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, und jedesmal bat ich den lieben Gott von ganzem Herzen um Leben. So tat ich in meinem törichten Sinn auch beim Morgengebet. Mein Vater durfte nichts davon wissen, weil er mich sonst geschlagen hätte. Freilich wusste ich auch selbst nicht, um was ich bat, aber es war mir doch unbeschreiblich süss, immer auf ein so ahnungsvolles Wort meine Hoffnung zu setzen. Es war wie eine geheime Liebschaft, welche die Kinderseele mit der Zukunft führte, und oft jauchzte es in mir auf, wenn ich mir lebhaft vorstellte, was Alles hinter den Bergen sein müsse. Entweder hinter dem grossen Milleschauer oder dem ernsten Erzgebirge dachte ich mir das Leben verborgen. Ich stand oft stundenlang, und wartete ab, bis die Sonnenscheibe hinter diesen Berggipfeln untersank.

So stand ich auch einstmals am Fenster, als ich plötzlich hinter mir die Worte hörte, dass ich nach Dresden solle. Ich sah mich erschrocken um, und die Tränen stürzten mir vor Ueberraschung aus den Augen. Der Vater hatte einen Brief in der Hand, und die Mutter sah ihm, mit lang vorgestrecktem Hals, lesend über die Schulter. Endlich erfuhr ich, dass eine reiche Tante in Dresden mich als ihr Kind anzunehmen wünsche, und dass sich nichts Vorteilhafteres für mein Glück finden lassen könne. Ich hörte zum ersten Mal etwas von Dresden, und fragte, indem alle sehnsucht in mir losbrach, ob es hinter dem Milleschauer liege, wo auch das Leben sei? Dann wolle ich mit Freuden hingehn. Ich wurde über meinen Vorwitz ausgescholten, und nur die Mutter, die etwas milder war, lächelte, und nahm mich auf den Schooss, und machte mir die Zöpfchen zurecht, damit ich hübsch aussähe, wann ich nach Dresden käme. Der Vater ging aus dem Zimmer, um seine Schulstunden abzuhalten, und sagte kein Wort. Ich liess mir doch im Stillen die Hoffnung nicht nehmen, dass ich in Dresden das Leben finden würde.

In dieser Hoffnung sah ich vergnügt zu, wie meine wenigen Sachen eingepackt wurden. Nur der Abschied von meinem Rotkehlchen, das ich nicht mitnehmen durfte, war mir schwer, und ich weinte bittere Tränen. Es betrug sich aber so unempfindlich bei unserer Trennung, dass ich es endlich laufen liess, und noch in der Tür zu ihm sagte: fange Du nur Deine Fliegen; ich will von jetzt an keine Sorgen mehr fangen, denn ich gehe nach Dresden ins Leben! Dann kam der Vater mit seinem langen Rohrstock aus der Schule, und ich musste zu ihm Adieu sagen. Er hob mich mit beiden Armen, ohne sich zu bücken, in einer steifen Stellung zu sich empor, betrachtete mich mit hintenübergebeugtem Kopf eine Zeitlang ernstaft, küsste mich einmal auf die Stirn und stellte mich wieder herunter an den Boden. Darauf schenkte er mir ein Amulet, segnete mich, und befahl mir, von dem strengen katolischen Glauben nie einen Finger breit zu weichen. Ich verstand ihn nicht, und versprach, dass ich in Dresden Alles tun wolle. Die Mutter fiel mir um den Hals, und schluchzte, und sagte, dass sie mich noch einmal als grosse Dame wiedersehen würde. Sie starb einige Jahre darauf.

Indem ich in den Wagen gesetzt wurde, nahm ich mir in meinen geheimen Gedanken vor, den ganzen Schatz meiner Liebe, den ich bisher an das Rotkehlchen verschleudert, nun auf die hellblinkende Zukunft, der ich entgegenging, zu übertragen. Ein rieselnder Schauer durchlief mich, indem ich mich in die unbestimmte Ferne hineinzuträumen suchte, und die Haare sträubten sich mir ordentlich vor geheimnissvoller Erwartung empor. Noch heute ist mir dieses seltsame Gefühl in aller seiner Lebhaftigkeit gegenwärtig. Da fing der Wagen an fortzurollen, ich sah die Eltern noch einmal am Fenster stehen, und jetzt überfiel mich plötzlich eine früher nie gekannte, starke Empfindung für ihre Gestalten. Ich streckte die hände nach ihnen aus, ich begann zu weinen, ich rief Vater und Mutter, und der liebe Klang dieser Namen fiel zum ersten Mal mit einer süssen Beklemmung auf mein Herz. Aber der Wagen rollte immer weiter, ich war allein in die Welt hinausgeschickt.

Nur eine alte Frau sass neben mir, in einer grossen, schwarzen Enveloppe, die von der Tante abgesandt worden war, um mich zu geleiten. Nachdem wir einen halben Tag gefahren waren, wurde es wunderschönes Wetter, und ich wusste mich nun vor Lustigkeit gar nicht zu lassen. Der Sonnenschein lachte mich an, die grünen Täler breiteten sich meinen Träumen wie ein hoffnungsfarbener Teppich unter, die Häupter der Berge waren plötzlich freundlicher und mannigfaltiger geworden, als in unserm Böhmen, und ein schöner, heller Strom begegnete uns oft, den wir bald durchschneiden, bald zur Seite liegen lassen mussten. Dann ging es eine steile Anhöhe hinauf, die man den Nollendorfer Berg nannte. Hier wurde einen Augenblick Halt gemacht, und ich musste von hier aus die Augen noch einmal zurückwenden auf Böhmen, das wie ein gesegnetes Wunderland, mit unzähligen in das Himmelblau verfliessenden Bergspitzen, vor unsern Blikken ausgebreitet lag. Es verfloss Alles vor meinen Augen, so rührte mich diese Aussicht, die ich mit meiner noch unentwickelten Vorstellungskraft natürlich nur wie ein unklares Mährchen mit Herzensschauern aufnehmen konnte. Endlich schlief ich, von aller der Aufregung ermüdet, ein, und erwachte nicht eher, als bis ich gegen Abend den Wagen über das Strassenpflaster rasseln hörte. Da hiess es, dass wir in Dresden angelangt wären, und ich war Kind genug, mir vor Freuden in die hände zu