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sich die weite, geheimnissvolle, dunkle Zukunft des nach göttlichem Ebenbild geschaffenen Menschengeistes. Und doch ist diese Unendlichkeit der Anschauung, die an Dich herantritt und in die Du alle Deine Gedanken tauchen möchtest, sie ist nur die Unendlichkeit der architektonischen Perspective, die der gotischen Baukunst eigentümlich ist. Diese Perspective in das Unbegränzte und Jenseitige, an der sich in vergangener Epoche der sehnsüchtige Geist des christentum zu diesem kühnen Schwung der Bauformen erhoben, regt mich jedoch mehr auf zu Gedanken, als dass sie mich mit einem festen Gedanken beglückte. Es ist eine sinnliche Unendlichkeit, die darin auch in ihrer wirkung Aehnliches mit der Musik hat, dass sie mehr Gedankenstimmungen erzeugt, als reine Gedanken zulässt. Diese Baukunst ist die in trunkenen Formen aufschwebende Andacht, die zu dem Unbegreiflichen betet, und so verbindet sie sich als das nebenstehende und verwandte Element mit der Kirchenmusik, um die Mystik des katolischen Gottesdienstes hervorzubringen. Der Katolizismus ist die Religion der Kirche, er bedarf der Kirche zu seinem Glauben und zu seiner Andacht. Unter freiem Himmel, wo bloss die helle Luft der Gotteswelt scheint und tagt, könnte er nicht bestehen, denn die heiligen Handlungen, die sein eigenstes Wesen ausmachen, sind an die Halle der Kirche, an Altar und Kapelle, an Messgewand, Betstuhl und Wachskerze gefesselt. Er bedarf der Baukunst der sichtbaren Kirche, der Dämmerung der Bogengänge, der Vertiefung der Kreuzgewölbe, um alle seine absichtsvollen und künstlichen Wirkungen zu erreichen, um in der Charwoche bald durch plötzlich bewerkstelligte Finsterniss, bald durch wieder aufglimmende Helle der heiligen Bedeutung der Erlösungsgeschichte eine Illusion für die Sinne zu schaffen. Er bedarf der sichtbaren Kirche, um Katolizismus zu sein. Es ist gerade wie mit der Legitimität; die bedarf des sichtbaren Trones, um Legitimität zu sein. Sie bedarf der Herrscherpracht unter goldenem Baldachin, um zu herrschen; sie bedarf der Säulen des Königspalastes, um die Macht des Bestehenden auch den Sinnen anzudeuten. Sie bedarf des Scepters und des Reichsapfels in der Hand, um die Heiligkeit der Ueberlieferung, auf der sie ruht, zu bezeichnen; sie bedarf aller durch Jahrhunderte geweihten Insignien ihrer Hoheit, um zu zeigen, dass sie über der Gemeinde, über dem volk steht, und nicht aus demselben hervorging.

Doch was rede ich von der Legitimität? Ich bin ja gekommen, um sie zu sehen. Die Vesper hat bereits begonnen, aber das königliche Oratorium oben ist noch immer leer, und meine Augen spähen vergeblich nach K a r l d e m Z e h n t e n . Die Kirche ist mit manchen andern Neugierigen meiner Art gefüllt, die sich flüsternd und erwartungsvoll in den Gängen auf und nieder bewegen. Es ist ein seltsames Leben in der schon halb verdunkelten Kirche, und ich irre unter lauter unbekannten und fremdartigen Gestalten umher. Hier und da höre ich französische Laute an mein Ohr dringen. Nun heisst es, Karl X. der arme kranke Verbannte, werde heute nicht erscheinen, und die romantisch hochherzige Düchesse de Berry ist in Brandeis. Dagegen meldet der Kirchendiener, dass der Herzog und die Herzogin von Angoulème und der H e r z o g v o n B o r d e a u x zu sehen sein werden. In der Tat befanden sich diese drei Mitglieder der vertriebenen Königsfamilie auf einem Umzuge durch die Kirche begriffen, um mehrere Schätze und Reliquien-Kostbarkeiten der reichen Metropolitane in näheren Augenschein zu nehmen. Eben kamen sie den gang herunter, um sich in die Wenzelkapelle zu begeben. Sie schritten dicht an mir vorüber, und ich weiss nicht, mich überfiel es auf Einmal, als wäre ich im grund meines Herzens ein Stocklegitimer, denn ich machte der Herzogin von Angoulème, auf deren ächt bourbonischem Gesicht der höchste Ausdruck von Trauer geschrieben stand, mit der tiefsten und ehrerbietigsten Verneigung Platz. Fürchte jedoch nichts von mir, es war lediglich die Ehrfurcht vor dem Unglück. Heiterer sah der Herzog von Angoulème aus, und schien sich den resoluten Mut, der ihn in mannigfach missgünstigen Schicksalen seines Lebens stets ausgezeichnet, auch jetzt noch bewahrt zu haben. Den kleinen Duc de Bordeaux hatte ich noch nicht genau gesehen, und ich folgte daher dem zug nach der berühmten, dem heiligen Wenzel gewidmeten Kapelle dieser Kirche. Die St. Wenzel-Kapelle, die sich gleich rechts vom Haupteingange befindet, ist die reichste an alten merkwürdigen Reliquien, Denkmälern und heiligen Erinnerungen. Sie war von Anwesenden ganz angefüllt, und es herrschte eine eigene, ängstliche, drükkende Stille, während die verbannte Familie vor dem Altar stand, und sich von dem Priester die aus mehreren Kästchen und Schränken hervorgeholten Kostbarkeiten und Heiligtümer vorzeigen liess. Der kleine Herzog von Bordeaux hat ein hübsches, kluges, verstandvolles Gesicht, mit einer sehr gemässigten Bourbonicität der Nase, dazu etwas Keckes und in die Zukunft Blickendes in seinem Auge, was, zugleich mit einer Beimischung von leiser, noch knabenhafter Trauer, ihm einen höchst interessanten Ausdruck gab. Ich muss gestehen, seine Erscheinung, die ich mir anders gedacht, gefiel mir ganz ausserordentlich, und ich hatte mich dicht in seine Nähe gedrängt, um ihn recht beobachten zu können. Hinten in der Ecke der Kapelle standen zwei alte weissbärtige Franzosen zusammengekauert, allem Anschein nach mitausgewanderte, begeisterte Legitime, die den kleinen Duc, den einzig übrig gebliebenen Gegenstand ihrer Hoffnungen, das einzig sichtbare Pfand der wiederherzustellenden Legitimität Frankreichs, mit leuchtenden Augen unverwandt betrachteten. Ich sah bald auf diese alten merkwürdigen Henriquinquisten hin, die von dem Anblick ihres letzten Bourbonen