Lebens göttliche Freiheit geatmet, und ihr Herz empörte sich, wenn sie der häuslichen Sclaverei ihres Geschlechts gedachten. Des gemeinen Volkes Reden verachteten sie, denn sie waren jung und mutig, und fühlten edlen Stolz in der Grosses sinnenden Seele. Die hohe Wlasta aber trat mitten unter sie, und versammelte sie alle um sich her, und hiess sie, ihr folgen. Dann eilte das schöne kecke Mädchen mit hastigen Schritten voran, und die übrigen, die ihr gern vertrauten, zogen der Führerin nach, nicht wissend, was diese in ihrem oft erprobten Geist bewege. Und Wlasta beeilte sich immer stärker, denn sie war geschwind wie ein Reh, bis sie und ihre Jungfrauen der Menschen Häuser und Gesichter verlassen hatten. Sie schritt vor den Andern her, wie eine Königin, und Haar und Busen flogen ihr wunderbar vor Wut und Schmerz. Sie war die Schönste und Stärkste unter Allen, und die hochgebauten Glieder waren weiss und frisch und gewaltig, wie ein sprudelnder Bergquell. Heldenmütig und herausfordernd in ihrem Wesen, war sie doch freundlich und glänzend an Gestalt, und wenn man sie in rascher Bewegung dahinschweben sah, leuchtete sie von Kraft und Anmut, von Hoheit und süsser Lieblichkeit zugleich. Sie hatte etwas Kriegerisches in ihrer natur, und doch einen friedenschliessenden Zug um die schwellenden Lippen. Sie trat wie eine Siegerin auf, wann sie den schlanken Fuss setzte, und wild blickte ihr holdes Auge, wie auf einen Feind. Und in alle Wildheit mischte sich doch die weiche Jungfräulichkeit ihres Mädchenwesens. So war sie die Erste ihrer Gespielinnen, und alle liebten und ehrten die Wlasta, der Keine glich.
Die Jungfrauen traten jetzt in kühlende Waldesschatten, und erreichten den Berg Widowle, auf dessen grünem Gipfel vertrauliche Einsamkeit lag. Hier befahl Wlasta den Mädchen, sich zu lagern, und sie selbst, in ihrer Unruhe, blieb vor ihnen stehen, und sagte: Ihr lieben Gespielen, hieher habe ich euch geführt, damit wir über unsere Bedrängniss, die zu den Göttern klagt, uns beraten können. O ihr trefflichen Mädchen, gibt es wohl ein höheres Gut, als die Freiheit? die Freiheit, welche Luft und Himmel und Bewegung und Leben und Alles ist. Die Freiheit, an deren Busen ihr gross und schön geworden seid, von der ihr die Milch der erkenntnis getrunken und die Frucht eurer untadlichen Bildung geerntet habt. Die Freiheit, in deren Schooss allein Sitte, Tugend, Liebe, Tapferkeit und Glauben an die Götter gedeihen. Und mit unserer Frau Libussa ist uns auch unsere Freiheit gestorben. Nicht in uns und in unsern Gemütern ist sie gestorben, sondern in den wankelmütigen und unedeln Meinungen der Männer. Libussa wollte unser Geschlecht erlösen, sie hatte ihm die Freiheit bestimmt, denn nur in der Freiheit können wir unser Wesen erheben auf eine höhere und schönere Stufe der achtung. Libussa beherrschte das Land, und die Männer gehorchten ihr, und an uns bildete sie, wie sie das Frauengeschlecht in seiner künftigen Unabhängigkeit und Geisteserweckung sich dachte. Liberté pour toutes les fammes! das war der Grundsatz, teure Freundinnen, in dem wir erzogen wurden. Ich hoffe, wir machen alle unserer grossen Bildnerin keine Schande. Freiheit, Freiheit, Freiheit für uns Alle! Denn dass dieser geistlose Herzog Przemysl unser Geschlecht verachtet, und ein arger Feind unserer liebsten Hoffnungen ist, habe ich schon, als unsere hochseelige Fürstin noch lebte, ahnungsvoll in meinem Geist erschaut. Und seinen Sohn, den ihm Libussa geboren, wird er gewisslich dazu anhalten, dass er unserer noch viel weniger achtet. Auf also, auf, ihr Jungfrauen der Libussa! Es gilt einen Entschluss zu fassen, dass wir und unser Geschlecht nicht schmählicher Dienstbarkeit, die uns droht, anheimfallen! Das Weib muss frei sein, sonst ist es verachtungswürdig, denn zur Freiheit haben die Alles wohlbedenkenden Götter nicht bloss den Mann erschaffen! Die Freiheit ist überall und in jedem Herzen, das Flügel hat, um sich über das Gemeine zu erheben!
Hier endete die herrliche Wlasta ihre Rede, und liess sich mit einem lauten, brustzersprengenden Seufzer unter einen Baum sinken. Dann stützte sie das schöne, gedankenvolle Haupt in die Hand, und sass lange, von einem wunderbaren Tiefsinn umfangen, da. Die Andern schwiegen bange, und es war still und heimlich wie in einer Kirche. Alle blickten nur mit scheuen Augen auf die tiefsinnig gewordene Jungfrau hin, und es war ihnen, als müssten sie noch bedeutsam geheimnissvollen Worten aus ihrem mund entgegenlauschen. Der Wind flüsterte mit düster raschelnder Zunge über ihnen in den Wipfeln der uralten Eichen, ein grossmächtiger Adler flog mit verworrenem Geschrei auf aus einem Spaltenriss des berges, tiefhängende Wolken verfinsterten die Fernsicht, es wurde eine seltsame magische Dämmerung ringsher um die näher an einander geschmiegten Mädchen. Da rief Stratka, eine liebliche Brünette, plötzlich: Sehet, es ist über Wlasta der Geist Libussas gekommen, der Geist der Weissagung!
Und Wlasta streckte die Hand aus, und das strahlende Gesicht umflog eine dunkle trunkene Röte. Sie setzte sich hoch aufrecht, es schien Allen, als sei das wunderbare Mädchen grösser und ihre ganze Gestalt leuchtender geworden. Dann wies sie mit dem Finger in die Ferne, und sprach: Ich sehe die Zukunft. Dort hinten steigt sie in schwankender Gestaltenreihe aufwärts, und wälzt sich bis zu mir heran, und beginnt mit meinem Geist vertrauliche gespräche. Die Sterne über mir fangen an golden zu erglänzen, wie in schöner Mainacht, und Libussa sitzt gross in den