schreiben liesse, so reichhaltig ist dieser Gegenstand. Wer könnte in Prag leben, ohne zu einem solchen buch, dessen schönste Stellen gewiss kein Censor streichen würde, sorgfältige Studien zu machen. Du aber bist eine Heilige! Deshalb mach' ein erhabenes Gesicht dazu, wo ich allzu unverschämt lobe und sehe. Ich muss loben und sehen, und Du kannst Dir immer noch etwas Anderes dabei denken, als ich sage. Aber soviel sage ich Dir, dass sogar der alte seelige Campe in seiner "Reisebeschreibung von Braunschweig bis Carlsbad und Böhmen" nicht aufhören kann, die ausserordentlichen Vorzüge der schönen und gutmütigen Pragerinnen zu preisen. Und das war Campe, ein Mann von grundsätzen, der aus Philosophie Wassersuppe ass, nur der Pädagogik wegen reiste, einen plüschenen Jelängerjelieberfrack und Schuhe mit grossen silbernen Schnallen trug, und wohlerzogepaar Dreier von einer alten Frau Bücher borgte, las ich diese Reisebeschreibung, und weiss noch recht gut, wie es mir damals auffiel und Nachdenken machte. Ich konnte den Campe nicht begreifen, der mich in einem anderen Buch vor dem Umgang mit dem weiblichen Geschlecht so sehr gewarnt hatte, dass ich mir einmal die kleine Nachbarstochter genau ansah, ob sie wirklich ein so gefährlich Ding sei? Jetzt bin ich ein grosser Mensch geworden, schreibe selbst Bücher für ein paar Dreier, habe heisses Blut, und begreife den Campe. Campe, Campe, ja Campe hat meine Augen zuerst auf die Schönheit der Pragerinnen hingelenkt, und in die weltberühmte Tugend dieses soliden Mannes, dieses reellen Kindervaters und Pädagogen, wahrhaftig, in seine Tugend hülle ich mich, indem ich in diesen glühenden Himmelstrich reizender Formen mich wage. Campe, dieser zuverlässige Mann, soll Alles verantworten, was mir hier begegnet ist, und an ihn wende man sich, wenn mir Einer Vorwürfe machen will über die Folgerungen, die ich aus meinen in Prag regegewordenen Betrachtungen jetzt oder bald ziehen werde.
Das sind hier Töchter des Landes, die im wahrsten Sinne diesen Ehrennamen verdienen. Nationale Schönheiten, denen an scharfgezeichneter Eigentümlichkeit keine andere Bürgerin einer deutschen Stadt sich vergleichen lässt. Das langweilige Geschlecht der Berlinerinnen mag anziehen durch Tugend, Tournüre, Vorzüge einer feinen und schlanken Gestalt; die sinnliche Wienerin durch lebhaftes Augenspiel, grossartige Grundsätze, brennbare Lebensstoffe von Kopf bis Fuss; die leichtgeartete Münchnerin durch ein regelmässig gebildetes, sinnig lauschendes Gesicht, das einem Stieler zum Meisterwerk sitzen konnte; die niedliche, naive Schwäbin durch freundlich zutätiges, Alles gerade heraussagendes, convenienzloses Wesen; die kleine heiratslustige Leipzigerin durch selbstgefällige Zierlichkeit, Freigebigkeit des Blickes, redseelig plauderndes Mundwerk; die grosse farrenäugige Hamburgerin durch irdische Frische, Reichtümer der natur, und derbe Resultate des good eating. Die Pragerin zieht vor Allen an, weil sie eine Pragerin ist, ein böhmisches Mädchen. Durchfliege mit entzücktem blick die Schwesterreihe dieser Gesichter, von denen jedes dem andern ähnlich sieht, und frage, wem Du den Preis zuerkennen sollst, ob der reizenden Mutter oder der reizenden Tochter? Denn der Nationaltypus dieser ausgezeichneten Bildung hat zugleich ein so dauerndes und erhaltendes Leben in sich, dass er oft noch bis in das höhere Frauenalter hinein wunderbar fortblüht. Die Gestalt ist selten gross und hervorragend, aber fast immer von einer üppigen Poesie des Ausdrucks, die mit rund geschwungener Wellenlinie Hals, Nacken, Busen und Hüften in lieblicher Fülle zeichnet. In langem, weichem, dichtem Gelock umfliesst das schöne Hauptaar, oft blond, öfter kastanienbraun, die zärtliche Schläfe, und die etwas blasse Wange erhöht in einem anmutigen Oval den feinen Glanz des Gesichtes. Das am häufigsten gesehene blaue Auge strahlt ein dunkles Feuer von sich, und lässt in eine brennende Tiefe schauen, aus der Mut, Seele, Andacht und Liebe leuchtend auftauchen. Es sprüht etwas Katolisches aus diesem dunkel flammenden blick der Pragerinnen, und zugleich so viel Sinnenglut; es ist eine frivole Mystik, welche das Auge zu uns emporschlägt, und das unsere, blick um blick, gefangen hält. Wie gotisch wölbt sich der blick dieser Augen; auch schwimmt um die trunkene Bewegung der Iris ein leiser Heiligenschein, ich kann es nicht läugnen. Es ist mir, als gingen sie alle in die Messe, während ich sie da hinwandeln sehe, reich geschmückt, in bezaubernder Haltung der lebenstrahlenden Glieder. Und ich folge ihnen bis an die Kirchtür, und ihr Auge trifft mich im Umwenden noch einmal, wie ein versengender Blitz, und ich weiss nicht, soll ich mit ihnen beten gehen, und die Messe hören, und meine Sinne erst in frommer Musik berauschen, dann im dreisten Glück der Liebe! Wer nie einer Pragerin tief in die Augen gesehen, weiss nicht, was Mystik ist und was Sinnlichkeit; er hat nie ein Gedicht gelesen, das in Flammen der Erde spielt und an Sternen des himmels sich sonnt. Die feingeformte Nase, fast immer ein zierlicher Adlertypus, welcher die nationelle Gleichförmigkeit der Gesichter hervorbringt, vermehrt die liebliche Keckheit des Ausdrucks, die den Physiognomieen eigen, und der Ernst bei aller Anmut, welcher die Gestalt umschwebt, zaubert ein dunkelgesättigtes Colorit über ihr ganzes Wesen hin, das von einer heimlichen Glut durchwärmt ist. So zeigt sich Fülle und Energie des Lebens, Rundung und Harmonie der Formen, sinnlicher Schmelz und poetische leidenschaft, kräftiger und gesunder Drang der natur, ein Dasein für den Genuss geschaffen, aber ohne kränkelnde Sehnsüchtigkeit, sondern mutig und sieghaft im Herauskehren seiner Blüte.
Es ist ein freibewegtes, gestaltvolles Leben hier, und im raschen Glück und Wechsel der Stunde herrscht die Gunst