teil haben an den Qualen, die vom Kreuze ausgehn, und sie fleht, dass die Hochgebenedeite den Menschenseufzer unter den ihrigen mische, damit er aus ihrem mund in den Himmel komme. Eine wunderbare, durchdringende Beredtsamkeit spricht aus diesen klagenden und flehenden Tönen, und dazu haben die kurzen Verse und einfachen Reime der lateinischen Sprache eine Naivetät über diese Andacht ausgegossen, die noch herzergreifender wirkt.
Ich kann es singen! sagte Maria. Wenn sich der blutige Madonnenschleier in meine Träume webt, flüstert auch oft diese Melodie, die dem Freunde bekannt sein wird, durch meine Seele. O, o, ich bin ja auch eine Katolikin!
Sie schwieg, eine kleine Pause lang. Dann überraschte sie mich durch die herrlichste stimme. Bebend, seufzend, hingerissen, in Erdenqual verloren, und dann doch wieder grossartig, abgemessen, ruhig, mit einer himmlischen überzeugung, sang sie, mehr recitirend, die ersten Strophen.
Stabat mater dolorosa
Juxta crucem lacrymosa
Dum pendebat filius,
Cujus animam gemeatem,
Contristantem et dolentem
Pertransivit gladius.
O quam tristis et afflicta
Fuit illa benedicta
Mater unigeniti,
Quae moerebat et dolebat,
Et tremebat, cum videbat
Nati poenas inclyti.
Hier stockte, hier zögerte und zitterte ihre stimme, und sie wollte nicht weitersingen. Ihre Töne waren mit einer seltsamen Gewalt durch die stille Nacht hingeklungen. Mir selbst waren sie aufs Herz gefahren, und ich fühlte mich wie betroffen, ich weiss nicht warum. Ich stand unruhig auf, und sie hing sich wieder an meinen Arm, und ging schweigend mit mir fort durch die finstern Gartengänge. Es war mir lieb, dass sie nicht weitergesungen, denn in die stimme dieses Mädchens hatte sich plötzlich ein dunkler, zweiaufzurühren drohte, was jemals von Metaphysik und Verzweiflung durch meinen jungen, an der Welt hängenden Geist gegangen war. Maria hatte, indem sie sang, den Versuch machen wollen, sich innerlich von der Welt loszusagen, die so arm und blütenlos für sie geworden war. Sie hatte, so schien es mir, sich ganz hingeben wollen an diese religiöse Inbrunst, die mit dem lied von ihren Lippen floss, um nun für immer Ruhe zu haben von den Stürmen und Wünschen des Lebens. Sie hatte sich mitten unter diesen Tönen inwendig Gelübde abgerungen, Alles zu lassen, was der begehrliche Sinn noch von des Lebens trügerischen Schätzen gehofft. Aber ihre Seele war darin unterwegs stehen geblieben, und hatte nicht weiter gekonnt. Sie musste noch unendliche Lust an der Welt in ihren verborgensten Gedanken entdeckt haben, und war vor sich selbst erschrocken, wie sehr sie am Leben hing. Ihr Gesang, auf dessen Flügeln sie sich an die Seite der Madonna hatte flüchten wollen, und unter den sanftverhüllenden Schatten des Kreuzes, war abgerissen in todesschmerzlichen Zuckungen. Er seufzte diesem Frieden noch einmal, aber vergeblich nach, und erstarb dann auf ihrem mund, und verklang in die Nachtlüfte. Sie gab den Frieden am Busen der Madonna auf, den Frieden und das gemeinschaftliche Tragen des Leides, darum schwieg sie, aber sie hatte und sah noch nichts, was sie sich dafür hätte schenken können aus dem Reichtum des Lebens heraus. Darum verstummte sie ermattet. Zerrissen, zerrissen war das Lied von der mater dolorosa tief in der strebenden Seele.
Hier und da waren aus dem verworrenen Dunkel der Wolken helle Sterne aufgetaucht, und standen, den Himmel über uns erweiternd, wie beruhigende Zeichen über unsern Häuptern da. Wir wandelten lautlos fort, und ich wagte noch nicht, sie nach den geheimen Bewegungen ihrer Seele zu fragen.
Dann sagte sie halblaut, um nur unsere ängstliche Stille zu unterbrechen, warum ich noch nichts von der katolischen Baukunst bemerkt, welche die schönsten Kirchen hervorgebracht, die sich nur für die Wohnstätte der Andacht denken liessen?
Diese Gegenstände alle, erwiderte ich, haben mir plötzlich eine solche Bangigkeit erregt, dass ich sie nicht weiter verfolgen mag. Die wilden Nachtgespenster, Mädchen, schleichen sich mit ihnen in unsere Seele! Auch greift die Baukunst der sogenannten gotischen Kirchen tiefer und umfassender in den Sinn des ganzen modernen Lebens ein, als dass sie in irgend einer engeren Bedeutung dem Katolizismus angehören sollte. Von der katolischen Sculptur aber, welche die Heiligen und die Madonna an den Heerstrassen und in den Waldkapellen in dieser, wie mich dünkt, keineswegs anbetungswürdigen Gestalt aufgerichtet hat, will ich vollends nichts sagen. Ich darf Deine Gedanken und Deine Phantasie nicht noch mehr quälen, Maria! Armes Kind, Du sollst Deine heitern und mutigen Lebenshoffnungen noch nicht ins Grab legen, und sollst nicht zagen, wenn Du der Welt mehr angehörst als den Heiligen und ihren Bildern. In jener Sculptur haben die Bilder, an welche der Frommen Herz sich hängt, bereits ihre ausartendste Verzerrung erlitten. Von dem Bilde ist die Schönheit gewichen, der Mytus ist in die hässlichsten Formen verkrüppelt. Die katolische Sculptur deutet den Verfall des katolischen Bilderdienstes an, denn wo keine ächte Kunst mehr ist, ist auch keine Wahrheit da. Die Sculptur ist die letzte der katolischen Künste, und noch täglich ist sie geschäftig, neue Bilder und Leiber der Heiligen in Holz oder Stein auszuhauen. Aber es ist, als hätte sie den Mut nicht mehr, dem hellen Tag unserer Zeit ins Angesicht diese Leiber und Bilder mit der höchsten Weihe der Kunst zu schmücken. Die Hand zittert ihr kraftlos, weil die Wahrheit bereits so mächtig geworden in dieser Zeit, und das Bild gerät ihr jetzt so schlecht, dass man es ihm gleich ansehen muss, es