des Mannes, wie noch nie, und ich dachte, dass mich nichts mehr retten könne, als Bitten. Da beschloss ich, ihn unendlich zu bitten, und flüsterte ihm viele, gute, flehende, schmeichelnde Worte ins Ohr, dass er mich nur eine einzige Minute lang freilassen möchte. Ich könne nicht mehr atmen. Nur eine einzige Minute lang.
Er liess mich los, und ich seufzte laut auf, als ich von ihm floh. Ich eilte zur Tür, ergriff die Klinke, und fand sie verschlossen. Ich ging auf und ab, und empfand jetzt erst, dass eine unbeschreibliche Angst in meinem Herzen poche. Da fielen meine Augen auf ein Klavier, das, an der Wand stehend, noch nicht von mir bemerkt worden war. Es war ohne Zweifel ein neues Geschenk von ihm, die Tasten standen offen, ein Musikblatt lag auf dem Notenpult. In meiner Verwirrung war ich davor stehen geblieben, und griff, wie in krampfhafter Betäubung, einige Töne auf dem klangreichen Instrument. Dann schrie ich entsetzt auf, als hätte ich etwas Unrechtes begangen.
Bravo! Bravo! rief eine stimme hinter mir. Ich sah mich um, es war der Graf. Er hatte einen vollgeschenkten Becher in der Hand, der schäumende Wein perlte und duftete mir daraus entgegen. Er hielt mir den Becher mit freundlichem Wort an die Lippen, und ich liess Alles mit mir geschehen, ich sog in langen durstigen Zügen die stärkende Labung tief in mich hinein, als könne mir das helfen. Er freute sich, und küsste mir dabei die Stirn, während ich trank.
Nun glaubte er meinen ganzen Starrsinn überwunden und führte mich in sanfter Umschlingung wieder zum Kanapee. Ich aber fühlte plötzlich einen neuen glühenden Mut in mir gewachsen, und dachte, dass es jetzt nur auf mich ankäme, ihn zu brauchen, und anzuwenden alle Stärke meines Willens. Er zog mich auf seinen Schooss nieder, und legte mit schmeichelnder Bewegung meinen Kopf auf seine Schulter. Das Tuch war mir vom Nacken geglitten, ich empfand selbst, wie heiss ich war, und fragte nicht danach. Ich lag mit dem Kopf auf seiner Schulter, und dachte über etwas nach, ich weiss selbst nicht, über was. Ich fühlte sein Herz hörbar an mir schlagen, und es kam mir der Gedanke ein, dass wir beide nie zusammengehörten. Weil ich ihm jetzt so nahe war, empfand ich die ungeheuere Trennung zwischen uns um so überzeugender, um so schneidender. Jetzt erst, auf seinem Schooss, wo er mich ganz gewonnen zu haben meinte, sah ich es deutlich ein, wie fern ich ihm war. Fern, fern, ewig fern, und weit auseinander. Sein dicht an meiner Wange gehender Atem fing mir an abscheulich zu werden. In meiner auf- und niederwogenden Brust regte es sich wie ein grosser heldenmütiger Hass. Ich richtete mich langsam von ihm auf, und sah ihn an. Er hatte meine Busenschleife ergriffen, und zog sie auf, sodass mir das Gewand voneinanderschlug. Ich dachte an Lucretias Dolch, wie er ihren schneeweissen Busen durchschnitten, ich fasste mich noch einmal in meiner ganzen Entschlossenheit zusammen, es zuckte in meiner Hand, und ich schlug mit allen Kräften nach seiner Wange, als führte ich ein Schwert der Rache. Dann war ich aufgesprungen, rannte ans Fenster, schrie laut um hülfe auf die Gasse hinaus, und wollte mich hinunterstürzen. Darauf wieder zurück durch das Zimmer, noch einen flüchtigen, zitternden blick auf ihn, der erblasst und halb ohnmächtig vor Schreck und Zorn dasass, dann griff ich mit aller Gewalt an die Tür, sie wich aus dem Schloss, und ich eilte, auf atemloser Flucht, mit der Geberde einer Wahnsinnigen, die Treppe hinab.
Unversehens war ich in den Hof getreten, der kühle Nachtwind schlug mit feuchten Flügeln mein heisses Gesicht, und brachte mich zuerst wieder zur Besinnung. Ich stand still, Alles war ruhig, nichts bewegte sich. Ich richtete die Augen zum Himmel auf, wo einige Sterne in dunkler Glut brannten. Da fielen meine Blicke auch auf zwei erleuchtete Fenster des Hofgebäudes. Es war Mellenbergs Zimmer, er war es, der Gute, der Verständige, der wieder, wie sonst, auch diese späte, unglückliche Nacht mit seinem Fleiss durchwachte. Seine Gestalt trat vor meine Seele, ich sehnte mich unbeschreiblich nach ihm, ich wollte von ihm Trost und Frieden. Plötzlich war mir jedoch, als hörte ich vorn im haus gehen und sprechen, es kam die Treppe herunter, ich glaubte die stimme des Grafen zu unterscheiden, die Tante auch, beide in einem heftigen Wortwechsel, immer näher und näher, dann Licht, und mein Name wurde genannt. Nun wähnte ich mich verfolgt, und sah keine andere Rettung mehr vor mir, als die Hoftreppe hinaufzuflüchten. Geradezu war Mellenbergs Zimmer, ich stürze hinein, und noch ehe er, von seinem Tisch aufsehend, mich gewahr geworden, habe ich schon hinter mir die Tür verriegelt. Dann springe ich mit weit geöffneten Armen auf den Erschrockenen zu, um mich an seine Brust zu werfen, in seinen Schutz zu geben. Ich sagte es mir mit einer unendlichen Innigkeit und Genugtuung, dass er der einzig Redliche im ganzen haus sei. Unter den Schirm seiner Redlichkeit wollte ich meinen Schmerz, mein Unglück, den Bruch meiner Verhältnisse, stellen. Er sollte mir raten, mir Mittel angeben, und auf hülfe für mich denken. Er war klug und