deutscher Schriftsteller keinen Jockei brauchen kann. Hilf Himmel! wie bunt wirrt und zerrt sich das Leben durcheinander in der Bedrängniss der Gemüter.
Wir sehen uns wieder! Maria! Maria! ich muss fort, und wir sehen uns wieder! Gott behüte Dich, meine Welteilige! Glück schiesse reich an Dir auf, und bringe Dir noch den Genuss der schönsten Tage! Von jeder Reisestation aus will ich an Dich schreiben, wie es in der Welt hergeht, und wie ich dort und hier, fern und nah, es finde!
Wie jener Bischof, welcher dem Bettlerknaben wenigstens seinen Segen schenkte, der ihm geringer als Hellerwert zu stehen kam, wollte ich, gleich einem ächten Deutschen, ihr wenigstens etwas schreiben, da ich vom Glück der Welt ihr sonst nichts zu schenken hatte.
Diesen Schriftstellersegen nahm sie an, und ich versprach ihr feierlich, ihr alle meine Tagebücher zu schicken. Darin sollte ihr nichts verschwiegen werden. Sie sollte miterleben, wie der Strom der Welt meine junge Brust zerteilt.
Dann, sagte sie, müsse ich auch ganz aufrichtig gegen sie sein. Sich selbst belächelnd, fügte sie hinzu: sie sei sehr neugierig hier in ihrer grossen Einsamkeit, wie es die Welt draussen weiter treibe. An Tugenden wie an Lastern der Menschen wisse sie hohes Interesse zu nehmen, sie verstehe längst das Leben wie ein Buch zu lesen. Ich solle selbst die verbotenen Stellen darin mit sympatetischer Tinte für sie zeichnen. Sie sei noch immer lüstern auf Alles, was Leben heisst. Sie sei eine solche Närrin, dass sie jedes Sumpfblümchen, wenn es nur im Freien gewachsen, an ihr Herz drücken könne. Ich sollte sie den Jubelschrei der Volksfeste, die Trauermusik der Leichenzüge, die grossen Spectakelstücke von Liebe und Hass, die Maskenbälle des Wahns und die Fackeltänze der leidenschaft, bis in ihr Dorf spielen, hören, sehen, empfinden lassen! Ob ich ihr denn auch wirklich Alles und Jedes, selbst das Bedenklichste, schreiben wolle, was der Wandel der Tage bringe? Denn die Gefahr gehöre mit zum Leben.
Was die Augen sehen, was die Gedanken aufnehmen, was das heisse Blut in Wallung treibt, wie der unruhige Sinn sich irrt und freut, woran der Verstand sich belehrt und das Herz sich verwundet, solle sie Alles haben, gelobte ich. Sie werde mit mir über die ganze Welt weinen und lachen, sich wundern und sich die Finger verbrennen. Unter der Bedingung, dass ich mit gleicher schonungsloser Aufrichtigkeit ihre Biographie erhielte!
Sie nickte, und floh mit einem Abschiedskuss aus meinen Armen. Dann schlug sie den Rückweg ein durch die Gänge des Gartens. Ich folgte ihr schweigend.
Wir näherten uns dem kleinen haus, das in seiner düstern Stille wie ausgestorben dalag. An der Tür reichte sie mir noch einmal die Hand, und sagte ernst: Es gibt für mich doch kein Glück mehr. Gute Nacht! Gute Nacht! Lieber Freund! Lieber Fremdling! Gute Nacht!
Dann schlich sie sich leise weinend ins Haus.
Ich eilte, wie von rastlosen Herzschlägen getrieben, ins Freie. In nächtlicher Wanderung wurde noch vor Anbruch des Morgens Teplitz wieder erreicht. –
An meine Heilige.
I. Mein Philister in Teplitz.
– Noch einen Tag in Teplitz will ich Dir beschreiben, meine Madonna, ehe ich den Eilwagen nach Prag besteige. Es ist ein Sonntag, und das ist gerade die rechte Beleuchtung für einen Badeort, um alles Schöne und Hässliche in seiner besten Toilette zu erblicken. Komm nur Schlag 11 Uhr mit mir in den anmutigen Schlosspark, wo vor dem Gartensaale des jungen Fürsten Clari allsonntäglich ein Concert im Freien gegeben wird, welches zum Versammlungspunct des ganzen badenden und nicht badenden Teplitz dient. Nur falle Dir nicht ein, wie mir, früher auszugehn, um auf der Promenade, oder etwa gar in der Kirche, schon interessante Figuren Dir aufzufangen. Die Promenade ist leer, und nur hier und da kommt Dir ein schwererer Kranker, der gebadet hat, verhüllt und auf seinem Rollstuhl entgegengefahren. Und wenn Du die Frommen zu schauen liebst, o Madonna, so suche sie nicht, wie ich, in der schönen Schlosskirche. Ich hatte gern einmal sehen wollen, wie ein Badegast oder eine Badegastin betet, aber es war fast gar nichts zu hören und zu sehen von eleganter Welt vor Petri Pforte. Gott weiss, was die Eleganten noch für Götter haben neben ihm! Aber warte nur bis 11 Uhr, warte nur bis 11 Uhr! Dann werde ich die Brille aufsetzen, und Dir die ganze Flora zeigen. Bis dahin frühstücken wir noch im Gastof, und lesen die Zeitung, oder blättern in der Badeliste. Oder sprechen wir von Politik, mein Kind!
Ja, höre, liebe Heilige, mir ist eingefallen, dass ich ein schlechter Preusse sein müsste, wenn es mir gar nicht in Teplitz gefiele! Es muss mir also durchaus hier gefallen, denn Alles ist hier Preussisch und Berlinisch, man mag hinsehen, wohin man will. Ganz Teplitz ist eine preussische Provinz, und meine Vaterlandsliebe braucht hier ordentlich stärkende Bäder, wenn ich über die Strassen gehe. Unser König, welcher bekanntlich alle Sommer hier zubringt, wird von der sämmtlichen hiesigen Bevölkerung, die mit einem wahren Herzensentusiasmus an seiner ehrfurchtgebietenden Erscheinung hängt, nur immer geradezu d e r K ö n i g genannt, und so sind wir Berliner alle natürlich wie zu haus. Auch preussisches Militair jeder Art sieht man hier viel, denn der unermüdlich