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in Verzweiflung endigende Heiterkeit des an der Kunstverschönung des Fleisches bildenden Griechenlands mischten als die beiden Hauptelemente die Weltgeschichte. Und es war, als hätte Gott im Himmel nicht länger Ruhe, so sehr erbarmte ihn der Welt, die aus eigener Vernunft ihn nicht finden konnte. Er kam in die Welt, und die Welt hat ihn nicht begriffen. Er trat in das Fleisch, und musste sterben. Er wurde Mensch, und ward mit Ruten gegeisselt bis aufs Blut. Mit einem Todeskuss hatten Gott und Welt sich umschlungen, und die Erde dröhnte und zitterte, und es war ihr, als müsste sie vergehen in die Ewigkeit hinein an dieser Umarmung. Aber sie verging nicht, und in den Wehen durchdrang sie der Geist der Liebe, und sie sog den neuen Lebenskeim begierig und tief ein in ihren Schooss. Doch man sah sie daran nicht glücklich und heiter werden, und des christentum erste Jahrhunderte waren finster. Gott und Welt hatten sich in Christus umarmt, und nun hoffte ich in meinen Gedanken, die alte Zerrissenheit müsste verschmerzt, sie müsste Einheit geworden sein. Da schaue ich umher und schaue zurück, und finde Welt und Gott nur feindlicher getrennt sich gegenüber, als früher, wo die griechische Kunstansicht sie wenigstens zu einer äusseren Lebensplastik verschmolzen, und den Fluch des Fleisches durch seelige Formen beschwichtigt hatte. Ich erschrecke bis in die innerste Stelle meines Herzens, und weiss Das nicht zu deuten und Jenes nicht anzunehmen, was jetzt mir emporsteigt in unruhigen Gedanken. Ich weiss mich nicht darein zu finden, dass die Welt nicht glücklich sein soll und ohne Einheit! Zu einer kräftig und sicher über die Erde schreitenden Einheit dehnt sich mein ganzer Organismus mit geschwungenen Nerven und zugleich mit stolzer Ruhe des Bewusstseins aus. Gott und Welt haben beide in mir eine grosse Lust der Befriedigung, und ich fühle mich stark genug, beiden ihre Lust in mir zu lassen. Nicht schwinde unter mir, Welt! Nicht stürze über mir zusammen, Himmel! Nicht zerfliesse in das Unendliche, du mein junger Geist! nicht verliere und entleere dich im Endlichen, du genusslustige Form! Und Ihr ruft mir entgegen: ich sei kein Christ! Und ich sinne nach, um Euch und mir es unwiderleglich zu sagen, dass ich ein Christ bin, wenn Gott und Welt sich in meiner Menschenbrust zusammenfinden!

Aber nein! nein! ich will jetzt von diesen Gedanken abspringen, und tiefverschleiert liegen lassen, was Jedem in der Heimlichkeit des Herzens unbewusst aufschiessen muss!

Und jetzt eilte ich in ein anderes Zimmer der Gallerie, ich verliess den Christus vor Pilatus. Nach Bildern derber Sinnlichkeit suchte ich, um mich nicht an mich selbst und an mein Denken zu verlieren. Ich wollte mich zerstreuen, denn mein Geist fühlte sich von trüben Lebenserinnerungen umschattet. Und wie oft gab ich mich nicht an die blosse glänzende und glühende Form der Erscheinung hin, wenn mir Angst wurde in meinen Gedanken! Eine nackte Diana von Floris, ebenfalls einem niederländischen Maler, die im nächsten Zimmer hing, und zu der ich hinstürzte, tat mir noch kein Genüge. Wie gemein waren diese Formen des Fleisches, wie wenig Reiz fand ich an dieser phantasielosen Zeichnung menschlicher Körperschönheit, an diesen zu hartgeformten Schenkeln, an diesem blütenleeren Busen. Ich wandte mich mit Ekel davon ab. Ich ging zu den Italienern, zu der sitzenden Venus von Titian. Schöner, lieblicher, zarter, weicher, geistig gehobener, poetisch duftiger, sah ich das Fleisch noch nie gemalt. Wie ein Gedicht lag der menschliche Körper vor meinen Augen da, ich seufzte, und andächtig und still wurden alle meine Gefühle. Ich habe grosse Ehrfurcht vor dem menschlichen Körper, denn die Seele ist darin! Und ich trachte nach der Einheit von Leib und Geist, darum bete ich auch an die Schönheit, und ein heiliger Anblick ist sie mir. Siehe, ich suchte nach Bildern derber Sinnlichkeit, und vor Titian's Venus wurde mir wieder heilig zu Mute, und ein harmonischer Klang zog sich versöhnend durch meine ganze Stimmung. Nicht mit frivolen Augen schaue auf des Weibes ächte Schönheit hin, sondern den guten und heilerweckenden Gedanken hänge nach, zu denen der Gottesfrieden dieser Formen dich erhebt! Himmel, in welche Zauberwelt von süsser Gestaltung ist mein froherschrockener blick gedrungen, und was das Leben der Erscheinung heisst, studire ich in trunkener Vertiefung. Titian, erhabener Meister, grosser Poet der Menschenform, lieblicher Schwan, der die geheimnissreiche Musik des Körpers austönt, Dir danke ich! Und wie danke ich Dir! Diese Venus predigt Weisheit zu mir her, wie eine gottgewaltige Philosophie, die mich mir selbst lehrt! Venus, aus den Tiefen des Meeres emporgestiegen, und in die herrschende Schönheit der Gestalt geboren, zum Sieg und zum Glück! Die Tiefe verlangte nach der Gestalt, und den formlosen Abgrund der Schöpfung wandelte die Begierde an nach der Erscheinung, und es wirbelte oben der Meeresschaum in gewaltiger sehnsucht, dass es war, als müsse er sich formen. Die frohlockenden Sonnenfunken schlugen vom Himmel her rufend und zündend in die Schäumung, und die Tiefe unten drängte vom Abgrund herauf mit unwiderstehlicher Inbrunst. Da lächelte es aus der Empörung hervor, wie ein niegesehenes Gesicht, und schlug zwei wunderbare Augen auf, und streckte zwei lilienweisse arme aus, und ordnete sich in die sanftschwellende Harmonie des Leibes. Die Gestalt war geboren, und die Tiefe hatte ihre Ruhe gefunden. Die Schönheit stieg mit verschämten Wangen an das Ufer der Erde. Venus wurde von