ringt man sich wohl ab, aber die geheim in mir ziehenden schmerzhaften Gewitter lassen der Seele doch selten Ruhe, dass sie an fremde Stoffe mit ihrer inneren Werdelust sich hingebe!
Auch manches Sonstige, was ich schon das vorige Mal berühren wollte, muss ich wieder auf meine nächsten Blätter versparen. Ich bringe jetzt Alles nur in einzelnen Stücken zu stand. Es ist einmal ein zerstückeltes Leben in dieser Zeit, und das Herz hängt sich mit seinen Sympatieen an diese Zeit. Darum ist es auch zerstückelt. Mein Herz freut sich seiner Fragmente, und erschrickt ordentlich vor der Harmonie, als wäre der Welt Ende dann da. Was soll ich auch mit der Harmonie! Ich bin nicht für sie geboren.
Nimm vorlieb, Du Heilige! –
IV. Prag.
Katolizismus, Legitimität, Wiedereinsetzung
des Fleisches.
– Zwei Dinge sind es, welche auf den gemütlichen und gesellschaftlichen Charakter der P r a g e r besonders einwirken, nämlich die M u s i k und das B i e r . Der nationelle Sinn für Musik, der in Prag fortdauernd mit grosser Kunstliebe gepflegt wird, begunstigt eben so sehr eine gewisse Sanftmut und Zärtlichkeit der hiesigen Sitten, als das vortreffliche Bier, der zweite Musengott der Bevölkerung, ein mildes Phlegma, eine gedämpfte Gemütlichkeit in den Umgang bringt. Auch die schwermütige Stille, die hier auf den Strassen herrscht, scheint es mir zuweilen zu sagen, dass ich unter einer biertrinkenden Bevölkerung weile, der das künstliche Gebräu aus Malz und Hopfen über Alles gilt, sogar über die edleren Gaben des genialen Mannes Bacchus. Das Prager Bier, das in den hiesigen Felsenkellern so ausserordentlich gut und kühl erhalten wird, besitzt in der Tat, bei einem eigentümlich wohltuenden Geschmack, so substanzreiche Teile, dass es einmal ein Kenner mit Recht ein f l ü s s i g e s B r o t nannte. Und als solches wird es auch hier vielfältig genossen, da man sogar schon des Atmosphäre Prags schien mir beständig so bierdurstig, dass ich das, was ich sonst für eine Barbarei gehalten haben würde, an mir selbst erlebte. Ja, so bin ich, Heilige! dass alle Sympatieen, die es nur in der Welt geben kann, augenblicklich auf mich einwirken. Ist das nicht die alte lächerliche Vielseitigkeit an mir? Aber nun denke Dir, was es auf das Temperament eines Volkes für Einfluss haben muss, wo ein so starkes und schweres Bier zum Lieblingsgetränk geworden. Doch der Prager geniesst sein Bier selten ohne – M u s i k . Aus den niedrigsten Bierhäusern schallt Dir Harfe, Flöte, Geige, Trompete oder Trommel, fast zu jeder Tageszeit, entgegen, und so wiegt sich die sanfte Biermelancholie schnell in eine weiche Musiksymphonie hinüber, die am Ende sogar in die Füsse tritt, und die Schwere des Phlegmas zu einem rasch sich drehenden Tanz bewegt.
Doch ich merke jetzt erst, dass ich eine seltsame Einleitung gewählt habe, um mich heute mit Dir zu unterhalten. Denn wahrlich von ganz anderen Dingen habe ich mir vorgenommen, Dir zu sprechen. Ich wollte Dir von der vertriebenen französischen Legitimität, die droben auf dem hohen Hradschin ihren Wohnsitz aufgeschlagen, erzählen. Es ist bald vier Uhr, und um diese Zeit hört K a r l d e r Z e h n t e in der Schlosskirche die Messe.
"Wie schaffen?" fragt die niedliche freundliche Kellnerin, indem sie sich mit einem wohlgelungenen Knix vor mich hinstellt.
Ich schaffe heute nichts, als einen Fiaker. Der Regen giesst in Strömen herunter, die Strassen schwimmen, und ich muss hinauf zu dem erhabenen Dom von St. Veit.
Es waren bald Anstalten getroffen, um mich fortzubringen. Ich trat in den bedeckten Säulengang, und durch die Kirchtür, und hatte noch Zeit, den merkwürdigen Eindrücken, welche gotische Bauwerke immer auf die Stimmung und das Gemüt hervorbringen, mich zu überlassen. Das auf hohen gotischen Bogen getragene Schiff der Kirche, die auf mächtigen Wandpfeilern ruhenden Kreuzgewölbe, die vielen in ehrwürdiger Pracht schimmernden Kapellen und Altäre, die stille andächtige Reihe der Betstühle; grosse historische Denkmäler, ehrfurchterregend in ihrem Alter und in ihrer Kostbarkeit; auf ihren Gräbern schlafende, in Stein gehauene Könige, Heilige, Märtyrer und Wundertäter; wunderbare Wandbilder, bedeutsame Inschriften, seltsam zierliches Schnitzwerk, bunte Malerei auf dem flimmernden Zwielicht der hohen Fenster; reicher Kirchenschatz der Metropolitane, Silber, Edelgestein und Vergoldung überall; Ballustraden, Baldachine, Kruzifixe, Weihgefässe und silberne Lampen; und zu allen diesem Einzelnen die ganze, in vielfache Ecken auslaufende Halle, mit ihrem geheimnissvollen Dunkel, das zuweilen plötzlich von den aus Türen und Fenstern hereinbrechenden Tageslichtern durchblitzt wird, und mit der luftig schwebenden hohen Decke, zu der das Auge in staunender Verwunderung sich verliert; dieser Anblick und dieser Eindruck ist so gemütserregend, dass man lange bei sich nachdenkt, ohne zu wissen, worüber, und doch wiederholt er sich fast bei jeder gotischen Kirche auf die ähnliche Weise. Die historische Ehrwürdigkeit dieses alten Domes, der, schon oft dem Sturm der zeiten verfallen, sich immer wieder, wenn auch nie mehr ganz vollständig in ehemaliger Pracht, erhoben, möchte noch dazu beitragen, die heiligen Schauer zu vermehren, die beim ersten Fusstritt, den man vom Eingang aus auf den tiefer liegenden Marmorboden setzt, die Seele ergreifen. Etwas Unendliches scheint sich vor Dir aufzutun, wenn Du die ehrfürchtigen Blicke durch die unbegränzte Tiefe der Kirche hinirren lässest, es ist Dir, als öffne