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astronomischer Beobachtungslust, in den gefahrvollen Dunstkreis dieses feuerstrahlenden Kometen.

Ich muss sie eine Kokette nennen, aber sie ist die grösste, die genialste, die ich jemals sah. Sie ist eine bewundernswürdige Virtuosin ihrer selbst. Eine Virtuosin ihrer selbst, sage ich, denn sie wendet eine Kunst und Begeisterung daran, um sich selbst zu spielen, und sie spielt so ausgezeichnet, dass man sie bei jeder Bewegung herausrufen möchte. Sieh nur, wie sie geht, wie sie blickt, wie sie stillsteht, wie sie die Hand aufhebt, wie sie die gedankenleichte Gestalt davonträgt, wie sie dem lebhaften Gespräch sich bald zu- bald abwendet, bald eine Locke im Nacken zurechtdrückt, bald sinnend ein flatterndes Band durch die Finger gleiten lässt. Keine Muskel regt sich an ihr unwillkürlich, jede Miene, jede Handbewegung ist eine Rolle, die sie mit Feinheit und Grazie ausstudirt hat. Und über all' diese bewusste Absicht der Erscheinung hat die Macht des Talents doch den Zauber einer gewissen bewusstlosen Unbefangenheit ausgegossen. Sie hat die ausgerechnete Matematik der Teile zur tönenden Musik eines Ganzen verschmolzen, und über das abgezimmerte Fächerwerk der ausgeklügelten Regel den freien Leichtsinn einer geistreichen Zerstreuteit gehaucht. So muss jeder gute Künstler seine Absichten verstecken. Und sie ist Schauspielerin und Künstlerin ihrer selbst, ich habe es gesagt, aber um die Illusion zu erhöhen, muss auch die Seele selbst mitspielen, und muss mitreden und mitzaubern. Denn die allergrösste Verführung ist doch eine Seele. Dies kannst Du an ihr sehen zu Deiner Verwunderung. Ihre Seele ist bildende Künstlerin geworden in ihren Gliedern, und lächelt, wie eine triumphirende Göttin, durch die irdische Schönheit der Gestalt hindurch. Dem Philosophen, welcher die Selbstkenntniss als die höchste Weisheit gepredigt, hätte ich es gewünscht, diese Kokette zu sehen. Die hatte es am weitesten gebracht in dieser Wissenschaft. Sie kannte sich selbst aus dem grund, denn sie wusste Alles an sich zu gebrauchen und auftreten zu lassen, was der Mensch, diese Fleischwerdung nach Gottes Ebenbild, Reizendes hat. Ihre Augen, ihre Blicke, ihr Umsehn, ihr Oeffnen des Mundes zum lachen, wobei sie mit unbeschreiblicher Anmut die kleinen weissen Kunstwerke ihrer Zähne zeigt, Alles verrät die wohlangewandteste Selbsterkenntniss, und zugleich einen mildtätigen Sinn, indem sie Jedem der Vorübergehenden aus dem reichen Füllhorn ihres Ueberflusses eine Augenweide spendet.

Auch ich bin, mit der Ironie eines stummen Bettlers, schon mehreremal an dieser holden Geberin vorübergegangen, und habe mir manches überraschende Almosen geholt. Es ist ein Schauspiel, ihren grossen, sicher blickenden Augen zu folgen, wie sie von einem Gegenstand auf den andern hinschwärmen, keinen zu versäumen und keinen zu beachten scheinen, und doch jeden anziehn. Bald schaut sie freundlich lächelnd, dann, sobald Du den blick erwiederst, sieht sie Dich finster und befremdet an, und ergiebt sich einer schönen Verwirrung. Nun schnell, wie ein zündender Blitz, zu einem ganz entfernten gegenstand hinschweifend, lässt sie an diesem die Augen allmälig wieder heiter werden, und wirft dann am Ende diese neue Erheiterung doppelt beglückend auch auf Dich zurück. Wahrhaftig, ich liebe eine Kokette. Sie ist Rossinische Musik, und steigt aus dem Champagnerschaum des Lebens, wie Venus aus der Meeresschäumung, in Glanzgestalt empor. Sie ist eine Abart der Musik, aber doch Musik. Ich liebe entweder eine Frau, wie ich sie mir denke, wünsche, und kenne, oder ich liebe eine Kokette. Aus der soliden und musiklosen Langenweile des hausbackenen Mittelschlags steigt nimmer eine Anadyomene auf.

Dann ging ich weiter, und verliess diesen Kometen, der in der Tat einen ganzen Schweif brennender Blicke hinter sich herzog. Ich fürchtete, wenn ich zu lange an einem Ort verweilte, dass mich mein Philister doch unversehens wieder am Rockschoss erfassen würde. Ich hing mich daher an den Arm eines andern Bekannten, eines Hauptmann v.B., der mir hier unvermutet begegnet war. Ein stattlicher, angenehmer Mann, den ich in Dresden in einem Klubb von S c h ö n g e i s t i g e n – Gott, könnte man doch gegen dies Wort ein Vomitiv einnehmen, um es aus der deutschen Sprache loszuwerdenkennen gelernt, und der auch unter einem andern Namen grosse und kleine Schriften herausgegeben hat. Er unterhielt mich lange vom Verfall der Literatur, von Mangel an Anerkennung, vom Epikureismus des Alles geniessenden und Alles wieder vergessenden Publikums, und dergleichen mehr, was man von jedem mittelmässigen deutschen Schriftsteller bis zur Abgeschmackteit hört. Ich tat, als sei mir das ganz etwas Neues, als wisse ich gar nichts davon, und fragte ihn ordentlich genau aus, was man denn in der Welt munkele von dem Verfall der deutschen Literatur. Ich selbst sei ein literaturliebender Einsiedler, der ortodox an Wiedergeburt glaube, sowohl in sich selbst, als in der Seele seiner liebsten Freunde. Ich wisse wahrhaftig nicht, was man in der Welt munkele. Da geriet er in Feuer, und erzählte mir, dass von einem seiner Werke nur zwölf Freiexemplare ins Publikum gekommen wären. Wie soll man da wirken? setzte er hinzu. Es muss an der Ursache liegen, sagte ich. Keine wirkung ohne Ursache, keine Ursache ohne wirkung. Uebrigens kann man in Deutschland auf zwölf Freiexemplare zwei tausend Leser rechnen.

Dann bat ich ihn um Gotteswillen, von deutscher Literatur abzubrechen. Er bot mir an, mich seiner Frau vorzustellen, die ihm mit zwei andern Damen vorausgegangen sei, und die er suche. Ich war artig