Versammlung, und die Frömmigkeit befolgt streng alle gesetz des Ceremoniells und der Convenienz. Messdiener in Tressenröcken eilen geschäftig auf und nieder, es geht zu wie in einem fürstlichen Salon. Manchen Heiligenbildern rings umher sind kostbare Schmucke umgehangen, hier und da hat eine Madonna einen Orden bekommen. Es herrscht die grösste Haltung in der Gemeinde, Jeder ist wie von der ehrfurchtgebietenden Gegenwart des Heiligen erfüllt, und Gott steht in Glorie unter seinen Schaaren, die ihm als einem sichtbaren König huldigen. Im Katolizismus ist Gott als der sichtbare König der Welt gedacht, und die Kirche als Säule und Sessel seines Trones. Darum geht der Katolik in die stündlich offenstehende Kirche, wenn er zu Gott seine Seele aufrichten will, und der innere Geheimdienst des G e i s t e s , in dem nur die Gedanken knieen und beten gehen, ohne dass sie nötig hätten, die Kirche zu suchen, liegt ihrer Gottesverehrung fern und fremd. Darum wird aber in der katolischen Kirche Gott als dem König gedient, und nicht Gott als dem Geist. Dem Katolizismus liegt ein royalistisches Element zu grund, und indem sich dazu die Heilighaltung der Tradition und die Stabilitätsidee der Kirche gesellt, macht es sich von innen heraus und durch sich selbst anschaulich, wie Katolizismus und Legitimität sich immer in die hände gearbeitet haben.
Für den Katolizismus wie für die Legitimität gibt es deshalb keine gesetz der Bewegung. Sie sind unveränderlich in ihrem Wesen, und während sich Alles in der geschichte um sie her bewegt, können sie geschichte und Bewegung nicht anders ansehn, als für einen Abfall von ihrem eigensten Dasein. Dennoch kenne ich auch Bewegungsmänner im Katolizismus. Ich denke an A n t o n G ü n t h e r in Wien, einen ausgezeichneten Mann, dessen persönliche Bekanntschaft für mich von grosser Bedeutung war. Günter hat den tiefsinnigen Strom der Speculation als Bewegungsidee in das Bestehende der Kirche hineingeleitet, und sogar die Tradition auf eine philosophische Grundlage geschoben, sodass sie nicht mehr einzeln und abgetrennt dasteht von einer geistigen Wurzel. Dadurch hat er den Katolizismus b e w e g t . Ich nenne Günter einen Bewegungsmann des Katolizismus, denn wo Geist ist, da wird Bewegung. Und sein reicher poetischer Genius hat einen die veralteten Formen überdeckenden Blütenschauer ausgestreut, und selbst der Humor kommt ihm zu hülfe, um einen frischen Jugendzauber hervorzulocken, und aus verfallenem Gemäuer grünes, duftiges Gesträuch zu treiben. Aber es ist dennoch Alles vergeblich. Günters Verdienst würde weltistorisch sein, wenn es nicht so ganz unhistorisch wäre. Denn die Bewegung des Katolizismus war schon die Reformation. So bleibt denn einem Geist, wie Günter, nichts weiter übrig, als v e r m i t t e l n d e Tendenzen einzuschlagen, die er auch bereits in seinem "letzten Symboliker" auf eine merkwürdige Weise begonnen. Auf seinem eignen Grund und Boden ist der Katolizismus nicht zu bewegen, wenn er Katolizismus bleiben soll. Ein legitimer Tron, der bewegt wird, wird erschüttert. Die erschütterte Legitimität kann nur durch neues Leben und neue gesetz wieder befestigt werden. So geht es auch den Bewegungsmännern der Legitimität selbst, die allen Parteien nur in einer zweideutig schillernden Stellung gegenüberstehen. Es gibt auch Bewegungsmänner mitten in der Legitimität. Einen solchen nenne ich Chateaubriand. Wie viel hat er nicht für die Bewegung gewirkt, selbst indem und während er für das Bestehende kämpfte! Solche Geister treibt die eigene Unruhe ihrer Kraft sogar wider Willen vorwärts, da sie nirgends Frieden und Heimat haben, bis ihre Kraft endlich in der Auflösung des Gegensatzes durch den Gegensatz mit zerrieben wird.
Auch an den seltsamen Abbé de la Mennais denke ich, und an seine Paroles d'un Croyant! Ein wie verschiedener Mann von Günter, und doch haben beide, als Männer des katolischen Fortschritts, viel Aehnliches mit einander gemein! Ja, ich glaube, dass Günter sich den früheren Schriften von La Mennais anfänglich angeschlossen hat, wenn er auch die Paroles, über die ich ihn jedoch nie sprechen gehört, schwerlich anders als verdammen wird. Denn der Jacobinismus in der Teologie, dem sich La Mennais in dieser listig berechneten Schrift hingegeben, ist der sittlich edlen und geistig reinlichen natur eines Günter durchaus entgegengekehrt. Er, der Schöpfer des speculativen Katolizismus, will eine wissenschaftliche Bewegung, welche die Parteien des Glaubens in der idee der Wissenschaft vermitteln und vereinbaren soll. La Mennais aber predigt einen religiösen Radikalismus, einen frommen Strassenaufruhr, so unglaublich auch immer eine solche Zusammenstellung klingen kann. Aber wer weiss, was noch alles für Wortformen, für pikante Zusammenwürfelungen von Adjectiven und Substantiven nötig werden, um das, was die Zeit immer bunter in einander übergreifen lässt, zu bezeichnen, denn auch in die Sprache schlägt die Bewegung schneidend ein. Und La Mennais predigt zu den Ouvriers, zu den Tagelöhnern, zu den Handwerksgesellen, er führt eine demagogische Andacht in den Schenken und niedrigeren Weinhäusern ein, und bewaffnet die gefährlichste Klasse des Volkes mit giftig scharfen Sentenzen. Die Worte eines Gläubigen sind mehr aus kirchlich politischer, als aus religiöser Bedeutung anzusehen. Es ist ein politischer Feldzug auf dem Gebiet der Kirche, mit einem grossen, zum teil einzigen Talent der Form ausgeführt. In Frankreich war diese Erscheinung längst zu erwarten, und ich wundere mich, dass sie nicht schon früher sich da gezeigt hat. Der Abbé de la Mennais, nach vorhergegangener Excommunication kaum wieder zu Gnaden angenommen vom heiligen Vater, musste es sein, der abermals durch eine mit dem grössten und salbungsvollsten Ernst