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aus, in der ich mich eingemietet habe, lass Dich durch den altertümlichen Pulverturm, dem wir nur im Vorbeigehn unsere Ehrfurcht beweisen, die stattliche Zeltnergasse entlang, und noch über manche Strasse der Altstadt fort, zuerst bis zur brücke von mir führen! Deine Dresdener brücke, über die Du nach der Messe oft spaziert bist, kann sich mit dieser, die den heiligen Nepomuk selber trägt, nicht vergleichen, und auch die Elbe nicht mit der inselreichen Moldau, welche hier zu beiden Seiten in breiter Strömung vor dem Auge hinwallt. Nun sieh Dich um, rechts und links, während wir schnell über die brücke gehen, und diesmal, schau! lüfte ich auch den Hut vor dem heiligen Nepomuk mit seinen Sternen, denn seitdem ich damals, mehr aus Liebe, als aus Grobheit, Deine Madonna nicht grüsste, habe ich schon etwas gelernt in katolischen Landen. Und nun sind wir auf der Kleinseite, der Wiege Prags, und oben vor Dir erblickst Du den erhabenen Hradschin, wo die Könige Böhmens tronten und jede Turmspitze in eine graue Vorzeit hineinragt. Diesmal führe ich Dich jedoch weder in das Schloss, noch in die uralte Domkirche, noch in das Haus von Loretto, noch auf die Sternwarte Tycho Brahe's. Unser Weg ist weit und beschwerlich in der Hitze, aber Du bist gut zu Fuss, und so steigen wir, trotz der Mittagsglut der Sonne, hoch oben hinauf auf den Laurentiusberg, wo ich das ganze vielgetürmte Prag Dir zu Füssen legen will. Wir gehen immer die Mauer entlang, und gelangen endlich zu einem Höhepunct dieses felsigen Petrin, wo wir plötzlich tief unter uns Alles schöner, reicher, zauberhafter wiederfinden, als wir es verlassen hatten. Nämlich die Stadt in der malerischen Perspective aller ihrer Teile, ein wunderbares Lebensbild, das aus dem fernen Erdental die Augen zu uns emporschlägt, die hände zu uns heraufstreckt.

Hier oben haben wir den höchsten Standort, von dem wir den ganzen Umkreis bis weit hinaus über Böhmens grenzen beherrschen, erreicht. Zu Häupten den Hochziehenden Wolkenhimmel mit blauem und weissem Geäder, und hinten an den Säumen des Horizonts die ferngelagerten Reihen der Gebirge, die wie Riesenadler mit lang ausgreifenden Fittigen in den Lüften verschweben. Aber werfen wir aus unserer Abgeschiedenheit die Blicke dahin, wo wir in seinen angewiesenen grenzen menschliches Leben und Bewegen zurückgelassen haben. Ein wogendes, blitzendes Meer von Dächern, Türmen, Kuppeln, Palästen breitet sich dort unten über den grünenden Kessel der Moldau in pittoresk hingeworfenen Gruppen aus, und dazwischen schlängelt sich teilend der helle Faden des Stroms, immer frohen Laufes, bald gekrümmt, bald eben vorwärts eilend, bald lautaufrauschend gegen seine Wehre, hindurch. Je länger Du hinblickst, je mehr tritt Harmonie in das reiche, mannigfaltige Gemälde, und die Haufen der Häuser teilen sich, und die Strassen ziehen schöne Linien der Ordnung durch die dichten massen des Steins. Immer deutlicher, immer ausgearbeiteter, immer näher scheinen die Bilder, es ist Dir, als müsstest Du hineinschauen in die Häuser, und während eine grosse, feierliche Stille über dem ganzen Panorama ruht, meinst Du doch reden und flüstern zu hören dort unten auf der brücke, die von Menschen nie leer wird, und auf ihren weitgewölbten Bogen majestätisch sich wiegt. Das ist Prag, das ist Prag! es gibt keine andere Stadt, die eine ähnliche Malerei des Anblicks dem Auge, dem Gefühl, gewährt. Vielfarbig schimmernd im Glanz der Dächer, vielgestaltig sich dehnend in allen Formen und Manieren seiner Bauwerke, hochaufflatternd mit seinen unzähligen Turmspitzen und Kuppeln, liegt es vor Dir wie ein im bunten Gestein ausgehauenes Mährchen, auf dessen ernstafte Anmut der Sonnenstrahl des Tages herabfällt. Goldene Träume, finstere und heitere Erinnerungen, schweres Verhängniss, alter Fluch, glorreiche Tat, Segen Gottes, und dunkler Dämon der geschichte, schweben hin und her mit Geisterflügeln über ihrem Dunstkreis. Sorgen und Leichtsinn, Melancholie und Genuss, leidenschaft und Phlegma, Ueppigkeit und Trauer, prägen sich aus auf dem Gesicht dieser Slawin! Das ist Prag, die geweissagte Stadt, wie im achten Jahrhundert Libussa sie im Geist aufsteigen gesehen, als Seherkraft die Fürstin ergriffen hatte mit grossen Bildern. Und indem ich hier hoch oben stehe, still und einsam, nur von scharfgehenden Lüften umrauscht, ist es mir, als käme ein Sehergeist auch über mich, und zöge meine Blicke zurück in fernverflossene wunderbare zeiten. Libussa erscheint mir, von der ich in alten Chroniken viel gelesen, und ihre holde Fabelgestalt mahnt mich heute wie eine Wirklichkeit. Dort drüben, dort drüben auf dem ernsten felsigen Wysserad, den wir von hier erschauen können, und wo die gewandte Moldau tiefer sich eindrängt in das steile Ufer, dort drüben lag ja ihr altes Schloss Libin. Und es ist mir, als schlügen die Pforten krachend auseinander, und heraustritt die ernste kluge Fürstin, mit eilig bewegtem Schritt, denn die Begeisterung hat sich ihrer bemächtigt. Es ist ein gluteisser Sommer, schwer hängt die Augenwimper über dem träumenden, vielbedeutenden Auge. Libussa setzt sich auf einen hohen, breiten Felsen, und die Schaar ihrer Dienerinnen drängt sich bangerwartend um sie her, und auch Przemysl, der Stammvater so vieler tapfern Fürsten, steht da und harrt andächtig auf Auge und Mund seines weissagenden Gemahls. Und Libussa sprach: Ich sehe eine Stadt, deren Ruhm bis an den Himmel reicht. Dreitausend Schritte von hier im wald, nächst der Moldau, wo das Bächlein Brusky hineinfällt, sehe ich eine Stadt emporsteigen aus meinen