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ordentlich trunken schienen, bald auf den jungen, hoffnungsvollen Henri selbst, der sich von der Herzogin von Angoulème erst dazu am Arm stossen liess, um eine ihm von dem Priester vorgehaltene Reliquie zu küssen. Ich nahm das für ein gutes Zeichen, und obwohl ich in Frankreich nicht zu den Legitimen gehören würde, freute ich mich doch von Herzen über den Duc de Bordeaux, und die alten Henriquinquisten. Der eifrigste Reliquien-Küsser war der Herzog von Angoulème, welcher auf manche Gegenstände dieser heiligen Ueberlieferung drei bis viermal die Lippen heftete, und gar nicht davon ablassen konnte. Als sie die Kapelle verliessen, küsste er noch mit wahrer Inbrunst den an der Tür derselben befindlichen berühmten Ring, woran sich, wie mir der gutwillige Kirchendiener erzählte, der heilige Wenzel, als er zu Altbunzlau von seinem Bruder ermordet wurde, noch in der letzten Todesangst angehalten haben soll.

Die Scene war zu Ende, und die versammelte Menge begann sich allgemach wieder zu zerstreuen. Ich schritt noch langsam in den Kreuzgängen auf und nieder, und konnte mich noch nicht von dieser wunderbaren Kirche trennen, die jetzt, wo die grossen Schatten der Dämmerung von den hohen ernsten Pfeilern herabflossen, am mächtigsten meine Einbildungskraft und meine Gedanken in Bewegung setzte. Ich hatte den Herzog von Bordeaux, die Hoffnung der Legitimität, gesehen, und er hatte mir gefallen. Ich hatte bemerkt, wie er nur widerwillig einige heilige Gegenstände küsste, und hatte mich darüber gewundert, weil ich den Katolizismus immer für die Religion der Legitimität gehalten. Dennoch hatte es mir auch wieder gefallen. Jetzt wurden so weitgehende Betrachtungen über diese Dinge in mir rege, dass ich zu dem heiligen Veit ausdrücklich flehte, er möchte mich noch so lange hier in der vertraulich einsamen Halle seines Domes lassen, bis ich mich recht zur Genüge in meinen auftauchenden Vorstellungen ergangen hätte.

Dann wurde wieder die Lust grösser in mir, mich an irdischen Gestalten zu zerstreuen, statt in gefährliche Gedanken mich einzulassen. Ich lief rascher in den Gängen hin und her, dass meine Tritte durch die ganze Wölbung wiederhallten. Hier und da traf ich noch vor einem Altar oder Heiligenbild der Kirche Betende und Knieende an, darunter einige schöngebildete Frauen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der inbrünstige Ausdruck der Andächtigen in den katolischen Kirchen hatte schon oft meine Bewunderung erregt, vornehmlich bei den Pragerinnen, die zugleich nicht verfehlen, alle Lieblichkeit ihrer Gestalt dabei anschaulich zu machen. In der anmutigsten Stellung sieht man sie, den Kopf tief auf den Busen heruntergeneigt, wie selbstvergessen in ihrer Frömmigkeit dastehen, während zugleich die dadurch hervortretende Rundung des schönsten Nackens an ein blühendes weltliches Element erinnert. Und nachdem sie still und zierlich gebetet, machen sie zuletzt dem Bild ihres Patrons, vor dem sie gestanden, noch einmal eine gefällige, graciöse Verbeugung, und entfernen sich dann mit einem allerliebsten Knix aus der Kirche. Das nenne ich gute Lebensart in der Religion. Fürwahr, man ist auch dem lieben Gott einige gute Lebensart schuldig, und wenn man vor ihm betet, mag es nicht gleichgültig sein, ob man es in anständigen und schönen Formen tut, oder mit plumpen und ungebildeten Manieren. Der Katolizismus ist die Religion der schönen Lebensart vor Gott, die Religion der glänzenden Formen in der Andacht. Es gab einmal einen gewissen Pietismus, der in ein höchst vertrauliches, ich möchte sagen bürgerlich-familiäres verhältnis mit dem lieben Gott geraten war. Dies war die Spenersche Hauspostillen-Zeit, die Morgen- und Abendsegen-Periode in der Teologie. Diese Frommenund ich mag nicht untersuchen, wieviel es ihrer noch heutzutage gibtdiese dachten sich den lieben Gott nicht anders, als einen alten guten Papa auf dem Grossvaterstuhl in Schlafrock und Pantoffeln, mit dem sie sich Abends, selbst bis auf die Nachtjacke entkleidet, bequem und ohne Umstände unterhalten konnten. Sie sprachen mit ihm Sachen aus der Wirtschaft, rechneten ihm ihre täglichen Ausgaben und Einnahmen vor, baten ihn um Zuschuss, wo es mangelte, und gelobten ihm, dass sie sich vor Ostern keinen neuen Rock machen lassen wollten. Gott war wie ein Armenvorsteher gedacht, die ganze Welt als Spital angesehen, und der Fromme wand sich wie ein geduldiger Hospitalit von Tag zu Tag hin mit seinem pietistischen Krankensüppchen. Es war ein erbärmliches Leben, eine bettelhafte Wirtschaft im Reiche Gottes. Der Katolizismus hätte einen solchen Pietismus nie erzeugen können, sondern es war vielmehr die erste Folge des Protestantismus, welcher die r o m a n t i s c h e n F o r m e n der Religion zertrümmert hatte, ohne dass jene Zeit noch die Kraft besessen, die verloren gegangene Hoheit der Kirche durch die grössere Hoheit des G e i s t e s zu ersetzen. Daher das spiessbürgerliche verhältnis zu Gott, in dem dieser Pietismus sein Heil suchte, und worin fast alle geistige natur des höchsten Wesens in den blossen Eigenschaften eines mildtätigen Familienvaters zu grund ging.

Der Katolizismus, diese Religion der schönen Form, hat dagegen immer etwas Edles und Adliges, etwas Anstandsvolles in seiner Andacht behalten. Die Kirche wird zum Tronsaal des Allerheiligsten, dem lieben Gott werden hohe feierliche Wachskerzen angezündet, und der Priester legt prächtige Galla an, und weiss tausend Verneigungen zu machen, wenn er sich vor den Altar stellt. Glöcklein klingen, die strahlende Monstranz wird vorgezeigt, und die umstehende Schaar der Gläubigen stürzt anbetend auf ihr Knie nieder, oder verbeugt sich tief, mit einem huldigenden Grusse. Alles trägt den Charakter einer festlichen