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sie es auf der Erde nicht mehr aushalten könne, und ich Einzelne, die den allertiefsten Schmerz davongetragen, zog mit, nicht wissend, wohin. Doch ich freute mich, dass es weiter und weiter, und immer vorwärts ging, und das war mir klar, dass ich nie wieder zurück könne und wolle. Hinter mir lag es, wie Todesschauer, wie ein giftspeiender Drache, der an alles Gut und Glück meines Lebens die Kralle gelegt. Und neben mir und um mich her drängte es mich mit immer gewaltsamerer Eile fort, als käme etwas darauf an, dass ich gerettet würde. Da fiel mir auf Einmal, mitten in dieser seltsamsten Verwirrung, die Gestalt meines Vaters ein. Ach, wie lange hatte ich nicht an ihn gedacht, wie war ich, seit jener Kinderfurcht, mit der ich ihm nur angehörte, ihm entrückt und entwachsen! Und doch dünkte es mich, als gewinne ich in diesem Augenblick der Gefahr und des Gedränges, wo ich wie im Wirbelwind ohne Rat und Trost umhergetrieben wurde, an ihm ein festes Bild, an das ich mich halten und fassen könne. Was war mir denn noch übrig geblieben von den Bildern des Lebens? Jedes war zerstört, ausgelöscht, eingeäschert. Ich hatte keine einzige Gestalt mehr in der weiten Wüste der Zukunft, an die ich durch Gefühl oder natur gewiesen war, als die des Vaters. O es muss etwas ungeheuer Grosses sein, wenn ein Mädchen einen Vater hat, der ihre Liebe und ihre hülfe ist! Und wie mochte es dem alten Vater ergehn? So wogten meine Vorstellungen mit dem mich hin und her drehenden Gewühl auf und nieder.

Endlich fühlte ich, wie ich allmälig dem verworrensten Getümmel entzogen wurde. Schon fernab hinter mir verbrausten die wilden Stimmen des auseinander stiebenden Aufruhrs. Eine kalte Zugluft wehte mich an, ich blickte umher, und fand mich schon in einer einsamen Gasse. Mein Entschluss war gefasst, und zur Ausführung desselben trat mir plötzlich ein hoher Mut in die Seele. In Dresden konnte ich nicht bleiben, ich musste fort nach Böhmen, zu den alten geliebten grünen Bergen, in mein altes böhmisches Dorf, in die Hütte des Vaters. Ich befand mich am entlegensten Ende der Pirnaischen Gasse, und eilte, ohne Aufentalt, dem Tore zu. Ich gedachte nicht, dass die späte Nacht heraufzog, dass ich leicht bekleidet, dass ich ermattet, erschöpft und hülflos war. Mit schnellen Schritten zog ich über die öde, finstere Landstrasse hin. Ich hatte eine solche innere Zuversicht auf meinen Plan gesetzt, dass er mich, je weiter ich ging, zu beleben und zu erkräftigen begann. Nicht schreckten mich die Gespenster der nächtlichen Haide, nicht die drohenden Schatten des Wolkenhimmels, nicht die schwarzen Gestalten der Bäume und Sträucher, nicht die in mein Ohr säuselnden und in mein Haar schlagenden Winde. Mit einer mir selbst unbegreiflichen Kraft legte ich, ohne zu rasten, ohne mich umzublikken, die ungeheuersten Strecken Weges zurück. Ich lief wie eine Pilgerin, welche die Busse über Stock und Stein treibt, und die in allen Mühsalen der Flucht ein Heil findet. Endlich, nachdem ich viele Stunden gegangen, sank ich mit völlig aufgelösten Gliedern vor der Schwelle einer Bauerhütte zusammen. Ich konnte nicht weiter, mein Atem ging mir aus in der Brust. Es war noch Licht in der Hütte, und auf mein Seufzen kam die alte Bauerfrau heraus. Sie legte mich in ein grosses hohes Bette, in dem mich bis gegen Morgen ein fast todähnlicher Schlaf umfing. Aber ich fühlte mich unbeschreiblich danach erquickt, und meine gesunde tüchtige natur erwies sich hier in den entscheidendsten Augenblicken von einer siegenden Stärke. Von der Bauerfrau erfuhr ich, dass ich mich hier nur noch eine halbe Stunde von Pirna entfernt befinde. Ich hielt es selbst kaum für glaublich, dass mich in der vorigen Nacht mein fliehender Fuss so weit getragen hatte. Der Frau erzählte ich eine geschichte, die sie glaubte. Ihr Mann fuhr diesen Morgen nach Tetschen, und nahm mich auf seinem Wagen mit. So gelangte ich wieder nach Böhmen. Von Tetschen ging ich zu Fuss über grüne Feldwege langsam in mein Dorf zurück. Jauchzende Tränen, möchte' ich fast sagen, entstürzten mir, als ich unser kleines Haus wieder erkannte. Den Vater fand ich sehr krank und alt. Er konnte sich gar nicht auf mich besinnen. Und noch heute ist es kaum, als sähe er in mir eine Tochter. –

Doch ich will jetzt jedes weitere Ausmalen unterlassen. Es fehlt mir auch von nun an aller Mut der Farben dazu. Diese Blätter zu schreiben, hat mir ohnehin schon viele Mühe und viele Ueberwindung gekostet, und dann muss ich doch am Ende mit Wehmut sehen, dass sie eigentlich gar kein Resultat liefern. Mich hat Gott als eine der unverwüstlichen Naturen geschaffen, die ihre Hoffnungen auf das Leben nie aufgeben können, selbst nach der Strandung aller ihrer Güter nicht. Und so sitze ich jetzt hier in einer gänzlich verlorenen und vereinsamten Existenz auf meinem dorf, und pflege meinen armen kranken Vater mit so viel Liebe, als ich kann und als er versteht. Schon mehreremal hat die Schwalbe neue Frühlinge gebracht, und im Herbst hat der Kranich meine Wünsche mitgenommen in ferne Länder. Bald lache, bald weine, bald spotte ich, und kann den Sonnenschein nicht fahren lassen aus meinen Gedanken. Ich kann mich an kein unbesonntes Dasein gewöhnen. Darum hoffe ich und hoffe, ich hoffe mit einer wahren leidenschaft