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Freundinnen hin. Ihre Augen leuchteten, wie zuckende Blitze, in ihrem hochgehobenen Arm bewegte sich, wie zum Kampf, die empörte Muskelkraft. Auf, auf, zur Rache, ihr Schwestern! rief sie aus. Zur Rache an allen Männern! Kein einziges dieser Ungeheuer darf am Leben bleiben, so lange wir böhmischen Mägde walten in diesem land! Zur Rache, zu den Waffen! Jede suche sich ihre Waffe, damit wir gerüstet sind! Schlaget tot, schlaget tot, jeden Mann schlagt tot! Zu den Waffen, zu den Waffen! Jetzt will ich euch sagen vom freien weib, was es ist! Das freie Weib ist die Amazone, die gegen die Männer sicht! Die Amazone, mit Schwert und Bögen und Pfeil, ein freies Weib! Sie ist unabhängig, sie streitet für ihre Freiheit gegen die Männer! Darum auf, zur Rache, zu den Waffen! Die Amazone, mit Schwert und Bogen und Pfeil, ein freies Weib!

Da jubelten und jauchzten alle die böhmischen Jungfrauen, und im ganzen Kreise hallte und schallte es, dass der Berg erzitterte: "Zur Rache, zu den Waffen! Die Amazone, mit Schwert und Bogen und Pfeil, ein freies Weib!"

Und sie ordneten sich in Schaaren, und beschlossen, noch in derselbigen Nacht die Veste Motol zu stürmen, um sich darin zu verschanzen. Wlasta, der Mägde hochherzige Führerin – – –

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Doch hier, o Heilige, muss ich wahrlich abbrechen! Vielleicht schreibe ich Dir den Rest ein anderes Mal auf, vielleicht auch nicht. Du musst bedenken, ich sitze im wirtshaus. Und wer hat in den Wirtshäusern dieses Lebens Zeit und Ruhe, ein Kunstwerk zu schaffen? Ich mindestens nie, mit meiner flatterhaften Muse, die so wenig reelles Sitzfleisch jetzt hat. Also gehe ich lieber spazieren, da ich einmal auf der Reise bin.

Ich habe Dir jedoch wenigstens die Exposition zu dem böhmischen Mägdekrieg gegeben, wie ich ihn mir denke, und ich wundere mich recht, dass alle bisherigen Bearbeiter dieser geschichte, sowohl der an manchen lyrischen Schönheiten reiche Karl Egon Ebert, als auch van der Velde in seiner bekannten Novelle, die eigentlichen Motive dazu, wie ich sie aufgefasst, so ganz verkannt haben. Du musst Dir nun aber weiter denken, wie sich aus diesem kühnen Beginnen der Mägde der blutigste Krieg entsponnen, welcher einige Jahre lang das ganze Land verheerte; wie allmählich alle Frauen im gesammten Reiche Partei ergriffen wider ihre Männer, und den öffentlichen Kampf der Jungfrauen durch kleines häusliches Gewehrfeuer unterstützten; wie alle Morgen Männer, welche die Oberherrschaft des Weibes nicht anerkannten, ermordet im Bette gefunden wurden; wie die kriegerischen Jungfrauen, nachdem sie sich lange auf der Veste Motol verschanzt, sich endlich ein eigenes Schloss erbauten, das berühmte Schloss D i e w i n (von diewicze, die Jungfrauen), weil es ganz von jungfräulicher Hand erstanden, und kein Mann auch nur einen Stein zu seinem Bau getragen; wie in diesem Mägdeschloss die Jungfrauen einen eignen Staat errichteten, und sich in allen ritterlichen und männlichen Künsten, bald mit dem Speer, bald mit dem Bogen, bald zu Ross, bald zu Fuss, beherzt und geschickt übten und ausbildeten; wie von Przemysl und seinen Schaaren das Schloss Diewin vergeblich belagert und bekriegt wurde; wie die Mägde viele und herrliche Jünglinge des Landes, unter dem trügerischen Versprechen ihrer Gunst, zu sich auf das Schloss lockten, und dort mit schmählicher List ermordeten und verstümmelten; wie Alles, was einen Bart hatte im Reich, endlich in die allergrösste Verzweiflung geriet; wie Przemysl einen ordentlichen Landtag wider die Weiber ausschrieb; wie die furchtbar schöne Wlasta sich als die Königin des Reiches anzusehen begann, und eine neue Landordnung, ein eigentliches Amazonen-Edikt, verfasste, wonach jedem Knaben, der im land geboren worden, der Daumen an der rechten Hand abgeschnitten, das rechte Auge aber ausgestochen würde, damit er zu jeder Kriegstat unfähig sei, wonach ferner jedem Mägdlein, das geboren worden, die rechte Brust mit einem glühenden Eisen abgebrannt werden solle, damit sie ihr nicht wachsen und sie im Spannen des Bogens verhindern könne, wonach auch die Männer nur den Ackerbau betreiben, die Jungfrauen aber im feld streiten sollten mit den Feinden, und wonach endlich eine Jungfrau Den, der ihr wohlgefiele, zum mann zu nehmen die Macht hätte, und überhaupt alle Freiheit, welche sonst ein ungerechtes Schicksal den Männern zugewiesen, für sich gewönne. Dann wirst Du jedoch auch sehen, wie diese etisch-gesellschaftliche Revolution, in welcher sich das freie Weib als Amazone constituirte, zuletzt einen entsetzlich tragischen oder vielmehr sehr gewöhnlichen Ausgang nahm. Denn als die Männer jene neue Landordnung der Wlasta gehört, erschraken sie so sehr und so gewaltig, dass sie sich nun aus allen Teilen des Landes zusammenrotteten, und mit der letzten Kraft ihres Mutes, auf Leben und Tod, einen Sturm unternahmen auf das Mägdeschloss Diewin. Nach einer fürchterlichen Schlacht betätigte sich endlich das biblische Wort: Er soll Dein Herr sein! und die Jungfrauen, die nicht durch das Schwert fielen, wurden geheiratet, und gelobten Treue und Gehorsam, und ein sanftes Gemüt. – –

Doch genug davon! Ich wünschte wohl, dass ein junger talentvoller Dichter diesen Stoff einmal nach meinen Ansichten, wie ich sie in der Exposition angedeutet, bearbeiten möchte! Du lieber Gott, wer doch heute den Frieden dazu hätte, talentvoll zu sein! Aeussern Frieden und Heiterkeit