und was aus mir werden! Ich fürchtete, dass ich gestern meine bisherige sorglose Lage auf immer verändert und zerstört hätte, und zugleich wünschte ich es. Denn wie konnte ich anders gegen den Grafen handeln! Es empörte mich, an ihn und an die Tante zu denken, und neben der zagenden Besorgniss für meine Zukunft regte sich in mir zugleich der Zorn. Dann schüttelte es mich wieder, wenn ich in die Ferne dachte, mit Grauen und Angst.
Niemand liess sich blicken, und ich war entschlossen, heute allein auf meinem Zimmer zu bleiben, es werde auch wie es wolle. Endlich brachte mir die Aufwärterin mein Frühstück, und ich fragte weder nach der Tante, noch wurde mir etwas von ihr gesagt. Ich kleidete mich um, setzte mich nieder, und wollte erst zeichnen, dann lesen. Nichts gelang mir, und ich vermochte nicht, meine Anschauungen auf einen bestimmten Gegenstand zu fesseln. Die Kreide zitterte mir in der Hand, die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen, und Alles, was ich anrührte, benetzte sich bald mit Tränen. So ging die schöne helle Stimmung, mit der ich diesen Morgen erwacht war, bald in immer versunkenere Schmerzen über, und wich dem näher und näher heraufziehenden Schicksal dieses Tages, welcher der entscheidende für mich werden sollte.
Indem ich so sass und an den Bildern meiner eigenen Phantasie mich abängstigte, dann wieder hin und her dachte, um meine Gedanken zu zerstreuen, fiel mir plötzlich ein, dass heute ein Festtag sein müsse, über den ich schon früher viel in den Zeitungen gelesen. Freilich kein Festtag für mich. Es war die Jubelfeier der augsburgischen Confession, welche in dieses Jahr und auf diesen Tag fiel, und über deren festliches Begehen man aller Orten sprechen gehört hatte. Es war in der letzten Zeit davon um so mehr die Rede gewesen, und deshalb auch zu meinen, oft mitten im Wirrwarr Manches erlauschenden Ohren gedrungen, weil, wie man sagte, die Protestanten in Dresden zu manchem drückenden Argwohn, welcher sie eine Beeinträchtigung ihrer Glaubensrechte besorgen liess, damals Anlass gefunden. Ich erinnerte mich jetzt, da es mir wohltat, auf andere Vorstellungen zu kommen, aus meinen früheren Geschichtsstunden bei Mellenberg deutlich des ganzen Herganges, den die Reformation genommen, und wodurch eine lebhafte Gedächtnisfeier jener augsburgischen Confession für die Anhänger dieser Kirchenpartei so bedeutend werden musste. Dass aber die Feier in Dresden keineswegs mit solchem Glanz vor sich gehen werde, als es dieser historischen Bedeutung würdig gewesen, hatten die Protestanten, die sich in ihrer Stellung zu der herrschenden katolischen Partei nichts weniger als in ihrem Rechte glaubten, gefürchtet. Mir fiel manches Wort wieder ein, was Mellenberg in unsern damaligen Unterhaltungen über diesen Gegenstand gesagt. Ich wiederholte mir ordentlich Alles, soweit ich es noch im Gedächtniss hatte, um jetzt alle andern Gedanken nur immer weiter von mir zu scheuchen. Zugleich war es mir süss, weil es mit Mellenberg zusammenhing. Bald aber dachte ich bloss an ihn selbst, und jedes übrige Bild verwischte sich dagegen in mir.
Da klopfte es leise an meine Tür, und ein kleiner Knabe brachte mir einen versiegelten Brief. Ich griff hastig danach, denn ich war überzeugt, ich weiss nicht warum, dass er von Mellenberg sein müsse. Ich steckte ihn rasch in den Busen, und entfaltete ihn erst, nachdem der Knabe fortgegangen, denn es war mir, als läge ein grosses geheimnis hinter seinem Siegel verborgen. Endlich las ich mit Entsetzen, ohne daran glauben zu können, die folgenden Worte: "arme Freundin! Ich habe ein grosses Unrecht an Dir begangen. Dies treibt mich von Dir, und treibt mich in den Tod. arme Freundin! Ich habe ein grosses Unrecht an meinem Gott begangen. Nur ihm und seiner Erkenntnis hatte ich in stetem Forschen und Trachten mein Dasein gelobt. Dies Gelübde und mit ihm der Gottesfriede meines Lebens ist gebrochen. Die irdischen Gedanken sind nun über meine Andacht hergestürzt, und fangen an, mein dem Himmel geweihtes Herz zu verwildern. Ich fühle, dass ich seit der gestrigen Nacht nicht mehr beten kann. Lebe wohl! Ich will und darf nicht mehr leben. Gott behüte und schütze und erleuchte Dich! Mir wird er drüben verzeihen, denn ich muss vor seinem Tron erscheinen. Lebe wohl! Lebe wohl! arme Freundin!" –
Ich weiss nicht, wie lange ich diese Zeilen anstarrte, aber es wurde mir so schwer, ihren Sinn zu begreifen und in mich aufzunehmen, dass sie mich anfänglich ganz kalt liessen. Dann setzte sich mein Schrecken in eine dumpfe Betäubung um, in der ich mehrere Stunden verharrte. Durch ein Geräusch wurde ich zuerst wieder erweckt. Es war meine Aufwärterin, welche mir, auf mein am Morgen gegebenes Geheiss, den Tisch deckte und das Mittagessen auftrug. Ich liess Alles stehen, und nahm nur den Brief, um ihn noch einmal zu lesen. Dann ergoss sich meine Brust in ein langes, unendliches Weinen, das nicht aufhören und nachlassen wollte.
Ich wusste nicht, was ich beginnen sollte. Nicht einmal getraute ich mir, mich von meinem Zimmer zu entfernen, wie ein banges Kind, das im Dunkeln keinen Schritt zu tun wagt. Es schien mir, als müsse draussen etwas Entsetzliches sich zusammengerottet haben, wie eine Verschwörung wider mich, aus der ich mit meinem Leben nicht wieder entkommen würde. Und zugleich fühlte ich in diesem Augenblick – fast stärkte mich die Wahrnehmung – wie sehr mir noch immer das