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gut. Ich deutete ihm Alles an, soviel ich konnte und mir mein Gefühl erlaubte. –

Und hier hätte ich wohl Grund, den Faden dieser Selbstbekenntnisse abzubrechen, wenn ich nicht auch die schonungsloseste Aufrichtigkeit gelobt hätte. Vielleicht ist es auch gut, dass man Alles sagt, für sich und für die Andern. Denn vor sich und vor den Andern kann man sein Herz nur rechtfertigen, wenn man es ganz und offen erschliesst, und ein offenes Herz, mit allen seinen Strudeln und Untiefen, ist ein Schauspiel für Götter. Daher schäme ich mich nicht, die Wahrheit aufzuzeichnen, weil sie die Wahrheit ist. Die Feder zittert mir bloss hinundher in der Hand. Und auf das Wort Wahrheit, das ich da hingeschrieben, fällt mir eine grosse Träne. Ja, ich schäme mich der Wahrheit nicht. Ich habe immer gehört, dass die Wahrheit endlich zum Gedicht werde, nachdem sie mit ihren herben Stoffen in den Läuterungsflammen der Busse geschmolzen. Wohlan denn, mein Gedicht!

Ich hatte mich schutzsuchend an die Seite des Jünglings geschmiegt, und dachte gar nicht daran, wie ich aussah. Das Haar hing mir aufgelöst und flatternd herunter, der Busen war mir halb entblösst, und alle Teile des Gewandes hatten sich in dieser beispiellosen Verworrenheit verschoben. Er schien unschlüssig, ob er mich fliehen, ob er mich aufnehmen solle. Dann drückte er mich mit einem glühenden blick an sich, sein Antlitz verschönte sich mit einer hohen Röte, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. In seine Augen trat der lodernde Funke des Mitgefühls hervor, nach dem ich immer bei ihm gesucht und geforscht. Er griff nach meiner Hand, ich fühlte, dass die seinige bebte zwischen meinen Fingern, und dann führte er mich zu seinem in der Ecke stehenden Sopha. Ich folgte ihm gern, gern. Wie einfach, wie arm, wie dürftig war hier Alles in seinem kleinen Gemach, und doch, wie traulich und beruhigend wehte mich zugleich Jegliches daraus an. Ich hätte um Alles in der Welt gewünscht, dass ich ganz glücklich gewesen wäre, um mich recht mit ihm freuen zu können. Ich hätte ihm zu Füssen sinken mögen. Er sah so freundlich, so unschuldig, so heilig, und doch so liebesinnig aus in diesem Augenblick heute.

Wir sassen nebeneinander auf dem Sopha. Ich legte meinen Kopf erschöpft auf seine Schulter, und atmete schwer. Hier war ich sicher, hier vermuteten meine Feinde mich nicht. Keine Nachstellung traf mich hier in der stillen Werkstatt des Fleisses. Das spärlich flackernde Licht erhellte kaum den heimlichen Winkel, in dem wir aneinander ruhten. Er sagte, er habe Alles längst geahnt, gewusst, dass es so kommen würde. Er habe im Stillen über mich geklagt, und doch nichts zu tun vermocht. Darüber sei ihm das Herz zerrissen, und er habe sich stumm zurückgezogen in seine liebesarme Einsamkeit.

Ich weiss, dass mir nicht zu helfen ist! sagte ich mit leiser, gefasster stimme. An mir ist Alles verloren, ich sehe nicht mehr ein noch aus. In der Ferne kein Ziel, in der Nähe kein Anker. Hoffnungslos, grundlos. Doch still davon, Freund! Lass uns gar nicht mehr daran denken, wie unglücklich ich bin. Nur zwei Minuten lang, zwei schöne Minuten lang lass mich noch an Deiner Schulter ohne Gedanken ruhen. Ich bin matt, ich bin wundgejagt, ich will an gar nichts denken. Nur still, still! Ganz still! Lass mich genug haben an diesem einzigen Augenblick Deiner Gegenwart, wenn mich auch mein Schicksal bald zum Aufbruch mahnt. Ich meine, dieser Augenblick sei mein ganzes Leben, und weiter brauche ich nicht. Höre, lass mich auch an mein Schicksal nicht denken. Lass mich an gar nichts denken. Nur still, still! Ganz still! Und weisst Du denn, wie sehr ich Dir Freund bin? Doch still! Ach, vom Kinderherzen ging es in das grösser werdende Mädchenherz über, wie lieb Du mir bist. O still, still! Lieb in Gestalt und Wesen, im Sinnen und Handeln, im Reden und im Schweigen. Lass mich bei Dir bleiben, bei Dir und Deinen Büchern. Sprich nicht von liebesarmer Einsamkeit. Hier ist es gut. Still will ich an Dir ruhen. Still, still, still!

So plauderte ich zu ihm hin, meinen Schmerz ersterben lassend in süsser sehnsucht. Er sagte, ihm sei das Glück wie eine Königin der Nacht aufgeblüht. Wer könne ihn schelten, wenn er an das Wunder ihrer Blüte glaube. Denn in der Liebe sei seine Seele wundergläubig. Er frage nicht, wie es dauern werde und ob. Er liebe mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Glauben, mit seinem ganzen Ernst und seinem ganzen Leichtsinn. Nie habe er zu träumen gewagt, was jetzt Leben geworden. Und zum Leben fühle er sich erwacht, nachdem er es lange an todtes Wissen verloren. Nachdem er lange kaum um sich hergeblickt in der Welt, habe sie sich ihm plötzlich bevölkert, und ein Liebesauge zu ihm aufgeschlagen. Er sei unbegreiflich beglückt.

Es war das erste Mal, dass ich ihn so glühend reden hörte, und das bewegte mich tief. Ich sah ihn mit meinen besten und zärtlichsten Blicken an, und aus der selbstvergessenen Ruhe, in die ich mich noch eben in halber Verzweiflung eingewiegt, begann wieder eine heisse Unruhe in meiner Brust zu entlodern. Er spielte mit seiner