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welcher die Einheit war von Form und Inhalt. Und nachdem das verhältnis von Inhalt und Form in den Geist aufgegangen, welcher der unsterbliche ist, gibt es nur Eines, welches der Geist ist. Der Geist ist sich selbst Form geworden, und diese höchste Einheit ist der Tod. Es ist die Einheit des Reiches Gottes, von der die Einheit des Diesseits nur ein abgeschattetes Ebenbild war, sowie der ganze Mensch nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen. – – –

Und nun seid still, ihr meine unruhig gewordenen Gedanken! Ihr weit ausgelaufenen Betrachtungen, kehret in die vertrauliche Gewohnheit der nächsten Nähe, in den Schooss dieser Gegenwart, zurück!

Und was wirst Du dazu sagen, o Heilige, dass ich Dir das Alles so aufgeschrieben, als müsstest Du es genau wissen! O meine Heilige, o Welteilige! Ich habe ja auch jetzt nichts als beweisen wollen, dass Du eine Welteilige bist!

Kind, Kind, die Welt ist heilig, und wäre das Lebenselend auch noch so gross! Noch einmal grüsse ich mit entzückten Augen Titian's Venus, und neige mich tief vor der goldnen Blüte der Erdenschönheit! Dann wandele ich weiter durch die Gallerie, und suche nach Schönheit! – –

Ich kam in die Zimmer der Spanier, schritt auf und nieder vor manchen herrlichen Werken, und bewunderte die Eigentümlichkeit dieser Meister in Colorit und Zeichnung, die mir bisher noch sehr unbekannt gewesen war. Dann blieb ich plötzlich mit übereinandergeschlagenen Armen vor einer M a d o n n a stehen, der Aehnliches ich noch nie geschaut hatte. Es war die Madonna des Sevilla. Jeder Sturm in mir schwieg, meine ganze Seele wurde sanfte Wehmut, die wie eine Abendröte still und spielend durch mein Inneres leuchtete.

Dieser spanische Maler hat die grosse idee gehabt, seiner Madonna s c h w e r m ü t h i g e A u g e n zu geben, wie man es sonst nie sieht.

Sie blickt trauernd, aber scharf und geistvoll, mit grossen kecken Augen zum Himmel, während das Christuskind mit dem aus der einen Falte des Gewandes herausschwellenden schonen Busen spielt. Die irdische Schönheit des Busens, und die heitere Unschuld des Christuskindes contrastiren wundersam mit dem tiefen Bewusstsein des ganzen Lebenselendes, das in die Züge der Madonna gelegt ist. Das Kind scheint fast nichts davon zu wissen, es wiegt sich harmlos in der Morgenfrühe seines Daseins. Aber eben dieses Lebenselend, welches das Kind zu erlösen geboren ward, ist in der Mutter zum Bewusstsein geworden und mit Tiefsinn ausgedrückt. Schön, gross, erhaben ist dieser Gedanke! Was das Kind nicht zu wissen scheint, weiss die Mutter, nämlich dass der Jammer des Daseins ungeheuer ist, und dass der alte Fluch des Lebens schreiend zum Himmel klagt! Und darum, weil dies trauernde Weib das erlösungsbedürftige Dasein so in sich durchfühlt, hat sie auch das Kind der Erlösung in ihrem Schooss getragen. Denn dies ist das Kind, welches in die Welt gekommen ist, um die Welt zu heiligen! Dies ist das Kind, nach dem das ganze Lebenselend schreit und seufzt! Dies ist das Weltkind, das die Versöhnung bringt, der Mittler, welcher den Segen spricht über die Formen der Erde! Und dies heitre Kind, dies Kind der Weltschmerzen, wie süss und unbefangen spielt es mit der Brust der Mutter! Und die von den Weltschmerzen ganz durchdrungene Mutter, wie lieblich in aller Trauer und wie hold in allem Wehe ist zugleich ihr Gesicht, ihre Wange! Milde Tränen möchte man weinen, man möchte jauchzen und man möchte klagen! – – – –

Madonna schreibt.

–1 und so kommt es, dass ich jetzt so ganz unerwartet aus M ü n c h e n schreibe.

Hoffentlich sehen wir uns nun bald, da ich für immer hier bleiben werde bei meinen neuen Verwandten und Beschützern, und da der reiselustige Freund auch nach München kommen will! Wie sehr freue ich mich auf dies Wiedersehen, auf diese längst herbeigewünschte Begegnung, in der ich nicht mehr als das seltsame, eckige, von der leidenschaft des Unglücks hingerissene Mädchen erscheinen werde, wie damals auf meinem böhmischen dorf, wo der Freund ein wunderliches Reiseabenteuer an mir erlebte. Ach, wie vieles hat sich seitdem verändert, wie vieles hat sich zugetragen, ausser mir und in mir! Ich bin glücklicher geworden! Ich bin ein frohes, ausgesöhntes geschöpf, froh mit den Menschen und froh mit Gott, froh mit meinem ganzen Leben! Froh möchte ich auch nun einmal mit dem Freunde sein, mit dem ich so gern Gefühl um Gefühl, und Wort um Wort wechsele!

Und mein armer Vater, der nach einem finstern selbstquälerischen Leben durch einen finstern Tod so plötzlich fortgerafft wurde, sprach noch in seinen letzten Lebensstunden viel von Dir! Er hatte den Casanova nie vergessen können, und staunte noch immer still in sich über das Unbegreifliche und Ungeheuere, was Du ihm davon vorerzählt haben musst. In seinen unruhigen Träumen phantasirte er davon, schlafend und wachend nannte er den Namen. Auch hoffte er noch immer, dass Du einmal eines Abends unversehens wieder in unsere stube treten würdest, um ihm über Manches, wonach er Dich fragen wollte, Auskunft zu erteilen. So schied er endlich in einem völlig bewusstlosen Zustande ab, der gute arme freudlose Mann, und ich weinte herzliche Tränen an seinem Hügel, den ich noch selbst mit dem hoffnungsvollen Grün bekleiden half. Er hatte mich nie, vielleicht auch nicht ein einziges Mal