land, und wenn man ihre Schönheit leuchten sah an ihren Gliedern, musste man fühlen, dass Gott mit ihr sei. Und der Engel sprach zu ihr: "Der heilige, Geist wird über Dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird Dich überschatten. Darum auch das Heilige, das von Dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden!" Da erschrak die Jungfrau, denn sie wusste noch von keinem mann, aber sie glaubte, und bald verstand sie. Ihre Seele erhob den Herrn, der weibliche Stolz regte sich, und wie ein beglücktes Weib sich freut, so freute sie sich, dass sie von nun an seelig gepriesen sein würde von allen Kindeskindern. Lieblich lächelte sie bei den Ahnungen einer grossen Zukunft, und wie eine kaum herangewachsene Braut, die den Welternst ihres älteren Geliebten noch nicht begreift, kindlich tändelt mit dem scharfen Schlachtschwert an seiner Seite, so lag das ernste geheimnis einer unendlichen Weltumwandlung spielend an der Jungfrau Busen, und sie hegte es mit mädchenhafter Zärtlichkeit, wie eine Maienknospe. In der stillen Ueberschattung des Höchsten hatte sie den Gott in sich empfangen, und sie hatte mit einem Kinderkuss an der Ueberschattung sich satt gesogen. Sie war Jungfrau geblieben, denn das W o r t hatte sie befruchtet, und das W o r t war es gewesen, das Fleisch wurde aus unberührtem Schooss der Jungfrau. Denn aus jungfräulicher Blüte musste der Gott einer neuen Weldordnung sich aufrichten, er, der ein reines, neues und jungfräuliches Zeitalter des Geschlechts auf die Erde brachte. So ruhte Gottes Unschuld an süssen Mädchenbrüsten, und trank von der unbefleckten Magd die Milch des irdischen Lebens, aus der er Mensch wurde. Um d e s M e n s c h e n S o h n zu fein, hatte er sich aus dem Schooss des Weibes gewunden, und sich an ihren Busen gelegt, aber das Weib hatte an der Ueberschattung Gottes gehangen, und das Wort war zeugend in die unbewusste Unschuld gedrungen, und darum wurde das Heilige, das von ihr geboren worden, G o t t e s S o h n genannt. Die jungfräuliche Unbewussteit, in die das Bewusstfein Gottes gestiegen war, hatte den G o t t m e n s c h e n geboren, denn das menschliche Bewusstfein, das nur der Begriff seiner selbst ist, aber nicht der Begriff Gottes, hätte keinen christlichen Gott sich erzeugen können. Darum war es eine Unbewusste, eine Jungfrau, eine unmittelbare Offenbarung, aus welcher Gott hervortrat in die Täler der Erde. Durch diesen Gedanken der notwendigen Unbewussteit habe ich mir die notwendigkeit der Virginität, der Jungfräulichkeit und der unbefleckten Empfängniss der Madonna bewiesen. Durch das menschliche Bewusstsein waren die heidnischen Götter gezeugt worden, aber in Jupiter und Apoll war eben nur menschliches Bewusstsein, und ihre Altäre stürzten zusammen, und der Olymp des menschlichen Bewusstseins fiel. Die Welt wurde finster, und war ohne Gott. Sie philosophirte, sie speculirte, sie baute Systeme, sie gründete Geheimlehren, aber kein Gott und kein Glück schien hinein. Da regte es sich im Schooss einer Unbewussten, einer Jungfrau. Die hiess Maria, und hatte von der ganzen Welt noch nichts gewusst. Sie war schön und lieblich am frühen Morgen ihres Lebens, aber sie wusste von nichts. Sie war wie eine Blume auf dem feld, die nach dem Licht sich aufrichtet, aber nicht weiss, warum? In ihrem Städtchen hatte man nie etwas von Philosophie gehört, und ihre Nachbarn lebten und starben mit der Stunde. Aber mit den Unbewussten ist Gott, denn er freut sich an ihrer Frische. Er giesst keinen neuen Most in einen alten Schlauch, sondern er schafft sich einen neuen. Das alte Weltbewusstsein war in tausend unseelige Trummer auseinandergegangen, und siehe, an die unbewusste Unschuld knüpft sich die neue Weltordnung an. Die Unbewusste, die Jungfrau, trägt unter ihrem reinen Herzen den Erlöser. Die Unbewusste, die Jungfrau, wird von der Kraft des Höchsten überschattet. So werden später unter den Völkern nur die neuen, unbewussten, jungfräulichen Germanen auserkoren, um die erlösende Lehre des menschlich gebornen Gottes in der Weltgeschichte siegreich zu machen. Alles wird auf einen reinen und neuen Stamm gepfropft. Die Jungfräulichkeit ist die höchste Macht aller Weltentwickelung, das erste Gesetz in der geschichte. – –
Maria bat fortzufahren, und legte in der Aufmerksamkeit des Zuhörens ihren Arm vertraulich über die Schulter des Redenden. Ringsumher begünstigte die wieder ruhig gewordene Nacht den Gedanken.
Die Madonna stand weinend am Kreuze, und auf ihren Schleier sprützten die Blutstropfen des Sohnes. Er aber sprach zu ihr: Siehe, Weib, das ist Dein Sohn! Und von dieser Stunde an ging die Mutter mit dem Sohne in die Weltgeschichte über. Die Menschen wollten Bilder haben, denn ihnen wird bange vor dem reinen Geist. Sie wollten schöne Bilder hineinstellen in ihr kahles Dasein, und erhoben die Madonna in aller Glorie der Verherrlichung auf den Purpurtron ihrer Andacht. Die Jungfrau gründete den Olymp der christlichen Mytologie. Es war rührend, an sie zu denken, und wessen Herz riss es nicht hin, wenn die jungfräuliche Mutter der Christenheit vor ihn trat in seine Anschauung. Eine Mutter, eine Jungfrau, die zwei Blütenpuncte des Menschlichen! Und sie schenkten ihr schöne Kleider, von Gold und Silber schwer, und hingen schimmernde Juwelen um ihren Lilienhals, und wer den kostbarsten Diamant hatte, steckte ihn opfernd an der Madonna Busen. Es wurde durch sie die geistige Erhabenheit