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Mensch, mit seinem frohen Gesicht, mit seiner ungeheuern Geduld, mit seinem tragischen Schicksal, mit seinen ironischen Gegensätzen, mit seinem zehrenden Herzen, das immer Wunden hat, sei es aus Liebe oder Hass! Aus allen seinen Bedürfnissen und Bedrängnissen, Gewohnheiten und Tugenden, Freuden und Talenten, aus seinem Wissen und Streben, hat er sich da eine Stadt gemacht, das umzäunte Schlachtfeld seiner Bestimmung. Ein ehrwürdiger Ort, vom Verhängniss gezeichnet, ist ein Schlachtfeld. Ein ehrwürdiger Ort, vom Verhängniss gezeichnet, ist eine Stadt. Draussen im wald, wo das schattige Laubwerk mich gern zum Einsiedler machen möchte, oder oben auf den Bergen, oder unten im quellenreichen Grund der lachenden Talnymphe, mag die Unschuld wohnen. Ich kenne sie nicht. Ich habe sie längst in frühen Jugendstürmen verloren. Nach dem Sündenfall gingen die Menschen hin, und bauten sich Städte. Nicht der Fluch Gottes vertrieb sie aus dem Paradiese, sondern ihre Schuld stürzte sie vorwärts in die Weltgeschichte. Sie sonderten sich in Völkerstämme, und bauten Städte. Das Bewusstsein ihrer Schuld machte sie gelehrig, und sie trieben allerlei Künste und Gewerbe, Beschäftigungen der Hand und des Geistes. In ihrer Schuld drängten sie sich an einander, und diese sannen darauf, das Leben zu verschönern, und jene studirten es, und trachteten, wie sie es begreifen könnten. So wohnten sie alle bei einander, jeder an einem andern Ende mit der Schuld des Lebens beschäftigt, und schlossen einen Verein zur gemeinsamen Sühne des Daseins. Sie mehrten sich, und ihre Städte blühten, denn der Eifer und Drang der Menschen war gross und unendlich, er reichte bis an den Himmel und bis an das verlorene Paradies zurück.

In das Schuldgetümmel der Städte stürze ich mich. Da sind meine Freunde und meine Brüder. Oeffne mir deine Tore, sorgenbeladene Stadt, bald mische ich mich wieder in dein heisses Gedränge, in deine kampfesmutigen Reihen. Im Gedränge finde ich wohl, was ich liebe und was ich strebe, im Gedränge neben andern Herzen tröstet sich mein Herz. Wald und Berg sinken immer ferner hinter mir zurück, und die Schauer der Wildniss, die unheimlich über mein Haar hinstreichen, verkehren sich mehr und mehr in freundliche Ansiedelung städtischer Gewohnheit. Vor der stimme der Unschuld, die in der natur säuselt, wird mir bange. In der natur blüht das verlassene Paradies der Menschen noch verstohlen fort, es lauert still in der geheimen Seele des Baumes, aber die Menschen sind weggezogen in die Städte. Darum duften die Blumen oft Schwermut aus, und das ganze Wachstum der natur netzt sich im Tau der Tränen, wenn der Mensch lauschend davorsteht. Doch er kann in dieses Paradies nicht wieder zurück, er muss es jetzt auf der andern Seite der Schöpfung erobern.

Die Stadt hat ihn in die rauschenden Wirbel der Tat hineingeschleudert, er hat sich brauchen und nutzen gelernt, und aus seinem Funken, der in ihn gelegt war, ist eine lodernde Flamme emporgeschlagen. Die Stadt wölbt das heimische Dach der Hütte über seinem haupt, und schliesst ihn fest an die warme Brust der Erde, damit er weiss, wo er steht, um vom sichern Boden aus den Himmel zu erwerben. In der Hütte ist Platz für eine ganze Welt, hier beherbergt er in stiller Zelle die zukünftige Tat und den unermüdlichen Willen, hier hütet er seine Liebe und seine Verzweiflung, hier wohnt er mit seinen Plänen, seinen Gedanken, seinen Scherzen und seinen Göttern. Wie das Haus vor den Elementen, so schützt ihn der Freund und das Weib vor den Schrecken der Einsamkeit; die Liebe schützt ihn gegen Selbstsucht, der Hass gegen Gleichgültigkeit, der Hunger gegen Langeweile, die Torheit gegen Altklugheit, die Eitelkeit gegen Selbstverachtung, das unbefriedigte Herz gegen Ermattung des Strebens. Damit der Mensch den Menschen kennen lerne, in Art, Tauglichkeit und Hoffnungen seines Wesens, haben sie neben einander ihre Hütten aufgerichtet in den Städten. Vor der natur verliert sich der Mensch in das Element, in der Stadt gibt er sich an die Menschen hin, und findet in den Andern, in ihrem Irrtum und in ihrer Wahrheit, sich selbst wieder, aus ihrer Verzerrung setzt er sich seine Harmonie zusammen. Die Stadt ist der Panteonstempel menschlicher Zustände, vor dessen Altar drei heilige Priester stehen, welche den Bund der Gemeinde geweiht und bekräftigt haben. Diese drei sind: das Recht, die Treue und die Sitte. Wo Menschen zusammen sind, und zu einem Verein sich gesellen, gibt es auch Recht, Treue und Sitte. Das ist das Grosse an jeder menschlichen Gesellschaft, dass sie ohne diese drei nicht zu bestehen vermag, sondern von selbst sie wie notwendige Blüten aus ihrem Schooss erzeugt. Ja, in der Stadt, wo Menschen sind, suche ich Recht, Treue und Sitte, und ich finde sie, mitten unter ihren Leidenschaften, ich finde sie, wie Edelsteine im schwarzen Schachte. Wenn Menschen sich an Menschen drängen, im Trieb des Daseins, wenn ihr Wollen und ihr Können wächst in der Gemeinschaft, wird ihnen in der Brust zugleich das Recht wach, das die gesetz schreibt für Wollen und Können. Unrecht liegt nicht in der menschlichen natur, denn sie möchte nur allzugern Jedes ausgleichen und versöhnen, selbst den Teufel. Das Recht ist der verständige Kopf des ganzen Gliedervereins, in dem Mass und Gleichgewicht des übrigen Körpers sich zusammengeschlossen halten. Und die Treue ist die Hand, welche der Mensch dem Menschen gibt, und woran sie sich fassen