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Hand in meinen aufgebundenen Haarflechten. Doch war er schüchtern und zart, kindlich und zurückhaltend, dass ich mich vor ihm schämte.

Ich fühlte eine solche Wallung bis in die Stirn, dass es mich nicht mehr an seiner Seite liess. Es war mir, als hörte ich seinen auf und niedergehenden Atem inwendig in meinem Herzen zum zweiten Mal schlagen, und als drücke sich die Nähe seiner Gestalt so fest und unwiderstehlich in mich ein, dass ich mich selbst darüber ganz und gar verlieren müsste. Da wurde mir ängstlich, ich sprang auf, und durchmass, von einer wilden Hast getrieben, mit raschen Schritten das Zimmer. Er blieb sitzen, und sah mir tief sinnend nach, als kämpfe er noch mit Wirklichkeit oder Traum unserer Scene.

Auf dem Fussboden standen und lagen viele Bücher umher, es waren die stillen Mitbewohner des kleinen Gemaches. Ein grosser, breiter Foliant erhob sich dicht neben dem Arbeitstisch, und ich setzte mich endlich, um auszuruhen, auf die starke, feststehende Schaale des Buches. So sassen wir uns lächelnd gegenüber, ich fern von ihm, nur mit den Blicken einander erreichbar. Wir sprachen nichts, eine grosse Stille herrschte rings um uns her. Draussen die späte Mitternachtstunde, die vom Turm erklang, hatte uns nichts zu sagen, wir waren nur vertieft in den Moment unsres Beisammenseins. Ich hätte gern wieder neben ihm gesessen. Ich sehnte mich nach ihm. Das Rot auf meiner Wange mochte sich noch röter entflammen. Da ergriff ich ein Buch, das neben mir auf der Erde lag, und blätterte, um mein Gesicht darin zu verbergen. nachher bemerkte ich erst, dass es Hebräisch war, was ich so dicht an meine Wange hielt. Schnell schleuderte ich es wieder von mir, wie aus Gespensterfurcht vor diesen entsetzlichen Schriftzeichen, und sprang dann lachend auf, und stellte mich wieder vor den guten teuern Freund hin, mit übereinandergeschlagenen Armen, die Hand nachdenklich betrachtend an das Kinn gelehnt. Unsere Augen trafen mit einem kühner sich begegnenden Feuer zusammen, und liessen sich nicht wieder los. Er hatte mich leise an seine Brust gezogen. Auf dem Tisch verlosch das Licht, das sonst nur vor dem arbeitsamen Fleiss niederbrannte. heute verlosch es – –

Doch nichts will und darf ich mehr sagen. Erst spät schlich ich mich, halb bewusstlos, wieder fort, um mein eigenes Zimmer zu erreichen. Es gelang mir, und ohne mich vor Erschöpfung aller meiner Sinne auskleiden zu können, sank ich dem tiefsten Schlaf in die arme.

Als ich am andern Morgen erwachte, schien bereits die helle Sonne auf mein Bett. Alles war still um mich her, und indem ich mich nachsinnend aufrichtete, war es mir, als hätte ich mein ganzes Gedächtniss für den gestrigen Tag verloren. Ich sprang rasch auf, mir war wunderbar wohl zu Mute, bis in mein innerstes Wesen hinein. In allen Teilen meiner natur fühlte ich mich erquickt und gehoben, und mich dünkte, als riesele in mir ein frischer Strom von Leben durch jede Ader hin. Ich kam mir auf Einmal aufgeblühter, entwickelter vor, voller in meinen Formen und reicher in meinen Gedanken, und, neben einer unendlich wohltuenden, warmen Stimmung meiner physischen natur, empfand ich eine tiefe, ruhige, befriedigte Heiterkeit in der Brust, wie ich mich ihrer nie erinnern konnte. Es war mir, als hätte ich jetzt erst einen kräftigen blick ins Leben gewonnen. Alles schien an mir klarer, bestimmter, herausgetretener, gerundeter geworden, Alles hatte Ton, Klang und Duft in mir von innen und aussen. Ich war mehr geworden, diese überzeugung drängte sich mir lächelnd auf. Kein harmloses Mädchen, kein unschuldiges Kind mehr, aber gewachsen und erwachsen, gereift und gezeitigt. So seltsam war meine Sinnesart, dass ich, in diesem Moment an gar nichts Anderes denkend, mich nur unbeschreiblich glücklich pries. Ja, das eigene Wonnegefühl, das tief aus mir herausschlug, überwältigte mich so sehr, dass ich mich nicht halten konnte, ich sank auf mein Knie nieder, und betete, was ich so lange nicht getan hatte, zu Gott. Seit jenen guten Kinderworten, mit denen ich ihn um das Leben gefleht, das ich mir noch weit hinter den böhmischen Bergen gedacht, hatte ich nicht aus so voller und hingebender Seele gebetet. Ich betete und dankte, dass er mich nicht verlassen, und dass ich fühle, wie er mit mir sei, und sein geistbeflügelnder Hauch mich im Innersten durchdringe, selbst bis in Fleisch und Blut hinein. Er möge mich glücklich führen und leiten durch das grosse Labyrint der Welt. So lange mir gut und fröhlich zu Mute sei, wolle ich immer glauben, dass ich Alles, was ich auch getan, recht und mit seinem Willen getan. So sei ich. Ich sei eine weltliche Seele. Ein Kind der Welt. Und durch die Welt empfände ich ihn, meinen Gott, heraus. Ich könne nicht anders. Jetzt sei mir wohl, sehr wohl. Dank, Dank und Amen! –

Als ich aufstand, fühlte ich, dass meine Gedanken, allmälig wieder nüchtern werdend, zu den Bildern des vorigen Tages in scharfer Erinnerung zurückkehrten. Nur an Mellenberg dachte ich noch einmal mit solchem süssen Zug der anhänglichkeit und Zugehörigkeit, dass ich mich wie durch geheimnissvolle Fesseln an ihn gebunden empfand. Dann aber verdunkelte und verschüttete sich plötzlich in mir Alles durch die schreckenerregendsten Vorstellungen. Meine Verhältnisse in diesem haus, was sollte aus ihnen