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ein völlig aufgeblühtes Mädchen aus, denn das heissere Wachstum meiner Seele und meiner Sinne mochte auch mein Aeusseres früher gezeitigt und in die Fülle der Gestalt hervorgetrieben haben. Der Graf, mich mit einem ganz besonderen blick betrachtend, vor dem ich blutrot wurde, hatte mir an diesem Tage ein wunderschönes Kleid geschenkt, und mir dabei viele Schmeicheleien gesagt, dass ich meinen Ohren kaum traute. Es war mir in der letzten Zeit nur zu klar geworden, dass ich ganz auf seine Kosten gepflegt und gebildet wurde, denn die Tante, gegen deren Lebensweise mich bei näherer Beobachtung ein immer widerwilligeres Mistrauen beschlich, besass kein eigenes Vermögen, wie ich bald erfuhr. Zuweilen war es mir in meinen Gedanken, als wenn ich in einen entsetzlichen Abgrund hinunterspringen müsste, vor dessen bodenloser Tiefe und Schwärze mir jeder Nerv bis in den Tod erbebte, aber an diesem meinem Geburtstage erfasste mich auf Einmal ein ungeheuerer Leichtsinn in meinem innersten Herzen, es war ein Moment, ich wusste nicht, wie mir geschah, und mein ganzes Denken flog plötzlich, wie von rosigen Sommerwolken fortgetragen, in eine an endlosen Freuden, Blüten, Farben und Tönen reiche Ferne hinaus. Als der Graf fortgegangen war, lachte und sang ich, und beeilte mich, das neue, aus den kostbarsten Stoffen gewählte Kleid, das mir ausserordentlich gefiel, anzulegen. Die Tante war mir dabei behülflich, und sagte zugleich, dass es nun, da ich so schön und gross geworden, Zeit sei, mich in die W e l t einzuführen, wie sie sich ausdrückte. Ich horchte auf, wie nach einem seltsamen, goldenen Klang, der mir in die Seele ziehen wollte, und stellte mich dann vor den Spiegel, aus dem mir meine ganze geschmückte Gestalt in blendender Ueberraschung entgegenstrahlte. Dieser blick in den Spiegel traf mich wie ein verwirrender Zauber. Es war mir, als besänne ich mich jetzt auf mich selbst, dass ich bisher eigentlich noch gar nicht gelebt hätte. Ich seufzte, und der Spiegel übertaute sich von dem Hauch meines Mundes. Da schienen, indem ich noch träumend stand, aus der überzogenen Fläche des Glases holde Genien, verlockende Gestalten, zu mir herauszusteigen, sie hatten die hände voll bunter Blumen und die Augen voll lockender Gefühle, sie steckten mir eine grosse, volle, rote Rose zwischen die schlagende Brust. Zusammenfahrend, wischte ich schnell den Spiegel wieder ab, und lachte laut, als ich keine Geister, sondern nur den Glanz meiner Jugend darin sah. Dieser Augenblick aber war das für mich, was für die Gespenstermährchen die Mitternachtstunde ist. Sie müssen diesen Moment abwarten, ehe der Zauber in ihnen wirksam werden kann. Und so war es, als hätte ich gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick in den Spiegel sehen müssen, um seitdem plötzlich andern Sinnes zu werden. Der Spiegel, der jetzt mein Freund wurde, war der Magier gewesen, der mich verzaubert hatte.

Von nun an zeigte sich die Tante öfter mit mir auf Spaziergängen, in Gesellschaften und im Teater, auf Bällen, Concerten und bei andern öffentlichen Gelegenheiten. Es wurde, wie es schien, Alles hervorgesucht, um mir Vergnügen zu machen, und meine Sinne in einen beständigen Taumel zu wiegen. Von Vergnügen hatte ich ja schon immer geträumt, und danach mit Herzklopfen verlangt, und nun konnte ich den ganzen Flitter von dem vollen Goldstrom der Welt wegschöpfen, wie und wo ich nur wollte. Kein Wunsch blieb mir versagt, jeder Gegenstand, den ich gern hätte erhaschen mögen, war auch schon mein, und ich war unerfahren und zugleich leidenschaftlich genug, um mich sogar an Alltäglichkeiten zu berauschen. Jede Promenade im Mittagssonnenschein, auf der ich den Vorübergehenden auffiel, war mir ein festliches Ereigniss, und ich konnte nachher vor Freuden ordentlich in der stube herumhüpfen. Nur dämpfte es einigermassen mein aufjauchzendes Temperament, wenn ich einmal zufällig daran dachte, dass ich diese neue feiertägige Lust, die ich am Leben kennen gelernt hatte, dem Grafen verdanken sollte. Dann war ich einige Tage traurig und von trüben Ahnungen geplagt, bis er mich durch ein neues Geschenk wieder heiter machte. Seinen Liebkosungen hatte ich mich übrigens noch immer standhaft widersetzt, und mit einer Entschlossenheit, vor der ich nachher selbst erschrak, denn was mein Gefühl zuletzt am meisten gegen ihn empört hatte, war die Bemerkung, dass er sich nie öffentlich mit uns zeigte, sondern uns nur immer ganz im Geheimen zu besuchen schien. Dagegen hatte die Tante mit mehreren Familien Umgang, zu denen ich geführt wurde, und wo es Feste, Landpartieen, Kränzchen und Tanzgesellschaften in Ueberfluss gab. Ich tanzte ausserordentlich gern, und war immer auf dem platz und die gesuchteste Tänzerin. Der Tanz kam mir wie eine festliche Dityrambe zu Ehren einer Göttin vor. Sonst gefielen mir alle diese Menschen nicht, mit denen mich die Tante in Berührung brachte. Sie erschienen mir einfältig, ungebildet, seelenlos, unsittlich und doch ohne leidenschaft, verworfen und doch ohne Verzweiflung, leichtsinnig und doch ohne Genialität, trübseelig und doch ohne Melancholie, mitin ohne jedes menschliche Interesse. Ich schauderte zuweilen unwillkürlich vor diesem blick in die Menschenverhältnisse, aber dennoch liess ich mich nicht nüchtern machen aus meiner selbstvergessenen Trunkenheit, die mich wie ein rascher Wirbeltanz von einer Stelle zur andern bewegte. Und die Tante sagte in ihrer allerliebsten fetten Naivetät, das seien die Freuden der grossen Welt, wenn wir spät um Mitternacht aus einem Pickenick von reichen Kaufmannssöhnen und jungen heiratslustigen Offiziersund Beamtentöchtern nach haus