sonst wenig um mich. Sie sah viele Gesellschaft bei sich, von der ich jedoch noch entfernt blieb, und nur Gelächter und Geräusch derselben, Klingen der Gläser und Klappern der Tassen, tönte zuweilen in mein verborgenes Stübchen herüber. Etwas muss ich jedoch jetzt erwähnen, von dem ich eigentlich schon früher hätte sprechen sollen, wenn es nicht meiner Zunge schwer würde, hier die zögernden Laute zusammenzufügen. Schon seit meinem ersten Eintritt in dies Haus hatte ich öfter einen schönen, vornehmen Mann gesehen, der von Zeit zu Zeit die Tante besuchte, und mir, dem kind, dann jedesmal eine besondere Aufmerksamkeit widmete. Gleich am andern Tag nach meiner Ankunft aus Böhmen war er gekommen, um sich nach mir zu erkundigen, als schiene er um mein ganzes Schicksal gewusst zu haben, und die Tante hatte mich ihm, nachdem ich geputzt und geschmückt worden war, mit einer Art von triumphirendem Wohlgefallen gezeigt. Er küsste mich immer, und zwar so lange, dass ich es nicht leiden konnte, und mich mit Unwillen und Fussstampfen ihm entriss, denn ich konnte sehr heftig werden. Auch brachte er mir jedesmal kostbare Geschenke aller Art, die ich hastig nahm, weil ich nach solchen Dingen ein grosses Gelüst hatte. Ehe ich es dachte, kam er jetzt, und ich erschrak immer vor ihm. Wenn ich fortgehen wollte, begegnete er mir auf der Treppe, und ich musste wieder mit ihm hinauf; wenn ich zur Tante ins Vorderzimmer ging, um zum Fenster hinauszusehen, (denn mein Stübchen ging nach hinten,) war er unversehens auch da, und ich musste mich ihm auf den Schooss setzen, so sehr ich mich sträubte. Die Tante liess Alles geschehen, und schalt mich nachher derb aus, wenn ich gegen den Herrn Grafen – denn so wurde er von ihr genannt – nicht recht freundlich und schmeichlerisch gewesen war. Oft kam er auch auf mein Zimmer, wann ich unterrichtet wurde, und hörte aufmerksam zu, und gab den Lehrern manche Winke über Das, was sie mit mir vornehmen sollten. Dies war das einzige, was mir an ihm gefiel, obwohl es mir auch rätselhaft däuchte. Aber es schien ihm viel daran gelegen zu sein, dass ich die feinste und sorgfältigste Ausbildung erhielte, ich sah nicht ein warum? Er war ein grosser hochgewachsener Mann in den mittlern Jahren, mit immer lächelnden Gesichtszügen, etwas verzogenen Mundwinkeln, blassen Wangen, und einem funkelnden Ordensstern auf dem Rock. Ich mochte ihn nicht leiden, und als Grund dazu wusste ich noch kaum etwas Anderes, als das Gefühl, dass er mir meine unbefangene Kinderfreiheit beschränkte.
Ausserdem war noch in der letzten Zeit ein junger Teologe, Namens Mellenberg, in unser Haus gezogen, dem die Leitung meines Unterrichts anvertraut wurde. Er war hässlich, finster, einsylbig, und bekümmerte sich um nichts als seine Bücher, weshalb auch der Graf ein unbedingtes Vertrauen in ihn zu setzen schien. Sein düsteres, in sich versunkenes Wesen hatte dennoch etwas sehr Anziehendes für mich, und da er sich zugleich grosse Mühe mit mir gab, so lernte ich bei ihm viel und in wenigen Stunden mehr als bei allen frühern Lehrern. Er war Protestant, und belehrte mich zuerst über die Verschiedenheit beider Glaubensformen, die mir augenblicklich sehr überzeugend einleuchtete. Diese überzeugung, die ich gewann, eröffnete mir zugleich einen freieren blick über die Weltgeschichte und deren Fortschritte, da mir bis dahin, wie jedem Mädchen, alles historische Interesse ziemlich fremd geblieben war. Doch schärfte mir Mellenberg ein, dass ich unsere Unterredungen über diese Gegenstände geheim halten müsse, da er nur den Auftrag habe, die neueren Sprachen mit mir zu treiben. Dies gab dem verhältnis zu ihm in meiner Vorstellung einen noch grösseren Reiz, da nun etwas Geheimes zwischen uns obwaltete, in dem und durch das wir uns verstanden. Ich wurde aus ganzem Herzen Protestantin, fühlte mich klar, frisch und gesund dabei, und wenn ich an den lieben Gott dachte, geschah es mit einem lebensfrohen Mut, wie niemals. Um so schmerzhafter drückte es mich, dass ich nächstens, wie mir die Tante angekündigt hatte, durch den Bischof eingesegnet werden sollte auf den katolischen Glauben. Denn obgleich die Tante, wie ich wohl gemerkt hatte, gar keine Religion besass, so ging fie doch alle Sonntage um 11 Uhr nach der Schlosskirche in die Messe. Mit lautem Weinen klagte ich dies meinem protestantischen Candidaten. Er aber wehrte meine arme, die ich in der leidenschaft des Schmerzes um seinen Hals schlingen wollte, langsam und errötend von sich ab, und verwies mich an die Macht Gottes, die Alles zum Besten lenke. Mich verdross seine Kälte, da ich geglaubt hatte, in einem innigeren verhältnis mit ihm zu stehen, und obwohl ich ihm nicht gram werden konnte, nahm ich mir doch vor, ihm nächstens etwas zum Tort zu tun. Ich bewies mich nämlich jetzt dem Grafen, der immer öfter und öfter kam, freundlicher und anhänglicher als je, ungeachtet dass sein Benehmen gegen mich von Tag zu Tag seltsamer und auffallender wurde, und meinte damit den guten Mellenberg zu kränken, während ich doch selbst nur davon litt, und heimlich manche Nacht durchweinte.
Jetzt trat plötzlich eine Wendung in meinen Ansichten und Schicksalen ein, die, wie ich bei allen Begegnissen des Lebens bemerkt habe, gleichsam mit dem Hauch einer einzigen Stunde, welche die entscheidende ist, herbeigeweht zu kommen schien. Ich war vierzehn Jahre alt geworden, und sah schon wie