gut zu erzählen. Nichts Herrlicheres, als zu sehen, wie in der antiken Welt das Menschliche so nahe an den Menschen gerückt stand, und wie sich dasselbe im Staat als der höchsten Lebensform begränzte und zusammenschloss, ein glücklicher Himmel über glücklichen Häuptern. Sie waren human, weil sie politisch waren, und sie waren politisch, weil sie religiös waren, und religiös, weil politisch. Und so hing Alles im Grossen bei ihnen zusammen. Das Menschliche, das sie im Staat so frei und kräftig aus sich herausgebildet hatten, verhinderte dass die magischen Schatten des Waldes sie nicht lockten, und die natur ihnen nicht rief, sich an ihre Brust zu stürzen. Sie waren jede Stunde zu glücklich, um mit der Lerche des Morgens zu schwärmen und mit der Nachtigall Abends zu klagen. Das Unglück geht am liebsten hinaus ins Grüne und unter die Einsamkeit der wehenden Bäume, das Unglück oder die spielende Kinderunschuld. Die Kinder und die Zerrissenen, beide stehen dem Naturelement am nächsten, und beide würden darin verloren gehen, wenn es nicht ein Stärkeres gäbe als das Naturelement, nämlich den historischen Trieb in die werdende Welt- und Völker-Zukunft, die Alle aufreizt, sich zu bilden, zu bewegen und zu versöhnen. Und die Deutschen waren nie unglücklicher, nie innerlich zerrissener, als zur Zeit ihrer Natursentimentalität und Landschaftsempfindsamkeit im Leben und Dichten.
Ich moderner Deutscher bin auch um ein gut teil glücklicher, seitdem ich nicht mehr im Monbijou-Garten von Berlin spazieren gehe. Ich rufe: Menschen! Menschen! und noch einmal Menschen! Ein Königreich für Menschen! Mit schönen Gegenden umgehn, kann ich allenfalls auch in meiner stube, und habe ziemlich genug Phantasie dazu. Denn nachdem ich in der lieben schönen Gotteswelt manche gesehen, kann ich mir fast alle denken, und bringe sie mir, ehe ich des Morgens zu schreiben anfange, oft zu Dutzenden beim Zumfensterhinaussehen in meiner Einbildungskraft hervor. Ich denke mit die mannigfachsten Gruppirungen von Wald, Berg, Fluss, Baum, Himmel und Tal, und giesse dann über diese meine müssigen Landschaftsgedanken einen grossartig beleuchtenden Sonnen- Auf- oder Untergang aus. So rufe ich mir, mag es Winter oder Sommer sein, die herrlichste und entfernteste natur in meine Nähe, und kann, wenn ich will, meine literarischen Siebensachen am hohen Meere oder in einem italienischen Pomeranzenwäldchen schreiben. Der natur lässt sich immer eine schöne Decoration abgewinnen, aber die Menschenwelt kommt nicht, wenn und wo man sie ruft. Zu den Menschen muss man hinaus, man muss sie aufsuchen in Sturm und Wetter, in Schneegestöber und Regengüssen, man muss mit ihnen reden und lachen, leben, und leiden, und wenn man sie sieht, kennt man sie noch nicht. Wenn man mit ihnen spricht, versteht man sie noch nicht. In der natur ist Alles einfach, und ihre reichsten Gestaltungen bestehen doch nur aus den einfachsten Combinationen. Es ist immer der Wald, der Fels, der Berg, der See, die Wolke, nur hierhin oder dortin anders gestellt, und im Norden zu andern Schildereien vermalt, als im Süden. Darum kann ich mir schöne Gegenden denken, wenn ich des Morgens auf die Strasse hinaussehe, ich brauche nur zu combiniren. Mit den Menschen bringe ich's nicht so weit, wenn ich zu haus bleibe. Ein Mensch lässt sich nicht combiniren, er ist die sich selbst bewegende Macht, und zugleich treiben ihn die Geister. Er gestaltet sich von innen und macht oft ein verstecktes Wesen mit sich selbst. Und wenn ein grosser Weltentdecker alle Weltteile eines Menschenherzens entdeckt hätte, würde er noch jeden Augenblick aus dessen Untiefen neue Inseln emporschiessen sehen, und nicht immer glückliche; neue Inseln, mit fremden Pflanzen, Blumen, Gefühlen und Launen bedeckt. Den Frühling kenne ich; er ist maigrün und himmelblau. Der Menschen Gesichter habe ich noch lange nicht ausgelernt. Der Mensch hat alle Tage ein anderes Gesicht, und weiss kaum selbst, wie er eigentlich aussieht. Ich habe ihn verwundert angesehn, wenn er liebte und hasste, wenn er eine Frau nahm und seine Mutter begrub. Ich will ihm nachlaufen, wenn er begeistert ist, eine Fürstin einholt, Revolutionen veranstalten will und sich knechtisch geberdet. Ich will mich zu ihm in den Wagen setzen, wenn er auf Reisen geht, ich will mit ihm anstossen, wenn er seinen Wein trinkt, ich will seiner Tochter den Hof machen, wenn sie artig ist. Nur fort! Nur fort! Nur vorwärts, Schwager! –
– Ich habe für heute genug geblasen! Die Landstrasse wird hell, der Morgen zerteilt die Gewölke, setzt sich mit grauschattirten Gliedern mitten auf die Wiese hin, und wartet, wie ein gefühlvoller Jüngling, dem Sonnenaufgang entgegen. Nur das fällt mir noch ein, dass der Umgang mit der natur bei weitem wohlfeiler ist, als der mit Menschen. Wer bloss schöner Gegenden willen auf die Reise geht, braucht offenbar nicht halb so viel Geld, als der wegen Menschen sich in die Welt hinausstürzt. In schönen Gegenden trinkt man Milch, und nimmt ein ländliches Mahl zu sich, und der Bäuerin schenkt man nicht, wie der Sängerin, einen Shawl zu dreissig dukaten. Im wald kostet's kein Entrée, seine Empfindungen hat man alle umsonst, und von der Landluft wird man schläfrig, dass man schon vor zehn Uhr Abends ins Bett gehen muss. Da hat man gar nicht Zeit dazu, viel Geld auszugeben, und ich