1835_Mundt_132_31.txt

genug, um auf ihre Bekanntschaft begierig zu sein; aber wer schildert meine fast schreckenerregende Ueberraschung, als er mich aufmerksam machte, dass sie uns eben entgegenkomme. Denn keine Andere war es, als die grosse und schöne Virtuosin ihrer selbst, deren künstlerische Bewegungen ich vorher so genau belauscht hatte. Wir standen still, und es knüpfte sich bald ohne Verlegenheit ein Gespräch an. Sie hatte Geist, denn eine ächte Kokette muss auch Geist haben. Nur war es sonderbar, dass sich die Unterhaltung, nachdem die ersten zufälligen Wendungen abgetan, plötzlich wieder auf deutsche Literatur lenkte. Denn auf die Frage, wie sie sich in Teplitz gefalle, sagte sie, dass ihr hier nichts als Jean Paul gefalle, den sie den ganzen Tag lese und hier zuerst vollständig kennen gelernt habe. Guter Gott, Jean Paul Friedrich Richter! Ich gratulirte ihr zu dieser Badelektüre. In der Tat, eine Badelektüre. Sonnenstaubbäder der Gefühle, Jean Paulsche Schriften. Das ganze Herz badet sich und kann schwimmen lernen auf seinen Fluten. Ich sagte ihr, dass mir Bäder nie gut bekämen, und dass ich deshalb auch seit vielen Jahren schon keinen Jean Paul gelesen hätte. Mein Arzt sei ein Liberaler und habe mir angeraten, einmal eine Zeitlang alles Baden in den deutschen Gefühlen einzustellen, um glücklicher und freier zu werden. Jean Paul bleibe darum doch ein grosser Dichter, wenn ich ihn auch nicht lese. Sie lächelte, und schlug ihre Augen so reizend zum Himmel auf, dass mir war, als sässe auf ihrer Iris ein sternenheller Jean Paul'scher Gedanke. Er stand ihr schön, dieser Gedanke, und ich rückte mit unwillkürlicher Ehrfurcht an meinem Hut. Dann bedauerte sie mein Herz, dass ihm die Bäder nicht gut bekämen. Ich sagte, ich müsse es trocken halten, das sei mir besser. Da entstehe erst Feuersgefahr, bemerkte sie, lautlachend. Der trockene Zunder lodere am besten. Nun musste ich ihr Recht geben, wenn die Feuersgefahr so nahe wäre, wie mir jetzt. –

O Kokette! O Jean Paul lesende Kokette! Lebe wohl! Meine Heilige hat jetzt genug von Dir gehört. Ich fliehe Deine verlockende Iris, auf der Jean Paulsche Gedanken sitzen! Der Jean Paul Deiner Augen, und die zwölf Freiexemplare Deines Gemahls, haben die ganze herzerweichende Melancholie der literarischen Germania wieder in mir aufgefrischt. Lebe wohl! Und dort, ja wahrhaftig, dort kommt auch schon mein Philister, ich erkenne ihn von weitem an seinem grossen weissen Quäker. Er kommt, um mich wieder einzufangen, ich Unglücklicher kann mich ihm gar nicht entwinden. Er lächelt mir schon aus der Ferne zu, er blickt ordentlich wohlgemut, denn er hat den Hof gesehen. Grüss Dich Gott, Du vielgetreuer Philister! –

Der Philister nahm mich in der Tat jetzt unter den Arm, und stolperte, obwohl ich mich noch ein wenig sträubte, mit mir von dannen. Ich müsste durchaus den Hof sehen, suchte er mir begreiflich zu machen. So trat ich mit ihm in den dichtgeschaarten Kreis, welcher sich um die höchsten Herrschaften gebildet hatte. Der König, freundlich und mild aussehend, wie immer in Teplitz, hatte sich mitten unter den Kurgästen auf einer Bank niedergelassen. Neben ihm sassen zu beiden Seiten die vor kurzem angekommene Königin von Würtemberg, und deren erhabene Schwester. Dieser zunächst sah man die Fürstin von Liegnitz, diese schöne, anziehende, sonnenklare Gestalt, die den Augen wie Himmelblau wohltut. Und mehrere andere Sonnen und Sterne erster und zweiter Grösse schimmerten umher und dazwischen, und manches berühmte Haupt, das Welten entdeckt und Systeme ausgebrütet, neigte und beugte sich hier als schmiegsamer Trabant und Nebenplanet. Auch Alexander von Humboldt, welcher den König diesmal ins Bad begleitet, ebenso gross als Hofmann wie als Naturforscher, stand, dienstgefällig lächelnd, in diesem Kreise. Es war eine interessante Kour im Freien, und die Spazierengehenden bewegten sich vor dieser Gruppe unermüdlich auf und ab, und konnten sich nicht satt schauen. –

Ich hielt es endlich für Zeit, zu Mittag zu essen, und ging mit dem Philister in meinen Gastof zurück. Hier hatte ich eine Zeitlang vor ihm Ruhe, weil er nicht mit an der Tabled'höte speiste, wo er sich wahrscheinlich genirte, sondern allein auf seinem Zimmer sein Diner nach der Charte abhielt. Und jetzt, Heilige, lass Dir genügen, wenn ich Dir bloss sage, dass ich es mir vortrefflich schmecken liess und auch in ziemlich guter Nachbarschaft sass. Die Küche wird zwar in Prag erst ausgezeichnet, wo sie sich zur Kunst erhebt, aber wer, wie ich Norddeutscher, nur ein Dilettant in der Gutschmeckerei ist, konnte auch allenfalls an diesem Diner seine Freude haben. Schenke mir nur Deinen Segen zu meiner Mahlzeit, liebe Heilige! –

Nach dem Mittagessen machte ich in langsamer Beschaulichkeit meine mille passus durch die Gassen der Stadt. Ueberall flogen glänzende Equipagen, mit Herr und Dame, oder sogenannte Gesellschaftswagen, mit einer buntgemischten Uebervölkerung an Bord, zu Lust-, Wall- und Irrfahrten an mir vorüber. Die hellstrahlende Sonne warf über alles Leben und Treiben einen festlichen Schein, und der Himmel zeigte ein Feiertagsgesicht und lachte aus wolkenlosen Höhen. Ich schlenderte noch lange einsam umher, und fing endlich an, mich über den schönen Sonnenschein zu langweilen und melancholisch zu machen. Wer weiss nicht, dass auch der Sonnenschein melancholisch machen kann? Während eine einzige Menschenseele, die Dein gehört, unter Sturm und Ungewittern Dich heiter erhält