1835_Mundt_132_70.txt

nur erst eine flüchtige Ueberschau durch die Reihen dieser Schule gehalten, blieb ich vor einem ungeheuern Bilde des Niederländers Rembrand stehen, vor dem ich wie eingewurzelt verweilen musste, und nicht wieder mich abzuwenden vermochte. Dies Bild traf mich wie ein Schlag auf die Brust, und es war, als gerönne mir das Herzblut und als stiegen Tränen in meine Augen, die des Daseins ganzen Schmerz ausweinten. Mit wankender stimme bat ich den Aufseher, mir doch dies Bild aus der Wand herauszuschrauben, damit seine dunkelbräunlichen Töne in eine noch schärfere Erhellung gegen das Licht sich mir rückten. Er tat es, und nun traf es mich blitzend klar, nun traf es mich mit seiner ganzen niederschmetternden Gewalt und überirdischen Hoheit. Nun stellte ich mich bald hier, bald dort hin vor das Bild, und hielt die Hand vor die Augen, und griff an mein zukkendes, scheu zurückbebendes Herz. Wer hat nicht von diesem Bilde gehört? Es ist Christus vor Pilatus, und Pilatus wäscht seine hände in Unschuld!

Pilatus wäscht seine hände in Unschuld! O, es ist ein ungeheuerer Weltgedanke, der da in diese stille erhabene Gruppe sich zusammengedrängt hat! Und der Maler hat mit einem tiefsinnigen Ernst die ganze Grösse des Moments in sich durchempfunden, und ein mächtiger Geist der Erfindung ist in seinen schöpferischen Pinsel geströmt. Der gebunden stehende Gott vor dem irdischen Richter! Diese Gestalt des Christus ist die merkwürdigste; sie ist unvergleichlich und unbeschreibbar. In dem kräftig gedrungenen Körper, in der herausgehobenen Stärke der gefesselten Glieder, liegt ein heimlich gewaltiges Bewusstsein des Gottes, das sich nur selbst verschweigt, aber zugleich überstiegt sein Antlitz ein unendlicher Gedanke der Trauer, die es ausspricht, dass der Gott seine Stunde und sein Schicksal erfüllt. Die grosse welterschütternde Frage: cur deus homo? stürmt hier gewaltsam auf die bang betrachtende Seele ein. Und der blick gleitet hinüber auf den Knecht, welcher den gebundenen Gott festält. Dies Gesicht des Knechtes hat der Maler vortrefflich erdacht, und nicht minder darin die Grösse seiner Anschauung ausgedrückt. Es ist die nichtsahnende D u m m h e i t , die auch von Gott erschaffen ist, damit Einer da sei, der in der Welttragödie die Bedientenrollen versehe. Die Dummheit dieses Knechtsgesichtes ist darum nichts desto weniger tragisch; sie gehört eben in die Tragödie hinein. Die weltistorische Bedeutung der Dummheit ist hier von Rembrand mit einer schneidenden Kälte und Ruhe des Pinsels ausgemalt. Der Knecht hält den Gott, damit der Gott nicht etwa entlaufe. fest hält der Knecht den Gott, und doch ist der Gott keinem ferner und unerreichbarer, als ihm. Mahnender tritt die Empfindung der göttlichen Nähe den Pilatus an. Sein wehmütig edles Gesicht, während er sich das wasser über die hände schütten lässt, ist sehr schön, und ihn überkommt eine Ahnung von Dingen, die er nicht zu begreifen noch zu bewältigen vermag. Aber er muss das irdische Recht vollstrecken, und er tröstet sich mit der P f l i c h t . Dort hat die Dummheit dieser Welt den Gott gebunden, und hier wäscht die Pflicht dieser Welt ihre hände in Unschuld. Da ist der Gott verraten, und jetzt gedenkt man daran, wie sein Reich nicht ist v o n d i e s e r W e l t . Aber durch Pflicht und Dummheit muss der menschgewordene Gott in den Tod stürzen, denn er will das ganze los des Menschlichen teilen, weil er Fleisch geworden ist. Dadurch hat er dann wieder das Fleisch dieser Welt geheiligt. Und doch wäscht Pilatus seine hände in Unschuld!

Cur deus homo? diese Frage machte mich immer ernster, diese Frage machte mir tieftraurige Gedanken. Ich ging mit zagenden Schritten vor dem Bilde auf und ab, und schaute bald hinauf zu seinen gewaltigen Gegenständen, bald schlug ich die Augen wie geblendet nieder. In der ganzen Welt lag von Uranfang her eine unendliche Zerrissenheit ausgesäet, seufzte ich! Gott wohnte im Himmel, und die Menschen wohnten auf der Erde, und das war die ursprüngliche Weltanschauung, es gab eine andere nicht. Durch diese Weltanschauung blitzte jedoch immer die seltsame Ahnung einer längstvergangenen Einheit des Menschengeschlechts mit Dem, nach dessen Ebenbilde es erschaffen worden, hindurch. Daher in den Urgeschichten aller Völker der wunderbare Frühsonnentraum des Paradieses. Und durch jede Brust ging nun das ewige Ziehen und Bewegen nach der Einheit, sie war der Universalschmerz des gesammten Geschlechts. Der Schmerz ist der Vater aller Bewegung, und der Schmerz trieb die Menschen, in allen Zustanden sich herumzuwerfen, es war der Schmerz um die wiedergesuchte Einheit. Der Schmerz um die Einheit machte die geschichte. Aber es war ein seltsames Schicksal, wie wenig Einheit gewinnen konnte der Mensch. In seinem Herzen walteten nichts als feindlich getrennte Mächte, und sein Haupt umschwärmten wie unglückbedeutende Vögel seine zwieträchtigen Wünsche. Was er heute geliebt, musste er morgen hassen, und der eine teil seines Daseins wusste von dem anderen teil nichts, oder stand kriegführend gegen ihn auf. Es lagen zwei Welten in ihm auseinander in schreiender Spaltung, von denen die eine Abscheu trug vor der andern, und Gott und Welt, Himmel und Erde, Geist und Fleisch, blickten sich aus unabsehbaren Fernen ohne Liebe und ohne Versöhnung an. Wer der Freiheit nachstrebte, fiel der Knechtschaft des Fleisches in die arme, und wer in der Knechtschaft schmachtete, weinte laute Tränen um Freiheit des Geistes. Ein ohnmächtiger Groll seufzte durch die ganze Existenz, und die düstre Melancholie des im Fleisch versunkenen Aegyptens und die