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erst zu regen, als die beiden anmutigen Schwestern Amiot auftraten, um ein ländliches Pas de Deux zu tanzen. Schöne, saftvolle, sinnliche Gestalten, ein gaukelndes, glühendes Leben in den runden Wellen der Glieder! In diesem Augenblick wurde auch der König auf seinem platz gesehen. Er war eben ins Teater getreten, und mit ihm Alexander von Humboldt, der zu seiner Seite Platz nahm. Die beiden reizenden Sylphiden verdoppelten nur ihren Eifer, und wie blumentrunkene Libellen hoben sich die schlanken Beine und Füsse auf und nieder, und schienen sich in ihrem süssen Rausch oft ganz zu vergessen. Ein weites Feld für den Naturforscher eröffnete sich, und wenn auch hier für einen Humboldt nicht gerade ein Chimborasso zu ersteigen war, so gab es doch noch immer Anlass genug, dass ein grosser Naturgelehrter sich hier an Höhenbestimmungen, Längenmessungen und dergleichen, versuchen konnte. Denn immer höher und höher flogen die trunkenen Libellen, in das feurige Spiel der Bewegungen flossen tausend verborgene Reize über, die Erdenhülle verstob fast vor dem entzückten Auge, man sah die hellen Geister transparent, man war erstaunt, ausser sich, man klatschte, und machte dem gepressten Busen Luft in einem entusiastischen Bravo. Die Mädchen hatten in der Tat ausserordentlich getanzt, sie hatten bewiesen, dass der menschliche Körper ein Zauberer, alle Glieder Liebesgötter sein können, und ich erfuhr, dass ihnen der König nachher seinen besonderen Beifall darüber zu erkennen gegeben! –

Hier lass mich abbrechen, Heilige! Ich will mich jetzt von der Seite des Philisters fortschleichen, und noch vor Schluss der Vorstellung in den Gastof zurückkehren, um meine Sachen einzupacken. Der Philister darf nicht wissen, dass ich morgen mit dem Frühesten nach Prag reise, weil er mit mir wollte. Von Allem aber, was mir sonst noch in Teplitz begegnet, und von einem glänzenden Ball, den der Fürst Clari noch in derselben Nacht gegeben, und dem ich zugesehen, wirst Du in meiner grossen Reisebeschreibung, die ich künftig einmal drucken lassen werde, etwas erfahren. Bis dahin gedulde Dich, Du liebes heiliges Madonnengesicht! Liebe Welteilige, bete auch recht fleissig für mich, denn mir ahnt, dass ich noch in grosse Anfechtungen geraten werde! Und wo bleibt Deine Selbstbiographie? – – Dank! Dank! Als ich nach haus kam, fand ich Dein zierliches Couvert, und darin die Blätter von Deiner Hand. Ja, ja, Du bist eine grosse Heilige mit Deiner weltlichen Seele. Habe ich Dir nicht gesagt, dass Alles, was eine geschichte hat, Gott angehört? Und Dein Leben hat seine tiefbedeutende geschichte. Jede Sylbe darin ein heisser, roter Tropfe Blut aus geöffnetem Herzen. Jedes Wort eine schneidende Wahrheit des Daseins. Den heimlichsten Atemzug Deiner Seele habe ich darin behorcht, und viel gelernt und viel genossen. Du hast etwas erlebt in der Welt, Du bist eine Heilige! Gott grüsse Dich, Du weltliche Seele! Dank! Dank! – – –

Bekenntnisse einer weltlichen Seele.

So wenig hat wohl nie ein Kind von sich selbst gewusst, als ich bis in mein neuntes Jahr. Frühere Erinnerungen sind mir fast gar nicht übrig geblieben, und nur eines einzigen bestimmten Gefühls erinnere ich mich sehr deutlich. Dies war, dass mich Vater und Mutter gar nicht liebten, und mir nie ein Vergnügen machten. Und noch eine Aeusserung ist mir im Gedächtniss geblieben, denn welches Mädchen würde so etwas nicht behalten? Nämlich, dass einst der Pfarrer uneres Orts sagte, er habe noch nie ein Kind so hübsch lachen gesehen, wie mich. Es ist seltsam, dass manches Wort, das wir als Kind in der ungewissen Dämmerung unserer Sinne nur wie aus weiter Ferne über uns hören, wie ein Blitz in uns einschlägt, und, ich glaube, noch auf dem Sterbebette uns wieder einfallen kann. Diese Aeusserung, dass ich hübsch lachen konnte, habe ich nie vergessen. Ich muss also doch schon auf meine eigene Hand viel gelacht haben, ungeachtet mir meine harten Eltern nie Vergnügen machten. Aber der freundliche Pfarrherr schenkte mir auch ein Rotkehlchen, das ich sehr lieb hatte, mit dem ich viel sprach und mich freute. Es durfte auch nicht oft aus der stube gehen, sowie ich, und musste sich in seinen jungen Tagen damit abgeben, Fliegen zu fangen, sowie ich Sorgen. Ich half ihm redlich Fliegen fangen, und es half mir seinerseits, durch seine possirlichen Sprünge, über die ich herzlich lachen musste, mir die Sorgen zu verscheuchen. Nur die Dummheit konnte ich ihm nie vergeben, dass er sich die Flügel hatte stutzen lassen, und wenn ich ihn mir auf die Hand stellte, und ihn vor mir aufrichtete, setzte ich ihn ordentlich deshalb zur Rede. Hätte ich Flügel, dachte ich, nie sollten sie mir die stutzen. Ich flöge gerade mitten ins Leben hinein, über alle die finstern böhmischen Berge hinweg, hinter denen ich geboren bin. Aber das Rotkehlchen wetzte sich den Schnabel, und schien sich mit seinen grellen närrischen Augen über mich lustig zu machen.

Ich hatte, ich weiss nicht mehr wo, etwas vom Leben gehört oder in meiner Bilderfibel gelesen, denn ich konnte schon lesen. Ich stellte mir unter diesem rätselhaften Worte etwas vor, das weder in meinem böhmischen dorf zu haus ist, noch von dem Vater oder Mutter eine Ahnung hätten. Etwas ganz ausserordentlich Liebreiches und Angenehmes, das hinter den Bergen zu haben wäre. Nie ging ich ins Bett, ohne beim Abendgebet daran zu denken