und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange auf olympischen Tabakswolken hin und her, ehe er in der ungeheizten stube warm werden konnte. Dieser uralte Bettelsack des deutschen Literatenlebens war Dir aber beinahe zu Deiner andern natur geworden, und Du fühltest Dich glücklich und traulich in ihm. Er war Dir ans Herz gewachsen, Du renommirtest mit ihm, und schmecktest Dir am Ende eine Art spiessbürgerliche Romantik heraus. Du hättest ihn zuletzt um keinen Preis mehr vertauschen mögen mit einem ritterlichen Wams. Und was mich am meisten von Dir geärgert, ist Das, was Du über den Aufstand in Warschau von 1794 als Augenzeuge geschrieben! Du, der Du auf dem Boden in einer alten Tonne versteckt sassest, als die Polen draussen stürmten, wie konntest Du es wagen, die Nationalität dieser Revolution zu beschimpfen, und jene Polen nur als einen zusammengerotteten Haufen von Elenden in Deiner Brochüre zu schildern? Zwar standest Du in russischen Diensten, aber Du warst doch Seume, der deutsche Mann! Geh', geh', lass mich nicht daran denken! Lieber suche ich Dich nachher in der Göschenschen Druckerei in Grimma auf, wo Du als ehrsamer Corrector aus Wielands und Klopstocks Werken die Druckfehler herausstrichest. Druckfehler konntest Du besser beurteilen, als Polen. Hier habe ich Dich wieder gern, ich sehe Dich ordentlich sitzen in Deinem Eifer, und wie ein strenger Moralist auf correcten Lebenswandel der schwarzen Lettern dringen. Nur Dich selbst konntest Du nicht corrigiren, und Deine alte Wanderunruhe störte Dich bald wieder auf. Du sagtest: Ade, Herr Göschen! nahmst den Knotenstock, zogest Dir die Schuhe an, und machtest Dich eines Morgens auf, um nach Syrakus zu gehen. Du wolltest bloss dahin, um einmal an Ort und Stelle Deinen Lieblingsdichter, den Teokrit, zu lesen. Lächerlicher Kerl, um den Teokrit sich die Stiefeln zu zerreissen! Aber wenn Du nur wandern, wandern, wandern konntest! Dann war Dir recht; und Du verstandest es vortrefflich. Dazu drückt Dich Deine grosse Lebenseinsamkeit nie, Du starkes Beduinenherz! Schöne Frauen verführen Dich nicht, und Deine Grundsätze erlauben Dir nicht, sie zu verführen. Nur ein Kind sollst Du Dir oft gewünscht haben, das sich in treuer Neigung an Dein vereinzeltes Dasein lehne, und ich habe gehört, dass Du einmal ausgerufen: "Ich möchte wohl von einem gesunden Bauermädchen einen Jungen haben, wenn es nicht wider meine Grundsätze wäre!" Das nenne ich Grundsätze haben. O Mann von grundsätzen, Du hast Dir das Leben sauer werden lassen! Dir muss nachher recht wohl geworden sein in Deiner Gruft, wo jetzt Dein längst verfallener Staub vor mir liegt. Deine Jugend wurde Dir durch Werber gestohlen, die Dich bis nach Amerika in Kriegsdienste schleppten, und wenn Du von den Strapazen des Tages einmal ausruhtest, machtest Du Dir kein anderes Vergnügen, als in Deiner Kasematte Horaz und Virgil zu lesen, und den Teokrit. Immer und immer nur Teokrit! Seume, ich glaube, der Teokrit hat Dich ruinirt, und aus Deinem Leben diese solide Philisteridylle gemacht. Ging aber Deine Jugend verloren, so stieg auch über dem harten Mannesalter keine wärmende Sonne mehr auf. Kein Blütenschauer, kein Liebesstern, kein unverhoffter Segen, kein Geld und kein Glück, kein Reichtum und keine Fülle, kein Schimmern und kein Strahlen. Viel trockenes Brot, viel kalte Küche, und viel Teokrit. Deine ganze Bescheerung. Nur das Wandern hattest Du noch, durch Stadt und Land, das Wandern und die Lust an der freien Luft, das konnte Dir Keiner nehmen. grosser Spaziergänger, ich scheide doch mit Liebe und achtung von Deinem Hügel. Schlummere sanft fort, Du hast viel gepilgert. Und wenn ich Dir keine bessere Standrede gehalten, so schreibe die Schuld dem Philister zu, der dort vor mir steht, und mich durch seine Nähe verstimmt hat. – –
Hiermit sprang ich auf, und entfernte mich mit eiligen Schritten von dem Kirchhof. Der Philister, der sich meine letzte Anspielung wenig zu Herzen zu nehmen schien, wieder hinter mir drein. So gelangten wir, nachdem ich mich noch eine Zeitlang auf zwecklosen Kreuz- und Querzügen mit ihm umhergetummelt, endlich ins Teater, wo ein zusammengerührtes Quodlibet von Ballet, Oper und dramatischem Ennui gegeben wurde. Ein sogenanntes Mixtum Compositum, das dem liederlich zerstreuten Teatersinn, der auf nichts Ganzes mehr zusammengehalten werden kann, am angenehmsten und natürlichsten entspricht.
Es war sehr leer in dem kleinen haus, der eigentliche Flor der schönen Welt fehlte. Ehe der Vorhang aufgezogen wurde, sah ich mir den neben mir sitzenden Philister noch einmal recht genau an, ob er auch wirklich ein Mensch sei. Ich fragte ihn, warum er denn eigentlich reise, da das Reisen doch so viele Beschwerlichkeiten mit sich bringe. Er antwortete mir, er gedächte zu heiraten. Da wolle er sich vorher noch einmal die Welt ansehn. Das fand ich allerliebst, und musste so laut darüber lachen, dass sich das ganze Parterre nach uns umsah. O Welt! Welt! Welche Magie muss in dem Begriffe Welt liegen, welcher hinreissende bacchische Taumel muss von dem Begriffe Welt ausgehen, dass selbst ein Philister, ehe er heiratet und das Haus hinter sich zumacht, sich noch einmal die Welt ansehen will!
Jetzt hob die Vorstellung an. Schauspieler, wie Schauspielerinnen, eine aus den verschiedenartigsten Bestandteilen zusammengeraffte truppe, sprachen und handelten gleich erbarmungswürdig und verstandlos. Man gab auch wenig Acht auf sie, und die Teilnahme des Publikums begann sich