, ich weiss selbst nicht was.
Und willst Du Dein Auge nun wieder in der Nähe wohltuend ansiedeln – denn die weite Ferne schmerzt auch, so wie sie erhebt – so lass es auf die grünen Höhen fallen, welche den rücken der Stadt schmücken und schirmen. Da ist vor allen der Zizkaberg den Du Dir anschauen musst, bei dem mir jedoch die Historienmalerei, die auf ihm ruht, bedeutender däucht, als die Landschaftsmalerei, welcher er in der Gegend hier dient. Die Historienmalerei, die auf ihm ruht, hat tief in Blut gemalt, Blut in Blut, mit fanatischen Schwerterstreichen. Die gräuelvollsten Tage der Hussitenkriege schweben wie kreischende Gespenster über seiner Anhöhe. Oder blicke noch einmal zu dem hochwürdigen Hradschin hinauf, und zähle die stolze Pracht seiner Kirchen, Klöster und Schlösser, ermiss staunend den Bau der alten Königsburg der Böhmen, und bewundere die gotische Herrlichkeit des Domes zu St. Veit, an dem verschiedene zeiten gebildet haben. Oder lass das Auge nun, an den beiden Brückentürmen der Kleinseite vorüber, über die Moldaubrücke fort, in die buntbewegte Altstadt hineingehn, und suche die Türme zu unterscheiden, die sich da wie eine ehrfurchterregende Gemeinde erheben. Vor allen streckt die altväterliche Teinkirche, grauen Jahrhunderten entstammend, die beiden hochragenden Türme ihrer Kuppel wie gottanrufende hände zum Himmel empor. Und horch! es klingt und läutet, und ein gedämpfter Ton der Glocken irrt in halbverlorenen Schwingungen auch zu unserer abgeschiedenen Höhe aufwärts. Ist es die grosse Glocke der Tein, welche an unser Ohr fällt? eine berühmte Glokke, die auch in der geschichte Klang und Namen erworben. Und immer lauter verstärkt sich der fromme Klang, welcher mutig durch die Lüfte hinschwebt, und sein tönendes Gefieder, hoch über der Stadt, in die blaue Wolke trägt. Immer mehrere Kirchen fangen an, da unten zu läuten, mein Herz bewegt sich, und unser Belvedere hier oben wird uns zum Gottesdienst. Nun steige ich hinunter, nachdem ich Dir nur noch zwei Türme der Neustadt gezeigt, die dort in betrachtenswerten Gestalten zu uns aufschauen. Der Franziskaner mit der breiten Brust, alle umstehenden überragend, und St. Katarina, in zarter jungfräulicher Bildung, wie eine junge Nonne, die fromm und schön zugleich. Fromm und schön zugleich, das liebe ich, denn da kommt Gott und Welt zusammen, das suche ich. Und nun nimm noch einmal rührenden Abschied mit einem einzigen ganzen blick von Allem ringsum, was Herz und Auge gefangen genommen hatte mit grossartigen Wundergemälden. Dann steigen wir stillsinnend den Laurentiusberg wieder hinab. –
Nachdem wir flüchtig in der freundlichen Hasenburg, die uns noch in ziemlicher Berghöhe hier begegnet, eingesprochen und uns erfrischt haben, schreiten wir allmälig wieder der Nähe der Stadt zu. Wenn ich lange im Freien und im Angesicht der grünen natur verweilt, tritt mir alles Städtische jedesmal als ein wohltuendes und kräftigendes Element neu entgegen. Dann möchte ich immer eine umgekehrte Elegie dichten, wie Schiller, wenn er in seinem "Spaziergang" die Entfernung von der Stadt feiert, und mit hochtönenden Grüssen dem Laude zueilt. Während er sich dort glücklich preist in runden Hexametern, dass er
endlich entflohn des Zimmers gefängnis,
Und dem engen Gespräch,
und sich dann freudig in den grünenden Wald und auf den Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel rettet, möchte ich nun, wie gesagt, den umgekehrten Spaziergang dichten, welcher der Stadt zueilt, und den wohnlichen Zimmern der Menschen, und nach einem lieben Gesicht und traulichem Gespräch sich sehnt. Und je länger ich jetzt bergab wandre, rüstig zuschreitend auf das vor mir liegende Prag, je mehr quillt mir wieder meine Stadtelegie, und so ganz unversehens, aus dem Herzen heraus. Wie ein abenteuerliches Phantom hat Schiller die Stadt hinter sich zurückgelassen, deren beweglich wirkendes, die tausendfach genutzten Kräfte des Menschen zusammenfassendes Leben er zwar sinnreich auszumalen weiss, das sich ihm aber zugleich, mitten in der Ausmalung, wieder zu einem Alles verschlingenden und vergiftenden Ungeheuer verzerrt, vor dem er sich nur in die arme der natur zu flüchten vermag. Und dann tröstet er sich mit der Sonne Homers, die noch immer unter demselben Blau uns lache. Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nicht mit der Sonne Homers trösten können. In dieser Hinsicht hatte ich es mit dem städtebauenden Saitenspiel Amphions. Der schlug die Harfe gewaltig an, und dann kamen auf den Klang die Stadt zu bauen. Eine Stadt! Eine Stadt! Ich liebe die städtebauende Muse, welche den Nomadentrieb des menschlichen Lebens einordnet in feste grenzen der beglückenden Harmonie.
Sei mir gegrüsst, o Stadt, mit den rötlich strahlenden Dächern! Sei mir, Sonne, gegrüsst, welche sie lieblich bescheint! Mir wird wohl, wenn ich das immer näher kommende Geräusch, welches hinter Deinen Mauern stündlich wühlt und arbeitet, in seiner bedeutsamen Geschäftigkeit vernehme. Das ist der Mensch mit seinen Bestrebungen, mit seinen Hoffnungen und seinen Wünschen, mit seinen erfindenden und erwerbenden Händen, welche sich dort in der drangvollen Eil des Daseins bewegt und tummelt! Das ist der Mensch, der laut wird, in der Angst des Tages, im jubel der Stunde, in der Atemlosigkeit der Gegenwart! Das ist der Mensch, wie er sich einrichtet und abfindet, wie er sich wehrt und ringt mit den Mächten seines Daseins, wie er pocht und hämmert, zählt und rechnet, webt und zimmert, sich nie genug tun kann, und immer auf die unsichere Welle des Augenblicks sein Liebstes hingiebt! Das ist der