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. So zeigt Goete selbst in dem Stufengang seiner Werke die ursprünglichsten Bildungsstufen des deutschen Geistes auf, aber eben nur die Stufen unserer ganz ursprünglichen und embryonischen entwicklung, auf denen er deshalb am wenigsten das deutsche Dichten schon erschöpfen oder auch nur zur Vollendung bringen konnte. Und in den W a h l v e r w a n d t s c h a f t e n schrieb er noch ein Werk über die allgemeinsten Bindungen und Wechselwirkungen menschlicher Verhältnisse, indem er dabei sogar wieder an die elementare natur anknüpfte. Eine so abstracte und deshalb graue Dichtung ist nie geschaffen worden, als diese, in der Goete zeigen wollte, wie die allgemeinen Naturgesetze der Anziehung und Abstossung aus der Physik und Chemie auf den Menschen sich anwenden und bis in seine stube und sein Herz hinein ihn verfolgen. In diesem Romane trat die natur nun schon ganz ohne alles lyrische Blätterrauschen auf, sie war nacktes physikalisches Gesetz geworden, und der Poet des Werter, der damals das Patos der Naturempfindung gefeiert, hatte jetzt eine kalte Physik des menschlichen Herzens gedichtet. Aber ein anderer hochbegabter Poet hatte mittlerweile Rückschritte eingeführt. Durch T i e c k und dessen Jugendlyrik war der deutschen Dichtung und Gesinnung wieder eine unnatürliche Wendung gegeben worden, unnatürlich, weil mit dem Natürlichen wieder geliebäugelt wurde. Die alten grünen Wälder sollten wieder im Menschen zu reden anfangen. Werter wurde ein Minnesänger, die einfache Naturlyrik Goete's schlug in eine künstlichere Naturromantik um, und statt der naiv plaudernden Lotte sassen hinter der Geisblattlaube alte Mährchen, und nickten mit den sternengekrönten Häuptern, und erzählten hundertjährige Geschichten voll von Liebe und Wunder. Der Schauplatz war derselbe geblieben und doch ganz verändert worden. Was im Werter metaphysischer gewesen war, wurde hier poetischer und bildlicher, und die Gefühle und Schmerzen, die hinter der Frühlingslandschaft gelauert hatten, setzten sich in leichtere Elfen und Kobolde und in ein luftigeres Morgen- und Abendrots-Spectakel um. Aber es war im grund nur eine brillante Variation jener ohnmächtigen Naturstimmung, die den Deutschen so nachteilig ist. Die Deutschen konnten sich auch an der Waldromantik nicht bilden. Und Tieck selbst brauchte einen Zwischenraum vieler Jahre, in denen er ganz schwieg, ehe er in den Novellen seinen schönsten Ton anzuschlagen und darin aus Lebensproblemen eine ächte und gesunde Poesie zu schaffen vermochte, weshalb nichts lächerlicher, als wenn seine Freunde, besonders die unkritischen Berliner, noch immer den Waldlyriker am höchsten in ihm feiern.

Wie gesagt, selbst vor der schönsten Gegend empfinde ich es, dass auch ich kein Werter und kein Wald-Lyriker mehr bin, und es regt sich Bosheit in mir genug dazu, dass ich auch allen meinen Landsleuten gern das letzte Stück Naturidylle aus dem fühlenden deutschen Herzen schneiden möchte. Nur die frische freie Gotteslust brauchen wir unerlässlich, um die starken Brustschläge unserer neuen Taten darin gesund ausatmen zu lassen. In unserem Unruhigwerden und in unserm Historischwerden nehme uns Gott nie die frische freie Luft, damit es eine unbeengte Freude der Bewegung werde! Aber das lächelnde Kind in der Wiege küsst der Mann noch einmal, nachdem er unruhig und historisch geworden, und zieht dann hinaus und kann sich durch den schönen Säugling doch nicht abhalten lassen von den Schlachten. Die natur ist das lächelnde Kind in der Wiege, sie ist der erste Säugling an den Brüsten der Schöpfung. So seht die unmittelbare Unschuld des Lebens auf den Wiesen träumen. Aber der Mensch, dieser eilige Sohn der Zukunft, kann seine Zeit nicht hinbringen, um ihr Wiegenlieder zu singen. Nachdem er seine sentimentale Frühlingsperiode überwunden, betritt er, an Hoffnungen gross, das Feld der geschichte, und erweitert seine Landschaftsstudien zu Weltstudien. Besonders heutzutage hat man gar keine Zeit, man hat Kopf und hände voll zu tun, um sich und Andere zu verstehn, und die wenigen Geschichtsstunden, die uns das Leben noch gibt, recht fleissig zu nutzen; und wenn ich auf die schönen Gegenden polemisire, so geschieht es wahrhaftig meistens nur aus dem Mangel an Zeit. Da wollten mich die guten Freunde in W. den ganzen Vormittag umherführen, um mir die herrlichen Gärten in der Umgegend zu zeigen. Ein ganzer Vormittag! Man denke, ein ganzer Vormittag! Und was ist ein Garten? Gewissermassen nur ein Toilettenstück der natur! Ich trieb mich also lieber auf der Strasse umher, sah die Wachtparade aufziehn und beschaute mir die vielen deutschen Gesichter der umstehenden Menschen, eines nach dem anderen. Ein solches Gesicht ist gar nicht zu verkennen, wie das deutsche; und doch in jeder Stadt ein andersgebildeter Schlag davon! Zehn Gesichter gerade fing ich auf aus dem Haufen, die mir teils merkwürdig, teils lächerlich waren, und ich beschrieb sie mir nachher in meinem Tagebuche und war mit der Ausbeute zufrieden. Ausserdem geriet ich noch beim mutigen Klang der Trommeln, Pfeifen und Hörner auf politische Gedanken über Krieg und Frieden, und in Streit mit einem jungen Menschen, der an der Table d'hôte mein Nachbar war, und die Meinung behauptete, dass an den zum Fidibus gewordenen spanischen Papieren ein allgemeiner Völkerkrieg sich entzünden würde. In Summa, ich hatte etwas erlebt, dass ich in der Stadt geblieben war. unterdessen hatten meine Freunde für mich den Kuckuck angerufen, und nannten mich einen radicalen Stadtphilister, als sie wiederkamen. Und ich schüttelte ihnen als eben so vielen liebenswürdigen Naturphilistern derb die hände.

Die Alten haben vor schönen Landschaften nie geweint, und Herodot, der erste grosse Reisebeschreiber, weiss nur von den Menschen und ihren Sitten