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Leben lieb sei. Ich sass den ganzen Nachmittag, und es wurde Abend. Zuweilen schmeichelte ich mir sogar mit der Vorstellung, dass nur ein Augenblick der Hypochondrie, wie ich wohl früher hinundwieder ihn davon befallen gesehen, ihn diesen Brief schreiben liess, ohne dass es in der Wirklichkeit zu dem Schrecklichen käme, das darin angedeutet wurde.

Endlich, als die Abenddämmerung mein Zimmer immer mehr verdunkelte, und die Einsamkeit um mich her banger und unerträglicher wurde, ergriff mich ein unbeschreibliches Zagen. Ich konnte es nicht mehr allein mit mir aushalten, und beschloss, die Tante aufzusuchen, um zu sehen, was vorgehe, was beschlossen worden, was mir bevorstehe. Langsam schlich ich durch den gang hin, welcher mein Zimmer von den ihrigen trennte, Alles war still und lautlos, und das ganze Haus kam mir wie verlassen und ausgestorben vor. In den vorderen Zimmern fand ich Niemand, und von der Gasse herauf schlug ein dumpfer, ungewöhnlicher Lärmen an mein Ohr. Ich erbebte in meinem Innersten, ich war krampfhaft gespannt auf das Entsetzlichste, das sich, wie ich überzeugt war, irgendwo jetzt ereignet haben müsste. Ich eilte in die Küche, und erfragte von einer halbtauben Magd mit grosser Anstrengung so viel, dass die Tante bereits seit Mittag das Haus verlassen und noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Drüben auf dem Altmarkt aber wäre ein Volksaufruhr ausgebrochen. Ich sprang rasch wieder nach vorn, riss die Fenster auf, und blickte auf die Strasse hinunter. Eine dichtgedrängte wogende Menge bewegte sich in schwarzen massen auf und nieder, man konnte nichts unterscheiden, und Alles floss in einem wilden Geschrei, mit einem hohlen, gleich Gespenstern durch die Gassen laufenden Gemurmel ineinander. Von dem Markt schien ein heller Lichterschimmer herüber. Da erdröhnte die Lärmtrommel, dass ich vor Schrecken aufschrie, und mir nach dem Herzen greifen musste. Ich wähnte meiner Tage und der ganzen Welt Ende herangekommen, meine ungewisse Angst liess mich die ungeheuersten Schrecknisse glauben. Hier allein vermochte ich nicht zu bleiben, ich fühlte bei weitem mehr Mut dazu, mich unten in die Nähe des dichtesten Getümmels zu wagen. Mein verzweifelter Entschluss trieb mich hinunter. Ich warf rasch einen Shawl über, und stürzte die Treppe hinab. Vor der Tür blieb ich stehen, und eine Schaar dort versammelter Menschen nahm mich alsbald, ehe ich es gewahr wurde, in ihre Mitte. Niemand merkte auf mich, und ich suchte mir aus den verworrenen Reden der Leute zu entnehmen, was vorgegangen sein möchte. So viel verstand ich, dass das Volk durch die Nichtachtung, welche die obern Behörden dem heutigen kirchlichen fest bewiesen, zuerst in Aufregung geraten war. Es hatte sich auf dem Markt versammelt, der fast ringsum feierlich erleuchtet worden, und auf dem nur das Rataus dunkel und ohne ein festliches Zeichen blieb. Wilder Ausruf erscholl von allen Seiten, und die gereizte Stimmung steigerte sich immer mehr. In einem haus waren Luters und Melanchtons Bildnisse an den Fenstern ausgestellt, und zugleich hatte man in der Nähe desselben, man wusste kaum woher, Spottlieder vernommen, welche die erhitzte Menge auf ihre Glaubenshelden bezog. Nun hörte man Verwünschungen gegen die Katolischen ausstossen, den Anhängern des Protestantismus aber ein Lebehoch bringen, während Andere Hand anlegten, die Tür eines Hauses, gegen dessen Bewohner man einen besonderen Argwohn gefasst hatte, gewaltsam zu sprengen. Der Aufruhr war nicht mehr zu bändigen, die einschreitende Polizei erwies sich ohnmächtig in allen von ihr ergriffenen Mitteln. So wuchs die Verwirrung, ein endloses Gedränge war entstanden, man schob sich in taumelnden Gruppen hin und her, und ein banges Grauen begann sich aller Gemüter zu bemächtigen.

Indem ich so stand, und auf die wüste Volksmasse hinblickte, fing ich fast an, meine eigenen Schmerzen zu vergessen. Da teilte sich, links von der Schlossgasse her, die Menge, und es schien ein neuer Auflauf entstanden zu sein. Bald näherte sich ein abgesonderter Zug von Leuten, dem überall Platz gemacht wurde. Die Vorübergehenden sagten, man bringe einen jungen Menschen, der sich in die Elbe gestürzt habe. Man könne noch hoffen, ihn wieder ins Leben zurückzurufen, da er kurz nach der Tat aufgefunden worden sei. Ich schauderte im tiefsten inneren zusammen, mein Bewusstsein verdunkelte sich. Noch ein blick des Entsetzens auf den näher kommenden Zug, dann verloren sich meine Sinne, ich wusste nicht mehr, wo ich war. Ich fühlte mich wie fortgetragen, der Strom des Gedränges hatte mich ergriffen. Von allen Seiten stiess und schob man mich, und ich wurde so aus meinem ohnmächtigen Zustande allmälig wieder emporgerüttelt. Doch sah ich nicht um mich her, ich liess mich mit geschlossenen Augen immer weiter tragen und drängen. Zuweilen blitzten Lichter, fackeln, seltsame Schimmer aller Art, durch die Finsterniss meiner Augen. Dann war wieder einen Augenblick lang Alles still und dunkel, und ich wiegte mich mit Ergebenheit der Verzweiflung in der schwarzen Nacht, die mich umrauschte. Nun zogen Soldaten mit klirrendem Gewehr an mir vorüber, ich wurde Jegliches gewahr und sah doch nicht. Dann merkte ich wieder, wie ich in das wildeste Gewühl fortgerissen wurde. über den Markt war ich längst hinweggeführt, und das ganze Ziehen, Drängen, Treiben und Stossen wurde immer rascher, tosender, gefahrvoller. Es war mir, als sässe ich auf einer Meereswelle, ein armes, verlorenes Kind, das Schiffbruch gelitten. Dann kam es mir wieder vor, als befinde sich die ganze Menschheit auf einer grossen Flucht, weil