Wolken, und reicht mit ihrer Hand von oben bis tief in mein Herz. Sie schreibt die Schrift der Sterne eifrig in meine Gedanken ein, und ich halte süssbewegt still, wie wenn ein Gott mich berührte. Und die Schrift der Sterne ist es, die mich lesen lässt, was die hinten schwankende Zukunft bedeutet. Und Wald und Strom, und Vogel und Blume, und Luft und Licht werden lebendig, und reden ein Wort mit, und ich kann Alles verstehen, was ist und kommen wird. Ich sehe und verstehe grosses Unheil, immerwährende Kriege, gespaltene Meinungen, himmelstürmende Verzweiflung, philosophischen Jammer und politische leidenschaft, jedem Jahrhundert seine Seuche und jedem Menschenherzen seinen Todesschmerz. Und bebend frage ich die Geister der Zukunft um unser Geschlecht, ob es frei sein wird? Und seht, seht, seht, es treten aus dem Nebelglanz der Ferne seltsame Gestalten vor mich hin. Unser eigenes Schicksal kann ich nicht erkennen, denn der Geist darf sich nicht selber schauen, das verwehrt das Verhängniss. Aber ich höre Waffen an mein Ohr schlagen, und die Blüte meines Busens zwingt sich wie in einen eisernen Kriegspanzer, und eine breite Wunde bohrt sich bis in mein Leben hindurch. Nun sehe ich schönere Jahre herankommen, ein lyrisches Zeitalter der Frauen spriesst auf. Die Poesie schmückt sie, die Minne verherrlicht sie, und das Rittertum holt seinen Dank aus ihren huldspendenden Händen. Auf dem Söller blinkender Schlösser stehen sie freundlich da, und begeistern durch ihren Anblick zum Sieg in der Schlacht, zur Sitte im Leben, und zur Ehre im Wandel. Aber das Zeitalter der Minne macht das Weib nicht frei. An Haus und Heerd und an die Stille des Zwingers gebannt, überlässt sie des Lebens freie Bewegungen den Männern. Dann sehe ich fromme Gesichter meines Geschlechts, betende Jungfrauen in dunkeln Zellen, verzückte Mädchen, welche die Gewalt eines Gottes ergriffen haben muss. Alles grosse Versuche des Weibes, sich zu befreien, und über das gemeine Alltagsloos ihrer Bestimmung sich zu erheben zu höherer Erleuchtung des Geistes. Aber auch die Mystik und die beschauliche Klosterzelle macht das Weib nicht frei. Es verliert sich in Gott, und überlässt des Lebens freie Bewegungen den Männern. Und ich sehe eine liebliche Jungfrau, die erst die Lämmer im Tal weidete, dann, vom Geist gerufen, den Helm auf ihr Haupt setzte, und gegen die Feinde des Vaterlandes in die Schlacht zog. Sie will zeigen, dass das Weib auch ein Vaterland habe, und Alle folgen jauchzend dem Mädchen aus Orleans, und siegen unter ihren jungfräulichen Bannern. Aber dann naht das alte schwarze Verhängniss unseres Geschlechts, und es ruht ein Fluch auf der Tat, weil sie ein Weib vollbracht hat. Sie können es nicht glauben, dass das Weib vom Vaterlandsgeist getrieben wird, und verbrennen die Zauberin. Das Weib hat kein Vaterland, sie können es dem hohen Mädchen aus Orleans nicht glauben. Auch die Vaterlandsbegeisterung macht das Weib nicht frei, und es überlässt die Freiheit der öffentlichen Bewegung den Männern.
Jetzt sehe ich eine Kirchenversammlung von grossen und gelehrten Männern, wo eigens untersucht und mit den genauesten Gründen und Gegengründen gestritten wird, ob die Frauen Menschen seien? Dann dringt mein Auge weiter und weiter durch den Schleier der Jahrhunderte, und ich gewahre milde zeiten des Familienglücks auf den Gesichtern unseres Geschlechts. Ich sehe ein häusliches Stubenleben, ein bürgerliches Zeitalter der Menschen, in dem die Frauen viel gelten; sie stricken, nähen, schenken den Tee ein, und sprechen angenehm. Mir wird kläglich dabei zu Mute, und ich wende den blick auf Andere hin, und sehe bücherschreibende Weiber, mit Gelehrsamkeit und Künsten sich abgebende holde Mägdlein, wieder grosse Versuche, das Weib zu befreien. Aber das Familienglück, das bürgerliche Zeitalter und das Bücherschreiben machen unser Geschlecht nicht frei. Es muss noch immer des Lebens freie Bewegungen den verhassten Männern überlassen. Nun führt mich mein Geist fern gegen den Norden hin, und ich sehe einen Mann in seiner Studirstube sitzen, der schreibt eifrig und sieht gedankenvoll aus. Ich weiss nicht, ich muss den Mann lieben, es ist mir, als schriebe er mir meine Gedanken auf, und die Gedanken unserer Frau Libussa. Er heisst Hippel, und er schreibt über die bürgerliche Verbesserung der Weiber, und über die Ehe. Er will, dass das Weib ein Vaterland haben solle, und eine Stelle im Staat, und seinen schönen teil an aller Freiheit der öffentlichen Bewegung. Er ist der Erste unter allen Männern, in dem der grosse Gedanke Libussas wieder hervortaucht, denn kein Gedanke geht im Meer der zeiten verloren. Und o, o, seht, wie mir der Geist nun hilft, die Erscheinungen zu verknüpfen. Da zieht es mich hin weit in eine andere Gegend, und ich schaue eine mächtige Stadt, die heisst Paris, und eine Strasse, die wird die Strasse Taitbout genannt. Dort ist ein Saal, in dem Männer mit langen Bärten versammelt sind, die eine besondere Weisheit unter sich verabredet haben, die heisst der Saint-Simonismus. Sie tragen eine weisse, hinten zugeknöpfte Weste, weisse Beinkleider, eine blaue Jacke, und Kopf und Busen sind ihnen ganz entblösst. Sie sehen närrisch aus, und sprechen über die Weiber. In ihrer Mitte sitzt Einer mit Namen Enfantin, der sich den obersten Vater der Simonisten nennt, und neben ihm steht ein leerer Stuhl, auf dem d a s f r e i e W e i b noch erwartet