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meines Willens, ein Kind meines Schicksals, und ein Kind meines Gottes. Aber fremder leidenschaft widerwillig gefallen zu sein, ist eine Beschimpfung des ganzen Daseins, gegen die nichts Anderes mehr als Lucretia's Tod hilft. Ich war in der letzten Zeit oft auf die Dresdener Gallerie gegangen, und hatte mir mit stillem Zucken die Lucretia angesehen, die in dem letzten Zimmer, nicht weit von der Sixtinischen Madonna, ganz oben hängt.

Aber ich vergesse in diesem Hinundherreden über meine Lebenswirren ganz, von unserer Landpartie zu erzählen. Wir fuhren nach Plauen, das zu den reizendsten Umgegenden Dresdens gehört. Der liebliche Plauensche Grund, mit der schäumenden Weiseritz, die sich hier durch hohe Felsen ihre Bahn bricht, machte einen wohltuenden Eindruck auf mich, und erleichterte zuerst wieder meine Vorstellungen. Ich konnte immer entsetzlich bald Alles vergessen, was mich drückte, selbst im Angesicht der Gefahr. Ich wurde heiter, nahm den dargebotenen Arm des Grafen an, ging lachend und hüpfend an seiner Seite, und sang auf sein Begehren sogar die tanti palpiti. Ich war im stand, mir einzubilden, wenn ich wollte, dass er mein wahrer Freund sei, mit dem ich ganz gut sein müsse. Auch bezeigte er sich jetzt durchaus unbefangen, sodass ich meinen Argwohn zurückdrängte. Nur die Figur der Tante ärgerte mich zuweilen, wenn sie mir mit ihren listigen, freundlichen, vielsagenden Augen bedeutungsvolle Blicke zuwarf. Wir hatten Wagen und Pferde im dorf gelassen, und spazierten zu Fuss weiter bis zu den Steinkohlenwerken. Der Graf erzählte mir manches Lehrreiche über den Grubenbau, und ich hörte mit Aufmerksamkeit zu. Auch besahen wir die Dampfmaschinen. Dann kehrten wir nach Plauen zurück, wo wir Abendbrot assen und uns gut unterhielten, und erst spät am Abend langten wir wieder in Dresden an.

Meine fröhliche Laune trübte sich, als ich sah, dass der Graf vor unserer wohnung mit abstieg und uns hinausbegleitete. Ich fühlte, dass ich zitterte, und mein Blut stieg mir in dunkelroter Wallung ins Gesicht. So seltsam war mir noch nie zu Mute gewesen, und als ich ins Zimmer trat, erschien mir Alles wie verändert. Es dünkte mich, als hätte ich früher weit wo anders gewohnt, und käme zum ersten Mal in dies Gemach, um hier die unglücklichste Stunde meines Lebens zu erleiden. Ich sah mich betroffen um, und wirklich, das Zimmer, in das man uns geführt hatte, war mir in seiner ganzen Einrichtung neu. In der Ecke stand ein grosser Amor von Bronze, mit einer brennenden Fackel in der Hand, und beleuchtete mir durch diese auf magische Weise das ängstigend geheimnissvolle Gemach. Ich war wie im Traum, und halb besinnungslos liess ich mich von dem Grafen, der mich mit raschen Arm umfasste, zu ihm auf die Ottomane ziehen. Diese war in Form eines Himmelbettes mit roten seidenen Vorhängen, die sich aus den goldenen Klauen eines Greifs falteten, überdeckt, und sie drohten eben rauschend über mich zusammenzuschlagen, als ich, plötzlich mich besinnend, mich aufriss, und in wilder Bewegung fast einen Tisch umstürzte, der mit Wein und Confecten vor uns gestanden. Ich machte einige Schritte durch das Zimmer, während der Graf, nach seiner Art lächelnd, sitzen blieb und mir einige begütigende Worte zurief. Es war im Zimmer ein seltsamer starker Duft, wie von abgebranntem Räucherwerk, der mich noch mehr drückte, so dass ich das Fenster aufriss. Die Tante war nirgend zu sehen und zu hören. Draussen auf der nächtlichen Strasse lag ein beneidenswerter, ungetrübter Friede, und kaum ging mehr ein Mensch vorüber, kaum liess sich noch ein Geräusch vernehmen.

Was soll das Alles? fragte ich endlich mit ermutigter stimme, und wandte mich wieder zu dem Grafen ins Zimmer zurück.

Indem er mich von neuem an sich zu ziehen suchte, sagte er, heute sei die schöne Feier unseres Bündnisses. Er nannte mich ein wunderliches Kind, und fragte, warum ich mich so fürchte. Ich sei jetzt zu einer holden Braut herangewachsen. Jede Blüte habe ihren Augenblick, wo sie sich plötzlich wie auf sich selbst besinne, dass sie Blüte geworden sei. Von diesem Augenblick an beginne ihr der Genuss ihres Seins. heute sei dieser Augenblick.

Nein! Nein! rief ich aus allen Kräften, und wand mich gewaltsam aus seinen Armen. Nein! Nein! schrie ich, dass die Wände erdröhnten, dass mir das Herz im Busen fast sprang.

Er hielt meine beiden hände fest, und hob sie an seinen Mund empor. Er küsste sie lange, und ich fühlte durch meine Finger das elektrische Feuer seiner Lippen rieseln. Ich zog sie, als hätte ich sie an einer Flamme versengt, zurück, und verhüllte mir damit in tiefster Scham die Augen. Ich weinte.

Er trat vor mich hin, und umfasste mich so unwiderstehlich, dass ich glaubte, er habe ein Netz über meine Glieder geworfen. Er war sanft und stark, mild und gewaltig zugleich, wie er mich umschlungen hielt, und ich wagte mich nicht zu regen. Ich hörte auf zu weinen, und sah ihn mit stillen ruhigen Augen an. Seine Blicke begegneten den meinigen so nahe, dass sie mich wie verzehrende Blitze trafen. Doch ich hielt seine Blicke aus, ich erwiderte sie immer noch mit stillen ruhigen Augen. In diesem Moment erfuhr ich zuerst in mir, dass es eine Macht des Mannes gebe, die unserer natur weit überlegen sei. Er kam mir schön vor in der Glorie