gar zur Strafe, dass sie früher in so viele Romane geblickt. Lassen Sie mich von den Achseln, Zähnen, Kinnbacken, kleinen Fingern und grossen Zehen, Hemden, Schuhsohlen, Strumpfzwickeln und Brustlatzen aller der Märtyrer, Apostel und Patrone schweigen. Ich schaudere vor mir selbst über diese ganze Glieder-Anatomie, die ich davon in meinem unschuldigen kopf beherbergen muss, und Nachts habe ich unruhige Träume, und nichts als Knochen und Skelette der Heiligen höre ich rasseln in meiner geängstigten Phantasie. Denken Sie, neulich erschien mir die abgezogene Haut St. Mattäi, des Apostels, die sich ebenfalls auf Carlstein befunden, und daher auch in meinem Gedächtniss lebt, im Schlaf, und drohte mir, dass auch mir noch in meinen jungen Jahren nächstens die Haut abgezogen werden solle, wenn ich mich nicht zu einer besseren Christin bekehrte, und meine leichtsinnigen Hoffnungen, die ich auf die bunten Freuden dieser Welt gesetzt, fahren liesse. Doch ich will Ihnen lieber von den Heiligtümern unserer Jungfrau Maria erzählen, von denen das Verzeichniss in der Tat seltene und rührende Schätze aufführt. In der naiven Sprache dieses Chroniken-Registers heisst es folgendermassen: "In einem silbernen vergüldeten Lädlein ist der wehrden Jungfrawen Schlayers ein Stück; im selben Kästlein ist noch ein Stück vom Schlayer, darinnen die Mutter des Herrn unterm Kreutze gestanden, als ihr liebster Sohn daran geheftet gewesen, aus dessen heilichsten Leichnamb drei Blutstropfen auff ihren Kopff gefallen, und sind auff diesen Schlayer, biss auff Dato, so schön, als wann es diese Stunde geschehen; allda ist auch ein Stück Wachs aus der Kertzen, so bei ihrem tod gebrandt." – – Aber ich darf Ihre ungläubigen Ohren, mein Herr, wohl nicht mit solchen Aufzählungen ermüden. Doch muss ich Ihnen sagen, da Sie vorher meine Andacht zur Madonna in Zweifel gezogen, dass mein Herz, wie andere Gedanken es auch oft haben mag, doch am meisten mit Liebe und Hingebung an ihr mildes Bild sich hängt. Soll denn gar nichts Katolisches an einem böhmischen Mädchen sein? Nein, nein, die Madonna schenkt mir sanfte Träume, wenn ich zu ihr gebetet habe. Und an ihren Schleier mit den drei Blutstropfen drücke ich alle Abend, so oft ich weinend schlafen gehe, in Gedanken die nassen Augen, und dies grosse Symbol beglückt auch mich armes Mädchen, und kann mich sogar versöhnen mit den übrigen Abgeschmackteiten, zu denen frommer Unverstand mich zwingt. Und nun still, still! Ich vergesse, dass Sie Protestant sind, dass Sie protestiren werden auch gegen mein Fünkchen katolische Andacht! Nun, sein Sie nur Protestant, sein Sie Protestant! Wie oft, wie oft habe ich in meinem stillen Kämmerlein ausgerufen: O könnte auch ich es sein! –
Das leidenschaftliche Mädchen war bei diesen Worten wieder ganz ernst geworden, und in mir knüpften sich die weitgehendsten Gedanken an. unterdessen veränderte sich um uns und über uns die Scene. Hinter dunkel aufgetürmten Wolken ging der Mond unter, es wurde finster, stürmisch, die Nachtwinde bliesen stark, und wetterleuchtende Blitze spalteten von Zeit zu Zeit mit feurigen Schweifen den mitternächtlichen Horizont. War es zur Strafe unserer Sünden? Sollten mit dem Zorn des Wetters die Frevel unseres Gesprächs über die Heiligen gerächt werden? Wir hatten ja nur Selbstbekenntnisse getan. Sinnend und schweigend sahen wir beide eine Zeitlang in die düster wogende Nacht hinein. Maria schmiegte sich enger an mich, sie sagte, sie liebe den Sturm, wenn er zu ihren betrübten Gedanken Musik mache. Sie könne noch nicht ins Haus zurückgehn, in ihr gefängnis, ihren Sorgenkäfig. Sie wollte, der grosse Nachtimmel wölbe sich einmal zu einem Sarg über ihr zusammen, dann möchte sie gern darin ruhn und nichts mehr wünschen, aber nur nicht lebendig begraben sein hinter den Breterwänden ihrer stube. Ihr habe Gott ein rastloses Herz gegeben, frei zu sein. Ich möchte sie nehmen, wie sie sei, in all ihrer Rätselhaftigkeit, und ihr etwas sprechen und erzählen zur Fortscheuchung der bangen Stunden dieser Nacht.
Ich erwiderte, ich hätte ihr viel zu sagen. Und die gelegene Stunde dazu sei da. Ganze Reihen an Betrachtungen seien durch die Heiligen und die Madonna über mich gekommen, und der Mitternacht und ihr wolle ich gern davon vorphilosophiren. Die Mitternacht mache ein ernstes Gesicht dazu, und Sie wecke die Begeisterung auf mit ihren Augensternen. Der Madonnenschleier mit den drei schönen heiligen Blutstropfen hänge drüben am Saum der trauernden Nacht, und flattere hoch in den klagenden Winden, und strecke sich wallend aus über die weite, seufzende Erde, und winke uns Ehrfurcht zu vor den Bildern, an welche der Menschen Herz sich hängt. Und die Erde träume um uns her, und die Träume gingen irrend auf und nieder durch die Lüfte, und die bösen Geister zitterten in den Gräsern, und ein grosser Drang in der Brust brenne nach Wahrheit. Und die Wahrheit gehe einen Kampf ein mit den Bildern, und der Madonnenschleier zerreisse, und die Blutstropfen verblichen vor dem hellen Morgenstrahl, und die aufgegangene Sonne winke uns Ehrfurcht zu vor der Wahrheit, an welche der Menschen Vernunft sich hängt. Hiervon lass uns ausgehen, Maria!
Sie drückte mir schweigend die Hand, sie deutete auf ihr schlagendes Herz, das an diese Dinge in quälender Unruhe schon so oft seinen Frieden verloren.
Der Engel Gabriel klopfte an die Tür einer Jungfrau, die hiess Maria! fuhr ich fort. Er war von Gott gesandt, und sie war die holdseeligste und süsseste im ganzen