in seinem Leben geliebt, und ich schauerte recht in meiner innersten Seele zusammen, wenn ich daran gedachte. Und doch kam ich mir nun noch einsamer und verlassener in der Welt, ja trostloser vor, seitdem ich nicht mehr für ihn zu sorgen, mich nicht mehr vor ihm zu ängstigen, mich nicht mehr gegen ihn zu verstellen hatte. Mein verhältnis zu ihm war immer das der inneren Furcht gewesen, aber jetzt empfand ich es, wie in der Furcht auch die Liebe eine heimliche, leise wärmende Stelle gehabt. So kann uns etwas genommen werden, was wir selbst kaum besessen zu haben glauben.
Wie mein Schicksal dann sich wandte, wie ich, eine lebenslustige Pilgerin, mein böhmisches Dorf wieder verliess, wie ich die bisher mir fremdgebliebenen Verwandten gefunden und hier in München von den besten, herrlichsten Menschen in einem schönen häuslichen Kreise aufgenommen worden bin, – dies Alles scheint mir noch selbst ein Wunder, wenn nicht ein Traum. Doch die f o r t g e s e t z t e n B e k e n n t n i s s e d e r w e l t l i c h e n S e e l e kann und mag ich wenigstens nicht s c h r e i b e n ! Ich bin bei weitem zu glücklich dazu, um viel zu schreiben. Ein Weib hat wenig Talent zum Schreiben und zum Darstellen von der natur erhalten, und nur, wenn es recht unglücklich ist, wird es etwas Besonderes hervorzubringen und zu leisten verstehn. Nur ein Weib, das unglücklich ist, sollte schreiben. Dieser Gedanke wurde mir neulich an den Briefen der Rahel, die ich gelesen habe, recht deutlich. Sie war eine grosse Unglückliche, und ebendesshalb gross als Weib, weil sie unglücklich war, und sie schrieb den erhabenen Geist ihres Unglücks ab in ihren Briefen, und schrieb Briefe, wie sie kein Weib je geschrieben hat.
Darum will ich Dir die f o r t g e s e t z t e n B e k e n n t n i s s e d e r w e l t l i c h e n S e e l e , Du daran teilnehmender Freund, e r z ä h l e n ! Erzählen kann ich, aber nur nicht schreiben. Meine Lebensgeister alle sind wieder ungeduldig geworden, und halten es nicht lange aus auf dem Papier. Mündlich! Mündlich! Und komm recht bald her, lieber Freund! Wir könnten uns auch vielleicht in Salzburg treffen, wohin ich in vierzehn Tagen mit meinen Verwandten eine Partie unternehmen werde. Es wäre schön, und ich könnte mich dann zeigen, wie mein neuer Lebensmut auf den Bergen herumspringt und bis in die blauen Wolken hineinklettert.
Soll ich Dir noch hier von München etwas sagen? Du wirst es ja sehen oder hast es vielleicht früher schon gesehen. Die neue Stadt ist schön, reinlich, festtäglich, prächtig, und man kann hier recht gewahr werden, wie eine hübsche Residenzstadt durch Händewerk g e m a c h t wird. Alles ist hier gemacht, aber schön gemacht, und mir fiel sogleich zum Gegensatz die Beschreibung ein, welche Du mir von dein alten, auf seiner Vergangenheit ehrwürdig getragenen P r a g damals gesandt. München, wie es jetzt im Werden begriffen ist, steht blank da auf dem ebenen Boden der Gegenwart, und hat fast gar keine Vergangenheit, an die es mahnte oder sich knüpfte. Und das ist mir lieb, und darum lebe ich doppelt gern in seinen Mauern. Denn auch ich mag mich gern als losgetrennt von der Vergangenheit ansehn, ich mag nicht zurückblicken in die Vergangenheit, in der ich schwarze und grässliche Bilder meines Daseins begraben habe. Ich habe viele Ursache, das Vergangene vergangen, ja verblichen sein zu lassen. So wird mir denn wohl hier in diesem vergangenheitslosen München. Neue Häuser, neue Paläste, neue Museen, ja neue Strassen erstehen hier unaufhörlich rings um mich, und ich freue mich wie ein Kind an allen diesen Neubauten, dass ich jubelnd darüber die hände zusammenschlagen möchte. Ich freue mich, dass immer wieder etwas Neues gebaut werden kann, und es ist mir, als würden auch schon in meinem Herzen ganz neue Häuser und neue Strassen angebaut auf dem alten, frisch umgegrabenen Fundamente. Die Baulust ist gross in meinem Herzen, Grundstücke sind im Ueberfluss da, und ich könnte noch Freiwohnungen an die Armen, die ganz ohne Liebe leben müssen, darin vermieten! – –
Ich bin glücklicher geworden! Bei einem Mädchenherzen kommt viel darauf an, ob es glücklich ist oder nicht. Ein Mann, denke ich, kann vielleicht des Glücks ganz entbehren, und in der rastlosen Begeisterung seines Strebens und Arbeitens dennoch zu einer ihm gemässen Bildung und Befriedigung kräftig gedeihen. Ein Weib, ich habe es gefühlt, muss durch Unglück immer aus seinen Fugen gerissen werden. Es wird entweder grösser, als ihm die natur zu sein bestimmt hat, oder es wird hässlicher und verliert seine besten Eigenschaften in der Unschönheit, der es anheimfällt. Dein böhmischer Mägdekrieg, Freund, hat mich empört. Und Du konntest boshaft genug sein, Deine eigenen Ansichten über die Bestimmung unseres Geschlechts dabei zu verschweigen. Wlasta aber, wie Du sie Dir gedacht hast, ist mir ein wahres tragisches Exempel des verfehlten weiblichen Berufs. Siehst Du, ich hasche nach Glück! Unser Geschlecht hat ein durchaus ästetisches Naturell, und die Aestetik unsres