. Denn alle die Seiten, die mein bisheriges Schicksal in mir anrührte, sind noch ungelöst geblieben in meiner jungen Brust. Noch immer falte ich die Kinderhände zu Gott, als müsste ich ihn um das Leben bitten. Und wenn ich an Mellenbergs abgeschiedene Gestalt denke, schlagen ernstredende Stimmen in mir empor, die von unverstandener Liebe und von unverstandener Religion sprechen. Er hatte meine Liebe nicht verstanden, und ich seine Religion nicht. Zuweilen kommt mir dann auch ins Gedächtniss zurück, wie er mir damals den protestantischen Glauben zu erklären unternahm, und es ist mir dann, als warte diese klarheit, zugleich mit einem zukünftigen Glück, noch in schöner Ferne auf mich. Unverstandene Liebe. Unverstandene Religion. Ist das nicht unendlich viel, was noch gelöst werden muss? Darum hoffe ich. Ich hoffe, ich hoffe! O Gott! O Leben! – –
An meine Heilige.
II. Prag.
Katolizismus, Legitimität, Wiedereinsetzung
des Fleisches.
– Unter allen Städten, die ich geschaut, gefällt mir, Libussa, Deine Stadt! Sie gefällt mir, denn sie ist nicht von Menschenhänden gemacht. Sie ist ein Kind der geschichte. Hier ist lauter Architektur der geschichte, wohin das ehrfurchtergriffene Auge auch blickt, und bei jedem Schritt, der mich durch die ernste Erhabenheit dieser Strassen und Häuserreihen weiter führt, überrascht mich die geschichte Böhmens mit grossen Erinnerungen. Fast in der Mitte ihres Landes gelegen, steht diese Hauptstadt wie ein Product der geschichte ihres Volkes da, und einzelne Ereignisse und ganze Perioden der Nation haben sich an diesem und jenem Stadtteil angebaut und festgesiedelt in Stein und Mauer, in Erz und Eisen. Kein Kunstmuseum der Vergangenheit, wie Rom, neigt Prag das ruhig stolze Haupt aller Orten nur über ächt nationales Leben seiner alten Zeit hin, und weist mit einem stumm melancholischen Zug auf die einstige Grösse einer mächtig strebenden Bevölkerung zurück. artigen Palästen, unzähligen Türmen und Kirchen, volkbelebten Gassen und Strassen! Welche Märkte und Plätze, mit hohen Bogengängen, kunstgeformten steinernen Brunnen, glänzenden Gewölben und Läden! Und dabei nicht, wie in Berlin und München, den Maurermeister oder Baumeister zu kennen, der dies und jenes Haus gemacht und gezimmert hat, sondern in dem erhebenden Gedanken hinzuschreiten, dass hier die historische Entfaltung eines gesammten Volkes tätig gewesen ist, um ein Ganzes, eine Stadt, eine Stadt im wahrsten und höchsten Sinne des Wortes, hervorzubringen, entstehen zu lassen! Denn eine Stadt ist und muss noch etwas ganz Anderes sein, als bloss eine geordnete Masse von Häusern.
Und doch, bei allem diesem reichen Leben der Stadt, bei allen diesen genusslustigen Gesichtern der Menschen, welche heimliche Trauer weht mich an aus den Strassen von Prag! Ich weiss nicht, bin ich es, der melancholisch ist, oder ist es Prag? Sind es die dunkeln Geister der Vorzeit, welche mit bangem Schritt durch die Gasse wandeln? Sitzt der faule Wenzel noch auf dem Tron, und verbreitet um sich her bleiche Schrecken? Brennen die Hussiten wieder eine katolische Kirche nieder, haben sich neue Kämpfe um Glauben, Recht, Verfassung und Satzung entsponnen? Warum wird es zuweilen auf Einmal so still, so ängstlich, so nachdenklich in Prag? Horch, da klirrt ein Fenster. Es wird doch kein katolischer Reichsrat herausgeworfen werden, wie zu der Hussiten zeiten! Nein, es ist eine schöne Pragerin, die ihre Blumentöpfe begiesst. Schöne, schöne Pragerin, Du machst Deinem land, Deinem volk Ehre! Ein Volk, das so schöne Mädchen hat, kann und darf und wird nie untergehen. Es ist gar nicht möglich.
Doch ehe wir in die Häuser und Stuben hineingehn und mit den Gesichtern Bündnisse und Verträge schliessen, lass uns noch einmal die Stadt anschaun, liebe Heilige! Komm, komm, ich weiss, Du ziehst gern in der Welt herum. Nachdem ich Deine Bekenntnisse gelesen, ist meine sehnsucht zu Dir noch stärker und inniger gewachsen. Ich habe Dich verstanden, und bin Deiner Seele an manchem Kreuzweg begegnet, an dem auch ich stand, und bald gebetet, bald geflucht habe. Du aber hast wie eine weibliche Seele gehandelt und geduldet, und bist dabei schön geblieben. Aus mir hat Gott einen Mann gemacht, und ich bin bei weitem ruchloser ins Zeug der Welt hineingefahren. Doch haben mich mitten in meiner Ruchlosigkeit gute und weit ins Leben blickende Gedanken überrascht. So geht es aber allen den strebenden Geistern der heutigen Zeit, sie lernen viel aus dem Fleisch der Welt. Und das Fleisch und die Welt werden für den Kundigen immer durchsichtiger, denn darin hat sich Gott offenbart. So sei mir denn noch einmal ganz aus tiefstem Herzen gegrüsst, Du weltliche Seele. Ich bin es, wie Du. Eine weltliche Seele, die oft an Gott denkt, und an die geschichte. Warum bist Du nicht bei mir, und warum reisen wir nicht zusammen, da ich Dir verwandt und Du mir? Ich habe mein Lebelang einen ungestillten Drang nach verwandten Seelen gehabt, weil ich mich immer so langweile in aller Gesellschaft. So komm denn, ich will denken, Du bist hier! Ich denke gern an Dein weltliches Marienbild, o Maria, Madonna! Komm, ich will Dir Prag zeigen, hier ist viel, worüber wir noch mit einander zu sprechen haben. In Prag ist viel Welt, viel Fleisch und Blut, viel geschichte, und für Gott sind viele Kirchen, wenn auch nur alleinseeligmachende, gebaut.
Von der Neustadt