, nachdem er die Hoffnung aufgegeben, je wieder auf französischen Boden zurückzukehren. Die alte Austria steht noch fest, sie hat eine reiche und grossartige Aristokratie, wie wenig andere Länder, und das Volk hat Ehrfurcht vor der Aristokratie, wie kein anderes Volk. Kann es dauerhaftere Verheissungen für die Stabilität geben? Selbst in England ist der Toryismus bereits für untergraben anzusehn, während die österreichische Aristokratie ihren ganzen unversehrten Glanz noch erhalten, ja immer strahlender und mächtiger sich erhebt. Daher gibt es fast keine einzige zweideutig schillernde Richtung im österreichischen Staat, nirgend liegen verschiedenartige und entgegengesetzte Elemente im Kampf, woraus eine Bewegung ihren Anfangspunct nehmen könnte, und diese patriarchalische Einheit der Zustände, die fernab von der übrigen europäischen zivilisation steht, verbürgt noch auf unabsehbare Jahre die Legitimität. Und da ich von dem Kampf verschiedenartiger Elemente gesprochen, fällt mir noch das Schloss des Grafen Czernin ein, das ich hier in Prag mit Verwunderung gesehen. Dies ist vielleicht das einzige Grafenschloss im ganzen land, in welchem demokratische Bestandteile ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Ein herrlicher, in dem grossartigsten Styl erbauter Palast, aber er steckt voll von pöbelhaftem Radicalismus. Aus den hohen Fenstern hängt an hölzernen Stangen zerlumpte Wäsche zum Trocknen heraus, und durch das colossale Portal geht nichts als armseeliges Bettlergesindel, in schmutzigen und dürftigen Gestalten, aus und ein. Ist das nicht ein Contrast verschiedenartiger Elemente in einem erhabenen Aristokratenschloss? Doch der Graf hat es um G o t t e s w i l l e n getan. Mildtätigen Sinnes, hat er den Armen und Bedürftigen seinen ganzen Palast zum Wohnen überlassen. Aber diese grossartige Verschmelzung von Aristokratie und Radicalismus hat etwas ungemein Ueberraschendes und Nachdenkliches. Zugleich freut man sich darüber. Ich würde mich auch freuen, wenn einmal eine Königstochter aus altem haus einen wegen demagogischer Umtriebe relegirten Studenten aus purem Mitleid heiraten wollte!
Doch wo bin ich hingeraten? Oder wo bin ich? In den abenddunkeln Gängen von St. Veit irre ich noch, dem Anschein nach ein in sich selbst versunkener Frommer, auf und nieder, und von draussen höre ich den starken Regen auf die Steine herabschlagen. Ich erbange und werde unruhig in dem einsamen menschenentleerten Dom, dessen hohe Säulen, wie alte Mystiker mit schwarzen Bärten, sich immer schauerlicher in die wachsende Dämmerung einspinnen. Meine beständige sehnsucht nach den Gestalten dieser Welt befällt mich mit unverholener Wehmut, und es brechen plötzlich in meiner Brust die Schleusen unstillbarer Schmerzen auf. Kein laut wird um mich her wach; nur hier und da noch eine einzelne Gestalt, an einem Pfeiler lehnend, oder mit leiser Bewegung an mir vorbeischwebend. Die Perspective ins Jenseitige, die zuvor an der gotischen Baukunst dieses Domes meinen Gedanken sich aufgetan, wird jetzt auf Einmal zu einem grossen Gefühl der Trauer tief in mir innen. Das ferne Jenseitige hilft mir nicht, und das nahe Diesseitige kann mir nicht genügen. Und Christus sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, und doch ist er zu uns gekommen, und ist selber Welt geworden. Gott hat sich aus Liebeslust ins Fleisch getaucht, und das Fleisch dieser Welt ist geheiligt worden, indem es Gott wurde. So blüht Gottes Reich überall auf der Erde, aber es ist dennoch, wie Christus verkündet, nicht von dieser Welt, das heisst: nicht von der Welt, wie sie als das von der Jenseitigkeit abgetrennte und in sich verlorene Diesseits hier dasteht. Das Diesseits, welches ohne das Jenseits ist, trägt aber noch den ganzen uralten Fluch des Fleisches auf seinem ungesegneten haupt, sowie die Erde, welche ohne die Sonne finstrer Klumpen der Materie wäre, ohne sie auch keine Wendepuncte der Bewegung hätte, um sich durch Schwingung zu erhalten, und durch Licht und Farbe zu wärmen und zu kleiden. Und die Sonne, mit ihren Alles bewegenden Weltstrahlen, bewegt auch den Klumpen, und der grosse Gott mit seinem Alles liebenden Geist hat auch das Fleisch geliebt. Den erhabenen Bund zwischen Gott und Welt hat Christus geflochten, das Jenseits ist in das Diesseits eingeströmt, und der alte Fluch des Fleisches ist der Segnung gewichen. Nur die S t a b i l i t ä t des Klumpens, nur die L e g i t i m i t ä t des Fleisches, möchte ich sagen, ist es, welche ein unheilvolles Zerwürfniss zwischen Welt und Geist unterhalten kann. Denn sobald das Reich des Fleisches sich als ein l e g i t i m e s abschliesst und auf den Tron der Erde sich setzt, ohne die freie Bewegung des Gedankens in sich einzulassen, tritt es bloss als die Ruchlosigkeit der weltlichen Form auf, die sich in sich selbst vernichten und verdammen muss. Aber der Gedanke, wenn er der ächte und freie, und nicht der abstracte ist, hat auch ein erhabenes Verlangen danach, in das Fleisch hineinzuscheinen, ohne das er nicht ist, und dann durchleuchtet er den irdischen Klumpen, der durch seinen Lichtatem hell wird und rein. Die antike heidnische Welt war nichts als das legitime und stabile Reich des Fleisches, und darum das Zeitalter der Plastik. Auch ihre Götter wurden Fleisch und stiegen in menschlichen Formen und Bildern hernieder, aber nicht wie Christus Fleisch geworden war. Diesen Göttern wurden menschliche Formen gegeben, weil sie nichts als menschliche Gedanken waren, aber sie erschienen dennoch als die erste Prophezeihung der Offenbarung Gottes im Fleische. Doch es war nur die S c h ö n h e i t des Fleisches, zu der es die ganze antike Weltanschauung