kehrten. Dann warf ich mich erschöpft und seufzend in einen Stuhl, und betrachtete mir beim Auskleiden noch einmal meinen schimmernden Putz, und liess mein Geschmeide und meine Juwelen durch die Finger gleiten. Ich betete nicht mehr zu Gott, den ich als kleines böhmisches Mädchen so heiss um Leben angerufen hatte. Also statt des Lebens hatte ich jetzt die grosse Welt, wie es die Tante genannt, gefunden. Welt, Welt, grosse Welt, ist das Leben? Doch ich dachte jetzt über nichts genau, und flatterte nur, mochte es Welt oder Leben sein, das ich mit meinen flüchtigen Sohlen berührte. Auch konnte ich um diese Zeit fast den ganzen Rossini vom Blatte singen.
Ich muss doch auch wieder ein Wort von Mellenberg sagen. Obwohl ich fast keinen Unterricht mehr bei ihm nahm, blieb er doch immer noch in unserm haus, da er sehr arm war und die Tante ihm wenigstens die freie wohnung gelassen hatte. Er schien mir, seitdem ich mich so in diese glänzenden Zerstreuungen gestürzt hatte, heimlich zu zürnen, und doch war es anfänglich von mir nur aus Trotz geschehen, weil ich mich in meiner Zuneigung zu ihm – der ersten wahrhaften, die seit der Trennung von meinem Rotkehlchen in mein Herz gekommen war – geirrt zu haben glaubte. Ach wo war Rotkehlchen, wo war Böhmen, wo waren die abendroten Gipfel des grossen Milleschauers? Dennoch schien es mir auch wieder, als täte ich Mellenberg Unrecht, wenn ich ihm eine von Büchern und Wissen erkältete Seele zuschrieb. Obgleich er mich vermied und ich ihn, so betrachtete er mich doch zuweilen, wenn wir uns begegneten, mit einem seltsam schmerzlichen und teilnehmenden blick, der tief in mich hineinfuhr und nachher lange in mir haften blieb. Dann konnte er ordentlich schön aussehen, wann er mich so anblickte, und sein edles, ernstes, tiefliegendes Auge beleuchtete sein ganzes Gesicht mit einer stillen, sinnreichen Anmut. über den Protestantismus hatten wir nie wieder gesprochen. Diese klaren Ausstrahlungen meines erwachten Selbstbewusstseins waren für jene Zeit ganz in mir verdunkelt worden. Hätte er daran wieder angeknüpft, so würden wir uns wieder inniger genähert haben, und zu meinem Heil. Aber er war stumm, verschlossen, und hatte nicht den freien und kecken Mut der Seele, welcher einem Mädchen sonst immer als das Liebenswerteste am mann erscheint. Und einmal kam mir sogar der wunderliche Gedanke ein, wie ein so edler, begabter junger Mann, als er, in einem so schlechten haus, wie dem unsrigen, zu bleiben vermochte! Ich schrak ordentlich zusammen, als mir dieser Gedanke klar zu werden anfing. Ich dachte, wenn ich ein Mann wäre, wollte ich fortlaufen, und mich lieber in eine Bodenkammer bei einer armen Weberfamilie einmieten, als hier bleiben! Hier, wo ein zweideutiges Weib der raffinirten Unterhaltung eines Grafen Opfer erzieht. Und am andern Morgen war immer Alles wieder vergessen, was ich gedacht hatte.
Inzwischen muss ich noch bemerken, wie ich schon früher, gleich nach dem Anheben meiner grossen inneren und äussern Verwirrung, durch den Bischof die Firmelung auf den alleinseeligmachenden Glauben erhalten hatte, obwohl, während ich sie empfing, Etwas in mir war, was dagegen p r o t e s t i r t e . Ich ging nun öfter mit der Tante in die Messe, oder auch allein, und so sehr mich auch diese feierliche musikalische Mystik teilweise anlockte und zuweilen wie mit Wunderkerzen in meine horchende Seele hineinleuchtete, so ging ich doch nie mit einem befriedigten Gefühl aus der Kirche weg, sondern war betäubt, ermattet, mutlos. Zudem bemerkte ich, dass sehr Viele nur kamen, um die beiden italienischen Castraten singen zu hören, und diese letzteren waren es gerade, die mir eigentlich Alles verleideten und meine Andacht verdarben. Meine ganze physische natur wurde nämlich empört und aufgeregt, sobald der unendlich weiche, lauliche, wollüstig hingeschlürfte, bald weibisch aufkreischende, bald in gedämpften Mitteltönen sich lächelnd kitzelnde, bald brünstig zitternde, bald in banger Lust klagende und sich verhauchende Ton dieser Sänger an mein Ohr fiel, und auf meine Nerven zu wirken anfing. Dieses empfindliche Missbehagen ging einigemal sogar in Krämpfe und Anfälle von Ohnmacht bei mir über, und ich musste aus der Kirche fortgetragen werden. Das weibliche Gefühl muss es überhaupt verletzen, einen Castraten zu sehen, der für einen Mann bloss lächerlich, für eine Frau aber immer nicht anders, als unerträglich und beleidigend sein kann. Dagegen wurde mir jedesmal wohl, wenn ich von der Kirchentreppe heruntertrat und die herrliche Aus- und Fernsicht über die schöne freundliche Elbe, mit den dahinterliegenden, weit in den blauen Horizont sich verlierenden Gegenden, vor mir erblickte. Diese Aussicht verlor nie ihren aufheiternden Reiz für mich, so oft ich mich auch darin erging, und wenn ich allein nach haus kehrte, machte ich jedesmal einen Umweg und stieg die breiten steinernen Stufen zur Brühlschen Terrasse hinauf, dort oben unter den schattengebenden Alleen langsam und mit oft verweilenden Umblicken hinwandelnd. Da lag unten zur Seite die lange prächtige Elbbrücke auf ihren hohen Pfeilern und Bögen, drüben jenseit der Elbe kamen vom Linckeschen Bade die verlorenen Klänge eines Morgenconcerts herüber, und rings um mich her ging in eleganten Gruppen und Gestalten das Gedränge der schönen Welt Dresdens an mir vorbei. Solche Spaziergänge genoss ich mit harmloser Lust. Die Gesichter der Dresdener hatten im Ganzen eine gewisse gefälligkeit für mich, sie sind fast immer fein, weiss und nett, wenn auch ohne Ausdruck, gebildet, und obwohl man