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reizend in dem gewissermassen geklärten Orientalismus, der ihre eigentümlich geschnittenen Gesichtszüge färbt, mit üppigen, lebensvollen Formen. Ein interessanter Schlag, sehr häufig in Berlin, und in dieser anmutigen Klärung der Formen Abrahams gewissermassen die dortige halbe Emancipation des Judentums ausdrückend. Denn die g a n z e Emancipation müsste notwendig entweder rein christliche, oder wieder durchaus stockjüdische Formen geschaffen haben. Jetzt aber erhebe den blick zu jener polnischen Gräfin, die dort im vollen Glanz und Zauber ihrer Nationalität aus der sie umgebenden Damengruppe hervorragt. Sie ist ganz Polin, die originelle sarmatische natur kann sich in den feurig sprühenden Bewegungen dieser Gestalt keinen Augenblick verläugnen. Die grossen blauen Augen rollen umher und suchen ein Ziel; das Zucken und scharfe Ziehen um den schönen, stolzen Mund scheint jeder Annäherung zu spotten, und doch verrät ein wunderbar blitzender Gesichtszug, dass die Polin genial und hingegeben in der Liebe ist, wie keine andere Frau. Und wer ist die kleine Unschuld, die auf jener Bank so tief verschleiert dasitzt? Ein hübsches, gutes, deutsches Mädchen. Sie sieht aus, als hätte sie sich an frommen Erbauungsschriften, an den Glockentönen von Strauss, und den Stunden der Andacht, etwas schwindsüchtig gelesen. Den Schleier aber hat sie heute nicht aus ascetischer Frömmigkeit heruntergelassen. Die Badekur scheint eine bunte Schärfe auf ihrem nicht uninteressanten Gesicht hervorgelockt zu haben, und daher dieser Nonnenschleier. Auch die Frommen dürfen sich der Weltklugheit gar nicht schämen. –

Alles wäre indess schon gut, und ich wollte mich mit noch einmal so grosser Lust unter diese frohbewegten Reihen mengen, wenn ich nur allein wäre. Ja, ich muss Dir nur gestehen, Madonna, ich bin nicht allein. Es läuft mir immer Jemand nach, ein unausstehlicher Reisegefährte, den ich schlechterdings hier nicht loswerden kann. Es ist der leibhafte und absolute Philister, der sich in Gestalt eines Postsecretairs aus Wittenberg an meine Fersen gehangen hat. Einen langweiligeren, miserableren Menschen sahst Du nie, und, denke Dir, er liebt mich. Ich bin mit ihm von Dresden hieher gefahren, und nun drängt er mir unaufhörlich seine Gesellschaft auf, weil er sich allein nicht getraut, sich die Stadt zu besehen. Er will überall mit mir gehen, ich soll überall mit ihm, denn der deutsche Philister ist ängstlich, sobald er unter Menschen gerät, die zwei Augen und eine Nase haben. So ist er wie ein Kind, und doch wieder wie ein Teufel der Langenweile, und ich könnte mich tot über ihn lachen, wenn mir nicht unheimlich würde vor der bewundernswürdigen Oede seiner Gestalt. Stelle Dir einen langen, noch um zwei Kopfgrössen mich überragenden Jüngling vor, mit einem selbstgefälligen blick, einen Jüngling, der einen hellblauen Frack mit übernatürlich grossen Messingknöpfen, dazu ein Paar weisse, grobe Leinwandsbeinkleider von ungeheuerer Weite, die einen Faltenwurf werfen, wie ihn kein Phidias nachmeisseln würde, und auf dem kopf einen weissen Quäker trägt. In diesem Auszuge muss ich mit ihm gehen, o Heilige! und der eleganten Welt von Teplitz mich präsentiren. Und wenn er so mit seinen grossen Plumpstiefeln, die immer so unverschämt unter ihm knarren, dass uns die nervenschwachen Damen schon fürchterliche Blicke zugeworfen haben, wenn er so in dieser fragwürdigen Erscheinung an meiner Seite hinschreitet, ist mir in meiner Angst ordentlich zu Mute, als ginge unser ganzes philisterhaftes deutsches Wesen, zu einer allegorischen Figur ausgeknetet, in person eines Wittenberger Postsecretairs mit mir spazieren. Ich fange auch schon an, ihn wirklich für eine Allegorie zu halten, deshalb schone ich ihn noch, denn sonst wäre, bei Gott, entweder die Bizarrerie oder die Gutmütigkeit, dass ich ihn ertrüge, zu verdammenswürdig an mir! Dennoch suche ich ihm zu entwischen, so oft ich kann, und jage mich ordentlich mit ihm umher durch Teplitz, aber der Philister muss etwas von dem weltbekannten Ueberall und Nirgends besitzen, denn wo ich nur um eine Ecke herumbiege, steht er vor mir, und wenn ich ins Concert oder Teater gehe, hat er sich schon unter der Tür an meinen Arm gehängt. Er hält mich für einen Doctor der Medizin, und glaubt vielleicht, dass ich ihn von einem alten Schaden curiren könne, an dem er zu leiden scheint, deshalb besonders mag er so anschmieglich an mich sein. Jetzt hat er sich, Gott sei es geklagt, auch im Schlossgarten plötzlich wieder zu mir gesellt. Er marschirt wacker neben mir her, schwenkt mit einer Art von lächerlicher Majestät seinen langen Oberleib, und tritt mir bei Gelegenheiten einmal mit seinen grossen, stolpernden Beinen auf die Füsse, wahrscheinlich um mich aufmerksam zu machen auf diese oder jene vorbeiwandelnde Schönheit. Wenigstens nehme ich es so an, weil er sich nie enschuldigt. –

Nun aber habe ich dem Philister einen rechten Streich gespielt. Mehrere hohe Personen vom hof sind gekommen, und es ist ein grosses Gedränge der Neugierigen und Schauenden um dieselben entstanden. Da habe ich den Philister mitten hineingestossen, und bin ihm unter der Menge unvermerkt wieder entlaufen. Während er jetzt steht und sich den Hof ansieht, eile ich weit weg mit freier atmendem Herzen, ich wische mir den Angstschweiss von meiner Stirn, und wandle auf leichter beflügelten Sohlen dem Ende der Allee zu, wo ich einige höchst interessante Gestalten ins Auge gefasst habe. Es istja, Heilige! es isteine schöne Kokette, die mir dort, am Arm zweier andern Damen, so merkwürdig und vor allen auffallend erschienen ist! Ich begebe mich, aus alter