1835_Mundt_132_32.txt

. Die liebe Seele, die mein gehört, ist aber weit von mir entrückt, nicht bloss durch örtliche Fernen, sondern durch Lebensfernen. Nicht durch Raum, nicht durch Zeit, nicht durch Glück, sondern durch das verhältnis. Nicht durch Sinn, nicht durch Geist, sondern durch die Form. Nicht durch das Herz, nicht durch das Auge, sondern durch die Hand. Nicht durch den Gedanken, sondern durch die Regel. Nicht durch das Verständniss, sondern durch das Bekenntniss. Nicht durch Nein, sondern durch das Ja. Nicht für die Ewigkeit, aber für das Leben. Siehst Du, Heilige, wie mich der Sonnenschein melancholisch machen kann?

Da klopfte mir plötzlich Jemand von hinten auf die Schulter. "Ueberall habe ich Sie gesucht; wo stecken Sie denn?" wurde ich mit grober stimme angeredet.

Das war mein Philister. Er hatte sein Opfer nur zu gut wieder gepackt. Ich aber wurde ärgerlich, dass er mich gestört, denn ich war gerade im Begriff gewesen, eine Elegie, zu der ich sonst so selten komme, in mir fertig zu dichten. Ich beschloss endlich, Rache an ihm zu nehmen, und indem ich es ihm zusagte, mit ihm spazieren zu gehen, bog ich bei der Kreuz-Kapelle, der wir uns jetzt näherten, geradewegs in den Kirchhof ein. Wie alte Frauen Sonntag Nachmittags zu ihrem Vergnügen auf den Gottesacker hinausgehn, mit Brille, Gesangbuch und einem Stück Kaffeekuchen im Pompadour, so wollte ich auch meinen Philister, mit dem ich mir gar nicht mehr anders zu helfen wusste, nach derselben Analogie hierher unter die Gräber spazieren führen. Vielleicht gelang es mir, ihn hier auf den Kirchhof abzusetzen. Er wanderte auch gutwillig mit, und ich bedeutete ihm noch zum Ueberfluss, dass ein Kirchhof eigentlich die grösste Merkwürdigkeit in der Welt sei. Daher ein Reisender, wie er, durchaus auf den Kirchhof müsse.

Er sagte kein Wort, und folgte mir mit einem sonderbaren Gesicht zwischen den grünen Schlummerstätten der toten hindurch. Ein leiser Wind schien in den trauernden Laubgehängen Wiegenlieder zu flüstern, und durch dichte Cypressenbüsche streute die Sonne ein gedämpftes, träumerisches, grünliches Licht über die Gräber aus. Ich setzte mich auf einen kühlen Grabstein, und liess einen Augenblick das grosse Gefühl der Ruhe, das hier ringsher aus gebrochenen Herzen keimte, über mich kommen. Der Philister war stehen geblieben, und las die Inschrift eines Denksteins, der mir gerade gegenüber aufgerichtet war.

Und welchen edlen nennt die Urne, damit wir seiner Asche ein andächtiges requiescat in pace zurufen? fragte ich.

Der Philister las mit seiner lauten, trockenen stimme den Namen: J o h a n n G o t t f r i e d S e u m e , g e s t o r b e n a m 13. J u n i 1810.

Ach, Seume! Guter, ehrlicher, deutscher Seume! Hätte ich doch fast diese Merkwürdigkeit von Teplitz vergessen, dass Deine irdischen Gebeine, gewiss recht ermüdet von Deinem grossen Spaziergang nach Syrakus, hier sich ausruhen! Und ein Zufall und ein Philister müssen mich erst darauf bringen, an Dein Grab zu wallfahrten, und Deiner zu denken. Ich kenne Dich, ich kenne Dich! Schon als Knabe, Du alte, wakkere Haut, hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel Vergnügen gemacht, ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt, habe die Schuhe mit Dir zerrissen, und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir geteilt. Seume, es hat mir gut, sehr gut geschmeckt. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich meinen Eltern davongelaufen, um gleich Dir, wie ein frischer Handwerksbursche, mit Ränzel und Knotenstock, nach Syrakus zu pilgern, und in jeder Kneipe, wo Du übernachtet, das Schenkmädchen zu fragen nach Seume. Du warst ein göttlicher Kerl, am liebsten möchte ich Dich einen Burschen nennen! Solche Burschen, wie Du, versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr, dazu ist es zu salonsmässig dumm geworden. Du, ganz das Widerbild eines Salonsmenschen, ich gäbe etwas darum, wenn ich Dich hätte küssen können. O durchaus ein Mensch, wie ich sie liebe. Und was habe ich herzlich gelacht über Deine närrische Liebhaberei an dem langweiligen Teokrit! Aber es war recht von Dir, dass Du Deiner Laune folgtest! Guter, guter Bursche, herzlieber Sonderling, spasshafter Grillenfänger, biedrer Menschenfeind, weichherziger Timon! O durchaus ein Mensch, wie ich sie liebe. Ein Bursche, ein Student bliebst Du zeitlebens. Ein Kernbursche, ein Weltbursche, der immer den Wanderstab in der Hand hat, von einer Erdenstation auf die andere geworfen wird, nichts als vorübergehendes Wirtshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet, aber überall etwas sieht und lernt, manchen grünen Zweig sich an die Mütze steckt, und mit starkem Herzen und rüstigem Pilgerschritt immer weiter zieht, ohne Heimat und Ruhe, nur zuweilen mit einer verstohlenen Träne im Auge.

Aber höre, etwas Philister warst Du doch! Und es ist sonderbar, dass mir gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat. Du warst ein Weltbursch mit dem Weltpilgerstab, ich lasse Dir als Mensch grosse Gerechtigkeit widerfahren. Aber Alles, was Du geschrieben und gedichtet, riecht etwas stark nach dem Bettelsack, den Dir das Schicksal schon früh auf Deine Schulter geladen. Nimm es mir nicht übel, wer kann dafür? Du warst ein Poet, der seine Begeisterung bei Kartoffeln und einem Heringskopf abfertigte,