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Gedanken. Und dort gehet hin, wo ein Mann die Schwelle zu einem Haus zimmert, und dort beginnt zu bauen an der Stadt meiner Gedanken. Und Praha sollt ihr sie nennen, Praha, die Schwelle, denn sie wird die Schwelle sein des Ruhmes und der Herrlichkeit der Böhmen! – So sprach die Fürstin, und reckt mit der Hand prophetisch hinaus in die Ferne, und erhebt sich von ihrem Sitz, und schreitet langsam durch die jubelnden Reihen ihres Gefolges zurück in ihr Schloss Libin. Und krachend schlägt wieder die Pforte hinter ihr zusammen. –

Da liegt sie jetzt still hingeschmiegt zu meinen Füssen, die Schwelle des Böhmenruhmes, wie das Volkslied so oft sie nennt. Da liegt der Gedanke Libussas, es war der Mühe wert, ihn auszuführen. Libussa muss schönere Gedanken gehabt haben, als ich. Aus meinen Gedanken wird höchstens ein deutsches Buch, nie eine Tat, am allerwenigsten aber eine Hauptstadt. Ich gäbe etwas darum, wenn ich auch einmal aus meinem Haupt eine Stadt machen könnte, eine Hauptstadt. Wenn aus allen meinen Ideen lieber Häuser, aus meinen Bildern Paläste, aus meinen Gefühlen Strassen und Brücken, aus meinem Verstand ein Marktplatz, aus meiner Vernunft eine Verfassung, aus meiner Melancholie eine Kirche, aus meiner Bosheit ein Gesellschaftssalon, aus meiner Phantasie ein Liebestempel, aus meiner Lebenserfahrung ein Teater, aus meinem Humor ein Volksgarten, aus meiner Reflexion ein schiffbarer Strom würde, dann hätte die Welt doch etwas davon, und sie sollte sich verwundern, was sie davon hätte! Wahrhaftig, manche Menschen tragen ganze Städte in ihrem Kopf, aber sie können und dürfen sie nur nicht bauen. Sie müssen sie mitsammt den Dachzinnen und Turmspitzen, die schon aus ihnen hervorwollten, wieder in sich hinunterschlucken, und nur abgerissene Giebelstücke, halbe Stockwerke und zerbrochene Fenstergesimse dürfen sie von sich geben in elenden Büchern, die unter Censur gedruckt werden. Darum verachte ich alle meine Bücher, die ich heute und morgen schreibe, weil es keine Städte sind, in denen ein ganzes Volk zu Heil und Lust sich ansiedeln kann. Es sind nur Notbrükken in die Zukunft hinein. Vielleicht gelingt es einmal, eine ganze öffentliche Stadt zu bauen, und dann wird die deutsche Literatur erst eine Weltliteratur werden. Libussa, ich beneide Dich! Alle deutschen Dichter beneiden Dich ganz ungeheuer! Du hattest einen Gedanken, und der Gedanke wurde eine grosse Stadt, des Nationalruhmes Schwelle. Ein deutscher Dichter hat einen Gedanken, und aus dem Gedanken wird eine sechs Treppen hoch von dem Geräusch der Welt entfernte Studirstube. Man muss sich immer erst die Beine ablaufen, ehe man so hoch hinaufkommt, denn es steht nicht mitten im Leben darin. O Libussa! Es muss anders mit uns werden. Die Welt und das Fleisch müssen wieder eingesetzt werden in ihre Rechte, damit der Geist nicht mehr sechs Treppen hoch wohnt in Deutschland. Wenn Geist und Welt sich ganz versöhnt und durchdrungen haben, dann bricht die Ordnung des neuen Lebens an, für das wir jungen Geschlechter, ich und Der und Jener, zu kämpfen und zu schaffen geboren sind. Dann erst haben wir die Poesie unsres Daseins erreicht. Wehe Dem unter uns, der jetzt schon seine Verse für etwas hält. O Libussa! O Libussa! Dann baue auch ich eine grosse Stadt, aus meinen Gedanken!

Doch still, still! Wo gerate ich hin hier oben auf dem Laurentiusberg! Noch einmal will ich mit meinen Blicken weit in die Ferne streifen, ich will mein Herz daran starken, Bilder der Ferne einzufangen. Und es ist ein wunderbarer, herrlicher, nie sättigender Anblick, hier sich wieder und wieder umzuschaun, bald in das gestaltvolle Prag hinein, bald in die blaue Himmelsweite der Gegend. Mit einer grossartigen Perspective hat hier die natur ihre Landschaftsmalereien ersonnen, sie ist besser daran, als die Zeit und die Schriftsteller mit ihren Perspectiven. Sie kann mir hier selbst das Riesengebirge zeigen, das ich dort hinten mit deutlich geformten Gliedern erkenne, wie es eine zackige Schneespitze keck in die träge ruhende Wolke taucht. Und links und rechts, und vor und hinter mir, hundert andere duftumflossene Bergeshäupter, wie eine ehrwürdige Patriarchenfamilie, mit langen silbernen Bärten zwischen den Wolken hingelagert. Die einen still und sanftgezeichnet, wie junge Lämmer mit weissem Vliess, die andern ernstaft und feierlich, wie weltverachtende Propheten, diese, mit den hochemporgehobenen Nebelgesichtern, dunkelschattig und kopfschüttelnd, wie philosophische Menschenfeinde, jene, mit den feuchten Wimpern, die auf die eisige Wange herniedertauen, zu dem Himmel hinauf schluchzend, wie uraltes Weh des Universums. Rings im Kreise stehen sie um mich her, diese Berge, und schauen mich gross an, und es ist, als hätte mir Jeder etwas zu sagen. Bald wie gebannte Götter, bald wie verzauberte Menschen, bald wie fremde seltsame Tiere neigen sie ihr Antlitz zu mir herüber. Dann scheint es wieder, als hüllten sie sich tiefer und tiefer in den wallenden Schleier, der ihnen Kopf und Busen graugesponnen umfliesst, und als wollten sie sich grollend zurückziehen vor der Welt in unsichtbare Regionen. Das ist ein Frieden und eine Schwermut, eine Erhabenheit und ein banges Schweigen, eine Wildheit und eine Andacht, welches um diese Berggipfel spielt, das sich gar nicht beschreiben lässt, und doch wie mit tausend Zungen in die Lüfte hineinredet. Wie ungebändigte Genies, welche die Flachheit der Erde noch nicht hat hinabzwingen können in die Ebene, stehen sie alle da, und machen mir viel zu denken