganze Bevölkerung war in einer freudigen Erregung auf den Füssen. Dieser Tag wird in hiesigen Gegenden mit besonderen Volkslustbarkeiten gefeiert.
Auch ich hatte mich, zu einer stillern Feier, festlich geschmückt. Wie eine Braut, hatte ich mir ein ganz weisses Kleid angelegt und einen schlichten weissen Schleier in das Haar geflochten. Ich fuhr mit meinen Verwandten nach der protestantischen Kirche vor dem Karlstor. Ein kleines, schönes Madonnenbild, das ich noch bis jetzt in einem goldenen Medaillon nur als Schmuck getragen, hatte ich an demselben Morgen abgelegt, aber mit einem Kuss. Jetzt überfiel mich ein tiefes Zagen, als ich vor der Kirche ausstieg, und doch brach zugleich eine geheime Freude in mir los. Mit bewegter Seele betrachtete ich das dem freien Glauben geheiligte Gebäude, dessen anspruchslose, freundlich zuwinkende Bauart zugleich den edelsten Gesetzen der Kunst genügte.
Das Mädchen, das ihr neues Bekenntniss an dieser heiligen Stätte ablegen wollte, stand vor dem Altar. Ein grosser, tiefer Ernst schien es ihr mit ihrem Vorhaben, und nachdem sie die erste Schüchternheit und Scheu überwunden, sich als den Gegenstand der rings um sie versammelten Menge zu sehen, blickte sie mit ruhigem Bewusstsein und hellen, klaren Augen um sich her. Sie betrachtete mit besonderer Freude den Ort, an dem sie sich befand, die Räume, die in ihrer hehren Stille, in ihrer schmucklosen Weihe das trostbedürftige Kind so freundlich umgaben. O wie wohltuend sind die hellen Räume einer protestantischen Kirche für ein nach klarheit sich sehnendes Gefühl, das bisher in den Dämmerschauern katolischer Kapellen und vor der unverständlichen Sprache des Hochamts sich seiner eigenen Andacht nie ohne eine peinigende Bangigkeit bewusst werden konnte! Wie drückt schon die erhabene, edle Einfachheit dieser Wölbungen, Bögen und Mauern den Charakter eines Gottesdienstes aus, in dein nicht die Phantasie, sondern das Wort in der Andacht gepflegt werden soll, das die Seele befreiende, lösende, erweckende, verständigende Wort! Die protestantischen Kirchen sind die Kirchen des W o r t e s , des Wortes Gottes! Wie kann man Gott besser dienen, als durch das Wort, da Gott das Wort ist!
Und der ehrwürdige, wohlsprechende Geistliche erhob seine stimme, die in schöner Vernehmlichkeit die Halle durchtönte, und die ganze versammelte Gemeinde lauschte in geräuschloser Aufmerksamkeit dem rührenden, gehaltvollen Sinn seiner Predigt. Es war eine heilige Stille in der Kirche, dass man jeden Atemzug, jeden aufsteigenden Seufzer ringsum hören konnte. Jetzt aber beugte das Mädchen, längst dieses wichtigen Augenblicks harrend, ihre Knie auf die Stufe des Altars nieder, um ihr Bekenntniss zu sprechen – –
Doch, wozu, wozu, Freund, kleide ich die schönsten Gefühle meines Lebens, aus Furcht, dass sie Dir zu weich erscheinen möchten, in das Bild einer fremden Scene?
Brauche ich es Dir noch zu sagen: dies Mädchen war i c h ! – – –
Maria.
Fussnoten
1 Bruchstücke aus einem Originalbriefe.
Nachwort zu dem ganzen buch.
Die allverbreitete Gewohnheit, schlechte Vorreden zu schreiben, mag auch die schlechte Nachrede entschuldigen, die ich nun noch zuguterletzt diesem buch, als einem buch, zu halten habe. Indem ich die gute Nachrede billigerweise der Welt überlasse, behalte ich mir, als redlicher Herausgeber, bloss die schlechte vor, und hoffe, dass diese Bescheidenheit Jedermann rühren wird.
Das Schlechteste aber, was ich diesem buch vor Allem nachreden kann, ist, dass es durchaus