Bauerhütten und auf den Wirtshausbänken hinterm Bierkruge ergeht. Ich will dem Deutschen Bauer zureden, dass er Abends regelmässig die Zeitungen liest, und der Deutschen Bäuerin, die ihr gesundes Kind an der blühenden Brust stillt, will ich sagen, dass sie den Jungen nicht bloss für den Pflug geboren hat, sondern für ein menschlich gefühltes und berechtigtes Dasein. In der nächsten kleinen Stadt will ich mich erkundigen, was die aufgeweckte Schneidertochter jetzt aus der Leihbibliotek liest, und ob die Stadtpfeifer, als die Julirevolution noch Mode war, niemals die Marseillaise geblasen haben auf der Ressource? Und in grossen Residenzstädten werde ich ebenfalls nur Das aufsuchen, was die M e n s c h e n angeht und aus alten und neuen zeiten her an sie erinnert. Wie sie in den Teatern lachen, in den Kirchen beten, auf der Promenade sich repräsentiren, und in ihren Gesellschaften sich langweilen, soll mir wahres Vergnügen machen. Wie sie von nichts zu reden wissen, was ihre wichtigsten Nationalinteressen betrifft, werde ich in gespannter Aufmerksamkeit mit anhören; denn Das, wovon ein Volk nicht spricht, schildert es oft schärfer, als Das, wovon es spricht.
S c h ö n e G e g e n d e n werde ich nie beschreiben, und ich glaube, mir fehlt fast der Sinn dafür, wenigstens die Begeisterung. Der Horizont dieser gegenwärtigen Zeit ist zu bewölkt, als dass man weit ausschauen könnte von den Bergen in die Täler und die silbernen Ströme entlang, und auf die Kuppeln und Türme der fernen schönen Städte. Das harmlose unschuldige Gemüt ist fort, das mit Landschaften und Gegenden sich freute, und ich suche es vergeblich in mir, und finde nichts, als dass ich kein Jean-Paulischer Jüngling mehr bin. Die Deutschen können nicht leiden, dass Jemand offen ist, und so werden mich auch meine nächsten Deutschen Freunde, deren ich so manche und liebe habe, jetzt schelten, wenn ich ihnen bekenne, wie vor den schönsten Naturgegenden das Herz mir oft kalt und bange schlägt. Ja, der Sinn ist fort, der mit Bäumen und Sträuchern einen guten idyllischen Umgang hatte, wie das Kind umgeht mit seinen Kameraden, den weissen Lämmchen auf der Wiese. Diese rauschenden Wälder, diese ernstgestalteten Felsen, dies naive Leben der Pflanzen und Blumen, dies Neigen und Grünen der Pappel, der Eiche, der düstern Fichte, diese hochwachsenden Felder, diese Triften und diese Flächen, diese Hügel und diese Tiefen, dies Blühen und lachen, dies Klagen und diese heimliche Verstimmung, wie es von Wechsel zu Wechsel schleichend durch die natur hingeht, Alles dies sieht und spricht mich an, wie eine Schaar gefallener Engel aus der träumerischen Frühperiode des Menschengeschlechts. Die Menschen hatten lange in und mit der natur gelebt, und hatten versucht, ob sie sich zu etwas bilden könnten, indem sie träumten. Sie träumten am Wasserfall und in der romantischen Bergschlucht und auf der Hirtenflur ihr erstes morgenrotes Dasein hin, und die rieselnden Bäche, an denen sie lagen und schlummerten, flossen hell und klar; aber des Menschen Seele war unklar, und aus dem natürlichen Traum des Lebens wachte kein Glück geistiger Wahrheit auf. Sie konnten sich nicht bilden, indem sie träumten. Da wurden sie unruhig, und ihre Flur langweilte sie, und ihr Wald machte ihnen Grausen. Sie legten die Axt an den grünen Baum, dass seine Wurzel erseufzte, und hieben ihm den Schmuck der Blätter herunter, und machten sich eine Lanze aus dem grünen Baum, oder ein Ackergerät. Die Einen arbeiteten im Schweiss ihres Angesichtes, und die Andern zogen in den Krieg, und Keiner hatte mehr Ruhe und Frieden. Alle wurden in dem erwachten Drang menschlicher Unruhe zum ersten Mal historisch. An der Unruhe der geschichte bildeten sie sich merkwürdig aus, und singen an, nach den höchsten Gütern des Lebens immer stürmischer zu trachten. Die alten grünen Wälder rauschten vergeblich mit ihren Friedensträumen hinter ihnen drein. Und so geht es noch täglich den einzelnen Menschen und den einzelnen Völkern. Auch den Deutschen liegt es in Gedanken, einmal historisch zu werden, aber die Einen können noch immer nicht den W e r t h e r , die Andern den F a u s t nicht vergessen, und das idyllische Naturelement hält sie gebunden. Die Lyrik der Individualität schwächt ab und verdrängt die geschichte in der Nation. Goete hatte schon selbst aus der Naturlyrik Werters einen strebsamen Wilhelm Meister hervorgehen lassen, den sein Drang von dem grünen Wald weg auf die Formen des bürgerlichen Lebens wies, um an denen sich zu bilden, aber es war das bürgerliche Leben des achtzehnten Jahrhunderts, und die Deutschen kannten weiter keine nationellen und öffentlichen Interessen, als das Teater. Darum ist die ganze deutsche Bildung, die im Wilhelm Meister erlangt wird, nur noch eine Teaterbildung, und das Leben ist Repräsentation in guter Gesellschaft. Aber die Subjectivität war wenigstens frei geworden von der Naturlyrik, und statt des Umganges mit schwirrenden Käfern und spielenden Würmern im Grase ist der Umgang mit Menschen, selbst mit Salonsmenschen, doch immer etwas nütze. Aber die natur war indessen bei Goete und bei den Deutschen aus dem schwärmerischen Gemüt in die geistigere Speculation zurückgetreten, und hatte in dem Ersteren den F a u s t erzeugt, unter den Letzteren die N a t u r p h i l o s o p h i e . Nun hatte das kranke Deutsche Herz den grünen Wald überwunden, nachdem die natur ernstbetrachtetes Object der Wissenschaft geworden