sei nur ein Götze. Das Bild zeigt nicht mehr auf die Wahrheit hin, der Mytus hat den Gedanken verloren. Das Geschlecht hat sich verändert, und ist sehr ernst geworden und sehr vernünftig. Zeichen und Wunder sind grössere und mächtigere geschehen in den Umwälzungen der Zeit, als in alten Heiligengeschichten. Die Wahrheit hat sich von der Magie der Bilder, in die sie verzaubert war, befreit und losgerissen, und hat sich alleinherrschend um Leben und Tod auf den Zenit der Menschheit hinaufgekämpft. Die Besten wissen nichts mehr davon, dass etwas in ihnen klinge von der Wunderpoesie des Madonnenschleiers. Die Madonna ist in die schöne Vergangenheit der Bilder zurückgetreten, sie lebt am herrlichsten in den Gemälde-Gallerieen, und hat ihre tiefste Bedeutung in der Myte. Christus aber schreitet als der Geist der Fortentwickelung durch die geschichte, und die Religion bildet sich im Geist und in der Wahrheit in die Welt hinein. Die Welt wird arm an Zauber der Myte, aber sie erhebt sich durch ideelle Einheit, an der sie reicher wird, zu einem Ganzen. Sie ist nicht mehr der abgefallene Engel heute, noch der Gegensatz des Geistes, sondern der Geist hat sich in ihr niedergelassen, und hat Hütten in ihr gebaut. Alles wird weltlich in unserer Zeit und muss es werden, selbst die Religion. Denn es kann nichts Heiligeres mehr geben, als das Weltliche, nichts Geistlicheres, als das Weltliche. Alles hat jetzt eine und dieselbe geschichte, und was eine geschichte hat, gehört Gott an, mag es nun in einem Kloster wohnen oder liegen auf dem Schlachtfeld. Nachdem diese Gegensätze des Weltlichen und des Geistlichen gefallen, haben die Völker freiere und grossartigere Weltbildung unter sich heimisch gemacht. Die Welt trauert und krankt nicht mehr an einer unklaren sehnsucht, sie entfaltet sich tatkräftig in sich selbst, und vollzieht so das Höchste. Alles, Alles ist Weltgeschichte, es kann kein gottwohlgefälligeres Leben geben. Man arbeitet, kämpft und stirbt für seine Zeit, man ist heiter mit ihren Torheiten und ernst mit ihren Bestrebungen, und hat einen heiligen Wandel geführt. Die Zeit, in der wir leben und wirken, gibt uns die Weihe, sie ist unsere Fürbitterin und Vermittlerin vor Gottes Tron, und eines andern Heiligen bedürfen wir nicht dazu, wenn wir geirrt haben. Märtyrer sind wir uns selbst genug mit unserem Herzen. Was ist denn heilig? Ich kann mir nichts Anderes darunter denken, als dass Gottes ganze Welt in Blüte steht, und sich entwickelt. Mit dem Heiligen ist es mir immer eigen gegangen, dass ich es nicht anders habe begreifen können. Ich muss im grund ein sehr profanes Gemüt haben, jedem Geistlichen gegenüber. Aber tröste Dich, Maria! Mit mir tröste Dich! Wahrlich, wahrlich, ich sage Dir, Du kannst keine grössere Heilige auf Erden sein, als wenn Du eine Weltliche bist! Schönes Mädchen, ich erwähle Dich zu meiner Heiligen, damit Du nicht zu sehr verzagst an Dir! Ich grüsse Dich als meine Heilige, eine Welteilige! Ich küsse Dich!
Sie sank mir von selbst in die arme. Zärtlichere Lippen hatte ich nie geküsst, und doch vermischten sich mit der Glut dieses Kusses heisse Tränen, die ihr aus den schmerzlich glänzenden Augen stürzten. Dann richtete sie sich still auf, und ruhte einen Augenblick ihr Haupt an mir, und sagte, ihr ganzes Herz hätte ich erraten. Ihr Herz mit ihren Schwächen und Wünschen, mit all der geheim nistenden Qual. Dann riss sie sich ganz los von mir, und sagte, ihr sei doch nicht zu helfen. Sie ging mit heftigen Schritten auf und nieder, und die leichte feenhafte Gestalt zeigte sich in dem rührendsten Zauber ihrer Bewegungen. Sie sah unendlich reizend aus, der Schmerz hatte, eine liebliche Unordnung über ihr Wesen verbreitet. Sie weinte in sich hinein, dass sie eine Verlorene und Verstossene sei aus der Welt!
Wie kann man verloren sein, musste ich ihr erwiedern, wenn man jung ist, und eine Welteilige? Die Welt hat Dich nicht ausgestossen, sie will nur, dass Du Dich wieder zurechtfinden sollst in ihr. Sie ist gross und weit. Sie ist gut und göttlich.
Ich habe sie genossen, sie hat mich gelockt und verführt! klagte sie. Und sie lockt mich noch immer. Sie ist schön, und lässt mir keine Ruhe! – Sie versprach mir, von ihrem Leben Alles aufzuschreiben, und auf wenigen Blättern mir Alles zu geben, wann wir uns wiedersähen. Ob wir uns wiedersähen?
Dies erinnerte mich, dass wir uns trennen mussten. Wir hatten die Zeit schnell mit diesen unruhigen Nachtgesprächen hingebracht. Ich fragte halb lächelnd, halb schmerzlich, ob sie mit mir gehen wolle in die weite Welt hinaus? Wir wollten gut zusammen wandern durch die weite Welt!
Die Welt ist gross und weit, die Welt ist gut und göttlich! wiederholte sie, auflächelnd, meine Worte. Ach! sagte sie dann, zusammenzuckend, ich ginge gern als Jockei verkleidet mit auf die Reise, wenn ich nur hinwegkommen könnte aus des Vaters dumpfer Hütte, und von diesen böhmischen Heiligenbildern, die mich bedrückend ansehn, dass ich hier nicht atmen kann, und die auf mich herabzustürzen drohen, wenn ich sie angstvoll grüsse!
laut schluchzend stürzte sie auf mich zu, und ich fing sie erschrocken in meinen Armen auf. Dann schien ihr selbst bange darüber zu werden, dass sie sich so unverholen ausgesprochen.
Es ist Schade, dass ein wandernder