ihnen im Durchschnitt weder Gemütlichkeit noch Gutmütigkeit zuschreiben kann, so ersetzen sie diese doch oft durch eine, ich möchte sagen, technische und hübsch zugeschnitzte Freundlichkeit. –
Jetzt ereigneten sich einige Vorfälle, die mein Schicksal zeitigen halfen. Ich fühlte nämlich, dass unwiderstehliche Leidenschaften in mir rege geworden waren, mehr in der allgemeinen heissen Strömung meiner natur, als dass sie noch einem besonderen gegenstand gegolten hätten, am allerwenigsten aber Dem, welcher sie durch absichtliche, künstliche und immer dringender werdende Mittel in mir hervorzulocken suchte. Es war ein mächtig lodernder Funke, den die Kraft meiner Phantasie aus den überschwenglichen Formen des reichen Lebens sich herausgeschlagen und zündend in mein Blut geworfen hatte, und dieses trieb nun stärkere Wellen zu dem Herzen hinauf, welches erbangend und überwältigt nirgend Befriedigung und Frieden für sich ersah. Wenn ich zuweilen spät aus einer geräuschvollen Gesellschaft, einem aufregenden Ball nach haus kam, fand ich Niemand mehr zu beneiden, als den stillen, fleissigen, sinnigen Mellenberg. Er sass dann immer noch in tiefer Mitternacht auf seinem Zimmer, das in einer andern Ecke des Hofgebäudes dem meinigen gegenüber lag, und hatte Licht. Ich konnte ihm gerade in die stube sehen, jede seiner Bewegungen belauschen, auf jedes Blatt Papier, das er beschrieb, mit hinblicken. Wahrhaftig, zuerst war es dann das Gefühl eines grossen Neides, das in mir aufstieg, wenn ich ihn so vor seinem Arbeitstisch dasitzen sah. Ich hatte die Zeit wild hingebracht, und nach Glück und Vergnügen mich matt und müde gejagt, und er war in wohltuender Ruhe bei seinen Büchern zu haus geblieben. Der Friede ämsiger Gedankenvertiefung lächelte auf seiner gewölbten Stirn. Ich sah lange, lange zu ihm hinüber. Den dunkellockigen Kopf in die Hand gestützt, machte er sich mit grossen Büchern zu schaffen, in denen er bald ganz versunken Seite für Seite umschlug und las, bald auf einem neben ihm liegenden Zettel etwas daraus notirte, oder wieder andere Bücher herbeiholte und darin etwas nachblätterte. So trieb er es unermüdlich bis ein, zwei Uhr, und mein Neid vermischte sich bald mit einer inneren Ehrfurcht für seine stille Beschäftigung, und die Ehrfurcht ging mir ins Herz über und weckte darin allmälig eine leise Flamme. Zugleich dachte ich daran, wie gleichgültig ich ihm im grund zu sein schien, und dies reizte meine ganze Mädchenempfindlichkeit, nicht gegen ihn, sondern heimlich für ihn, auf. Ich lag gewöhnlich schon im Bett, während ich mich damit unterhielt, ihm drüben zuzusehen. Er konnte in mein Zimmer nicht hineinblicken, weil ich gleich, nachdem ich die Vorhänge wieder heruntergelassen, das Licht löschte, und er selbst, wie überhaupt nachlässig in allem Aeussern, war auch darin unvorsichtig, dass er die Gardine vor seinem Fenster nie zusammenzog. Dann, wenn sein Licht ihm auszubrennen drohte, legte er Alles bei Seite, und begann sich zu entkleiden. Doch hier muss ich errötend abbrechen. –
Der Sommer des Jahres 1830 war herangekommen. Es war ein schöner heller Tag, als der Graf uns die Einladung zu einer Landpartie zuschickte, das erste Mal, dass er uns dabei mit seiner Gegenwart zu beehren gedachte. Mit peinigenden Ahnungen setzte ich mich in den Wagen, die freie, reine, himmelblaue Luft wehte mich vergeblich an, und ich konnte mich heute zu dem sorglosen Leichtsinn, der über der natur schwebte, nicht stimmen. Ich war melancholisch, wie Appiani in Emilia Galotti. Der Graf gesellte sich erst eine gute Strecke vor dem Tore zu uns. Er war zu Pferde und ritt in lebhaften Gesprächen, die er immer anzuknüpfen verstand, neben dem Wagen her. Er war ohne Zweifel ein sehr gebildeter Mann, und ich musste mir oft gestehen, dass ich ihn heimlich bewunderte, wenn er sprach und erzählte; aber das ängstigende verhältnis, in dem ich zu ihm stand oder zu dem ich vielmehr noch gezwungen werden sollte, nötigte mich, jede Beipflichtung auch des Verstandes für ihn zu unterdrücken. Denn nichts verfehlt mehr seinen Endzweck auf ein jugendliches, scharf wahrnehmendes Herz, als die zur Schau getragene Absicht. Nur das Unabsichtliche verführt und verlockt uns am wirksamsten. Und doch verdanke ich seinen Absichten die sorgfältige Erziehung und Bildung, die ich genoss, obwohl ich, bei näherer überlegung, ihm keine Dankbarkeit dafür schulden zu dürfen glaubte. Denn ich war selbst nur als Mittel dabei gedacht, und nur für den grösseren Reiz seiner Unterhaltung hatte er klug gerechnet, wenn er es vorzog, sich lieber ein gebildetes Schlachtopfer zu erwählen, als ein unverständiges Werkzeug, das keine geistigere wirkung empfand und wiedergab. So sollte, was ich Schönes und Gutes lernte und mir aneignete, nur die Koketterie eines Putzes sein, womit ich mich, um ihm mehr zu gefallen, behing, aber Gott lenkte es anders, dass die Gaben des Geistes, die nur wie Blumenblätter über den Abgrund meines Verderbens hingebreitet werden sollten, vielmehr Wurzel schlugen in meiner eigenen Seele, und frei und stark machten meinen Willen, um in der Welt nur dem innersten Trieb und Zug meines Gefühls zu gehorchen. Und wenn ich auch bald an diesem meinem eigenen Gefühl mich verirrte und sank, so muss es doch, glaube ich, weniger Schande bringen, durch sich selbst, durch das inwendige und unwiderstehliche Schicksal unserer Brust, gefallen und gescheitert zu sein. Ich bin keck und frei genug, die Augen noch dreist und harmlos aufzuschlagen, wenn mich die Südwinde meiner eigenen leidenschaft verschlagen haben an gefahrvolle Klippen; ich bin dann noch ein Kind