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brachte, und die auch Form ihrer Religion wurde. Daher die Aufgabe dieses Menschenalters, die Schönheit hervorzubringen, und eine seelige Harmonie des Körperlebens an ihren Zuständen auszubilden. Eine Aufgabe, die nun auch das Christentum in einer höheren und umfassenderen Bedeutung überkommen hat. Denn wird sich nicht endlich auf seiner Grundlage in einem tieferen Sinne ein harmonischer Bildungszustand des Menschen entwickeln, in dem Welt und Geist sich in einer kräftig zusammenwirkenden Einheit mit einander bewegen und durch Ueberwindung ihrer alten Trennung ein unendliches Glück gründen?

Warum bin ich also traurig? Warum ergreift mich diese plötzliche Wehmut, und lähmt mir die Freudigkeit meiner Gedanken? Die gotische Dämmerung von St. Veit ist es, und die Perspective in das Jenseitige, die meine Seele erbangen macht und Seufzer meinem Herzen entlockt. Nun fliehe ich die späte Einsamkeit dieser melancholischen Kirche, mein Fuss durcheilt, wie von Gespenstern getrieben, den finstern Kreuzgang, und die hohe Pforte schlägt langsam in einem einförmigen Takt hinter mir zu. Da bin ich entschlüpft. Wieder hinaus in die Welt! Die helle, strahlende, brennende, drängende, farbige, strömende, unaufhaltsame Welt! Es hat aufgehört zu regnen. Die Sonne ist blitzend aufgegangen mit erneuten Flammen an dem blauen lächelnden Firmament. –

Und für heute sei zufrieden mit mir! Ich will und kann diese Dinge, die mich schon seit einigen Jahren unaufhörlich beschäftigen, jetzt nicht weiter ausdenken. Aber Du magst Dich nur gefasst machen, dass ich bei der nächsten gelegenheit wieder darauf kommen und nicht ablassen werde, diese Gedanken mit Dir durchzusprechen und ins Klare zu bringen. Zu Dir, meine Heilige, rede ich gern davon, und Du weisst doch, warum? Aber meine Ansichten über die sogenannte Wiedereinsetzung des Fleisches, wie ich sie Dir heute und früher schon angedeutet, drucken zu lassen, könnte ich mich nie entschliessen. Wie sehr würden mich Diejenigen missverstehen, die überhaupt nicht verstehen! Und doch wäre es unserer Zeit, wie keiner anderen, höchst notwendig, darüber auf's R e i n e zu kommen. Ich sage mit Absicht, auf's R e i n e ! Freilich gibt es auch Reine, denen nicht Alles rein ist. Nun, Jedes auf gut Glück! Was liegt auch am Missverständniss? Ich finde im Gegenteil, dass es zu wenig Missverständnisse heutzutage gibt, und daher die viele klare Langeweile, an der unsere Zeitgenossen leiden. Deshalb glaube ich, man macht sich verdient um die Bewegung, wenn man sich recht tief dem Missverstande preisgibt. –

bleibe Du mir nur gut, o Heilige! – Und Du! Du! an die ich immer denke! Du! Du! – Du weisst doch – – –

An meine Heilige.

V. Wien.

Pilatus wäscht seine hände in Unschuld.

Seit acht Tagen wiederhole ich mir nun alle Morgen, wann ich aufstehe, das: Auch ich in Wien! und doch habe ich noch keine Zeile an Dich darüber zu Papiere gebracht. In die unendliche Lebenslust, wie sie hier in schaumenden Bechern ausgeschenkt wird, mag ich mich wohl für eine Zeitlang stürzen, aber es ekelt mich nachher an, etwas davon aufzuschreiben oder gar Betrachtungen darüber zu machen. Es ist eben der Genuss der Stunde, die nichts als Stunde sein will und kann. Und den guten, tandelhaften, kindischen, liebenswürdigen Wiener mag ich, so lange ich einmal hier bin, gern leiden, obwohl ich nicht für das Leben mit ihm umgehen könnte, eben so wenig als für immer in einer ganz an den Augenblick verlorenen Stadt wohnen, in der man am Ende nur durch eine verzweiflungsvolle Ascese wieder zu sich selbst käme. Dieses an den Augenblick Verlorensein ist jedoch nicht der historische Trieb, der sich in Paris stündlich auf der Gasse herumtummelt, in der eiligen Begier, vom laufenden Strom der Tagesgeschichte und der öffentlichen Bewegung mit erfasst zu werden. Wien will nichts als panem et Circenses, und hat keine andern historischen Triebe, als zum Sperl, zum Strauss, in den Prater, in den Augarten, zu Lanner und Morelly, in den Volksgarten und zur Promenade am Graben und Kohlmarkt. Danach läuft und rennt es atemlos, darum schmückt und trägt es sich im festlichen Prunke, und die Dreivierteltakte eines Strauss füllen die Weltgeschichte eines ganzen Tages aus. Darum nichts heute von allen diesen Herrlichkeiten, die mich zwar berauscht, aber auch noch nicht einmal zu einem Epigramm begeistert haben. Doch wird es gewiss noch kommen, und meine nächsten Blätter an Dich sollen Dir eine kindisch frohe und mitfühlende Beschreibung aller dieser Wienerischen Lustbarkeiten liefern. Auch von der herrlichen, wunderbar grossartigen Stephanskirche, vor der ich noch immer in staunender Ehrfurcht vorübergehe, und von der Aussicht über die Stadt, welche ihr alle übrigen an Höhe überragender Turm gewährt, rede und schildere ich Dir heute nichts, gute Madonna! Ich bin jetzt nicht aufgelegt zum Schildern und zum Beschreiben, und ich könnte denken, ich wäre krank, so schreit mein Herz in mir, wie eine zersprungene Saite.

Ich fuhr am heutigen Morgen in die schöne Vorstadt Mariahilf, um die Esterhazysche Gemälde-Gallerie zu besuchen. Und davon lass Dir jetzt erzählen, liebe Heilige! Dies trifft mit der Stimmung meiner Seele zusammen, und hat auch in die Deinige etwas hineinzureden.

Ich war ganz allein in den schönen, regelmässig nach der schulen Ordnung abgeheilten Sälen. Diese Gallerie ist besonders reich an spanischen Malern, von denen sie grosse und seltene Schätze besitzt, aber nachdem ich