1835_Mundt_132_36.txt

klatschen.

Die Tante sass auf dem Sopha, eine kleine, sehr starkbeleibte Frau, mit freundlichen, blitzenden Augen. Sie wusste mich gleich durch ihren überaus zärtlichen Empfang für sich einzunehmen, obwohl ich mir eigentlich gestehen musste, dass ich mich vor ihren freundlichen Augen fürchtete. Es fiel mir unsere Katze dabei ein, wenn sie mir liebkoste, und ich dann nachher mit einer blutigen Hand fortschlich. Aber ich verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. Es wurden mir gleich am andern Morgen schönere Kleider angezogen, als ich bisher weder getragen, noch überhaupt gesehen, und ich schlug die hände über den Kopf zusammen, als ich ans Fenster trat und auf die Strasse hinunterschaute. Wir wohnten in einem schönen grossen haus in der Schlossgasse, und konnten noch den schräg gegenüberliegenden Altmarkt mit seinem bunten, heitern Treiben aus unsern Fenstern übersehen. Diesen ganzen Tag war ich fast gar nicht vom Fenster fortzubringen, und wollte auch nichts essen. Ich sah mir nur immer die hübschen, geputzten Leute an, die stattlichen Herren und die zierlichen Damen, die Equipagen und Reiter, die Soldaten mit schallenden Trommeln und Pfeifen, die Ausrufer, die Karrenschieber, die Käufer und Verkäufer, die da unten alle, wie es schien, bloss zu ihrem Vergnügen vorüberspazierten. Und wir selbst wohnten in herrlichen, mit Tapeten, Seide und Purpurstoffen ausgeschmückten Zimmern. So hatte ich mir auf meinem böhmischen dorf das Leben nicht gedacht. Es war Alles reicher, wie ich es mir vorgestellt, und doch wieder auch um Vieles ärmer; aber Das, was fehlte, wusste ich noch gar nicht zu nennen, es war wie in mir selbst verhüllt und eingewickelt. Ich lief zur Tante hin, und hätte ihr gern gesagt, wie mir Alles gefiele, und doch etwas fehle. Aber sie sass in einer Ecke des Kanapees, und las in einem schön eingebundenen buch, das einen goldenen Schnitt hatte. Ich getraute mir nicht, sie zu fragen, doch fiel mir in meiner Torheit ein, ob vielleicht in dem schönen Buch stehen möchte, was mir da draussen fehle. Es waren lauter Gedichte gewesen, in denen sie gelesen hatte, wie ich nachher bei Tische auf mein naseweises Andringen von ihr erfuhr. Bei Tische fiel mir sonst noch auf, dass nicht gebetet wurde, und ich von selbst wollte nicht anfangen. Auch schlug die Tante nie ein Kreuz, und als ich ihr mein Amulet zeigte, lachte sie mich dermassen aus, dass ich es vor Unwillen unter die alten, von haus mitgebrachten Kleider warf, die ich hier hatte ablegen müssen.

Seit dieser Zeit aber hatte ich eine grosse sehnsucht nach schönen Büchern, und ich folgte mit Lust und Liebe, als ich nun fleissig zum Lernen angehalten wurde. Ich führte jetzt ein beneidenswertes Leben, und war über die massen glücklich. Meine Lehrer kamen und gingen, ich erfuhr viel Neues, wurde in allen Dingen unterrichtet, und erfreute mich besonders an meinen ersten Versuchen in der Musik, die mir zur Zufriedenheit Aller gelangen. So gingen die Tage wie stiller, sinniger Wellenschlag vorüber, und Abends war es mir leid, wenn ich mich zu Bette legen musste, so sehr gefiel mir Alles, was ich tat und trieb. Ich hatte mein eigenes, kleines Zimmer, in dem ich mir Jedes einrichten und stellen durfte, wie ich es wollte, und so konnte ich zugleich an meiner Umgebung den Haushaltungstrieb befriedigen, der ein Mädchen so gern beschäftigt. Ich schmückte mir mein Fenster mit Blumentöpfen, die ich nach einer gewissen Ordnung gruppirte, und meine Wände mit Bildern, welche ich geschenkt bekam. Vor meiner kleinen Ottomane stand immer ein rundes Tischchen, auf dem Bücher aufgeschlagen lagen, und zwar waren es jedesmal Gedichte aus der Bibliotek der Tante, welche ich so zur Schau legte. Ich hatte grosse Ehrfurcht vor Gedichten, und wenn mich so zuweilen das Nachdenken beschlich, glaubte ich in meiner Einfalt, dass meine Erziehung, von der ich immer die Lehrer sprechen hörte, dann beendigt wäre, wann ich die Gedichte alle würde verstehen können. Auch fiel mir, als ich einmal in der Abenddämmerung auf dem Sopha sass, der Gedanke ein, dass ich, obwohl nun schon fast zwölf Jahr geworden, doch bis jetzt noch gar nicht recht gewusst habe, was Leben sei? Jetzt weiss ich es, setzte ich in meiner kindischen Zuversicht hinzu, und legte den Finger altklug an die Nase. Das Leben ist Lernen, und wenn man ausgelernt hat, wird das Leben Geniessen. Ich freute mich, dass mir das eingefallen war, und legte den Kopf träumend hintenüber, und geheime, lockende, dunkel reizende Bilder von einer Zeit, wo das Leben aus Genuss bestehen würde, zogen mit einer unverstandenen Ahnung durch meine Seele. Als ich aus diesen Träumereien erwachte, war es Nacht um mich geworden, aber ich empfand mein Blut in einer stürmischen Wallung, die Wangen waren mir von Röte und Hitze wie überglüht, der Kopf schmerzte mich, das Herz klopfte in pochenden Schlägen, und eine halb süsse, halb drückende Beklemmung schien sich wie ein unbefriedigtes Verlangen über meine ganze Brust gelegt zu haben. Ich fing an zu weinen, und lächelte gleich wieder darauf. Schon seit einiger Zeit war ich manche Veränderungen an mir gewahr geworden, die mich bald befremdeten, bald erfreuten. Ich wurde grösser, und unter dem Kinderkleide hob sich wie ein Drang junger Knospen mein Busen. In den Musikstunden musste ich plötzlich Altstimme singen.

Die Tante bekümmerte sich