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wohltuende Sinn des Königs hat selbst für gemeine Soldaten, die erkrankt sind, einen Fonds angewiesen, aus dem sie in die Bäder von Teplitz geschickt werden. Und so müssen mich mehrere Soldaten vom Alexander-Regiment sogar an die Strasse erinnern, wo ich in Berlin wohne, weil in deren Nähe die AlexanderKaserne ist. Kurz, nichts fehlt, um mir den Berliner einzutränken, und ich darf es mir nicht einmal merken lassen, dass ich verzweifele. Ich muss ordentlich wie ein dankbar vergnügter Berliner tun. Und der reiche jüdische Banquier aus der neuen Friedrichstrasse, der mit seiner hübschen Frau hier ist, hat mich seinen jungen geistreichen Landsmann genannt, und wir sind Dreie zusammen gegangen auf den Schlackenberg, und haben bewundert die süperbe Aussicht. Itzig & Comp. ist auch dagewesen, und hat gesagt, der Tempelhofer Berg bei Berlin sei doch besser. Hat Itzig Sohn geschrieen aus Leibeskräften, wie ein gebildeter Berliner so wenig Natursinn haben könne. Hat Itzig Vater es bekräftigt, dass doch der Tempelhofer Berg bei Berlin besser sei, weil er sich leichter steigen lasse zu Fuss. Haben sie alle gelacht über den Witz. Bin ich fortgeschlichen wie ein frierendes Windspiel.

Strassen und Häuser erinnern mich hier auch an Preussen. Alles ist so freundlich, so abgeputzt, so neu, so reinlich, wie ein jungfräulicher Staat. Ein jungfräulicher Staat, der eine gewisse Schamhaftigkeit hat, sich ganz zu entfalten. Und seltsam, da kommen mir gleich noch andere Beziehungen, die für Preussen auf diesem Teplitz ruhen, ins Gedächtniss, zum teil als Erklärung jener Schamhaftigkeit! In Teplitz, in einem Badeort, wurden gewissermassen die ersten Grundsteine zu der für jeden Patrioten so ernstaften Wahlverwandtschaft zwischen Russland, Preussen und Oesterreich aufgerichtet. Denn diese Mächte hatten schon nach der Schlacht bei Culm am 30. August 1813 ihre Hauptquartiere nach Teplitz verlegt, um es für die vielen Bedrängnisse, welche diese Stadt erlitten, zu entschädigen, und unterzeichneten daselbst im September desselben Jahres jene Allianz-Tractate, die damals für die Befreiung Deutschlands von so grossen Folgen wurden. Und ich bin wahrhaftig unschuldig daran, wenn es hier Jemand einfallen sollte, den Ton auf Damals zu legen. Was in aller Welt geht mich die Betonung meiner Sätze an? In diesem accentlosen deutschen Leben habe ich längst den Mut verloren, auf die rechte Stelle den Ton zu setzen, wo ich wohl möchte! Die Lehre, mit Accent und Nachdruck zu sprechen, ist eine gefährliche Wissenschaft, und sie wird Einem abgewöhnt in der Spiessbürgerprosa unserer Redefreiheit. Ein mattes Leben, seine Aussprache ohne Accente! Da kann kein Schulmeister helfen!

So komm denn, Heilige, lieber in den Schlossgarten! Zeit ist es jetzt. Mädchen, Mädchen, es ist doch eine schöne Welt, – nämlich die, welche sich dort in den bunten Hüten und flatternden Schleiern, im weissen Kleid und durchsichtigen Busenflor, mit den Phantasielocken und Backenbärten, mit dem englischen Frack und den französischen Pantalons, über den Platz am Brunnen hinbewegt. Sie biegen alle in das hohe Portal des Schlosses ein, und wir müssen ihnen nach. Ich höre schon aus der Ferne einige tüchtige Grundstriche der Bassgeige, die Musik im Park hat begonnen. Wir mischen uns in das Gedränge, wir teilen mutig, wie geschickte Schwimmer, den glänzenden Strom, im Vorübereilen manchen schönen Arm streifend. Nun sind wir in der grossen Allee, in der sich Alles in wogenden Gruppen auf und niederbewegt, die vornehmsten und reizendsten Gestalten, höchste Welt und anmutigstes Volk aller Art, Elegantes im Grossen, Elegantes im Kleinen. Ausserordentlich gut und zahlreich ist besonders die DamenVegetation geraten. Ein unübersehbares Beet strahlender Blumen, frischer und gemachter Rosen. Sie nehmen mehr als Dreiviertel des ganzen Gesichtskreises ein, und würden die Sonne verdunkeln, wenn sie nicht hinter Wolken untergegangen wäre. Man hat eine auserlesene Flora und Fauna fast aller Nationalitäten in einem bunten Festbouquet beisammen.

Dem Concert kehrt man bald den rücken, bald sucht man es wieder auf. Man lässt sich bald auf den Seitenbänken unter hübscher, selbstgewählter Gesellschaft nieder, bald schiebt man sich in der Mitte der Allee unter auf und nieder wandelnden Reihen fort, und folgt diesem oder jenem Augenstern, der in unser Sonnensystem zu passen scheint. Wahrlich, so viel schöne Mädchengesichter sieht man nur in einem Badeort, der gewissermassen ein Bazar so mancher Frühlingserstlinge ist, auf einen Punct versammelt, obwohl sonst Teplitz an Eleganz und Reichtum der Toilette zurückstehen muss gegen die übrigen böhmischen Bäder. Dies ist jedoch nur Ergebniss der preussischen Einfachheit, zu welcher der hier verweilende Hof den Ton angiebt.

Wir sehen uns noch ein wenig die Damen an. Jene Engländerin mit ihrer äterischen Taille erkennst Du gleich heraus. Ein hochgewachsenes, fast durchsichtiges Bild schwebt sie mit ihren schlanken Schritten an dem Arm eines menschenfeindlichen, in einen langen, gelben, vorn ganz zugeknöpften Ueberrock gekleideten Lords vorüber. Sie blickt wenig umher, das blasse feine Gesicht ist meist in etwas gleichgültiger Ruhe auf die Spitze ihrer kleinen Füsse gerichtet. Ihre ganze Gestalt ist heller, klarer Krystall, aber ohne farbige Sonnenreflexe. An ihren Bewegungen verrät sich dort die Französin, mit der kleinen zierlichen Figur, dunkelm Teint, starker Gesichtszeichnung und den bedeutend blickenden Augen. Sie geht frei und lächelt sieggewohnt; ihre Blicke beherrschen den ganzen Umkreis der ihr begegnenden Gesichter. Sie weiss unaufhörlich etwas zu sprechen zu ihren Begleiterinnen, sie scheint Esprit zu haben, und macht Bemerkungen. Und das dort ist eine schöne Jüdin aus Berlin,