1835_Mundt_132_20.txt

, soviel Piquirtes und Wehmůtiges auch noch darin lag. Ich suchte sie damit zu trösten, dass es in einer vielwissenden Zeit gar nicht darauf ankomme, wenn man auch noch die Heiligen alle in sein Gedächtniss schliesse, denn, nach der Lehre der speculativen Philosophie lågen Wissen und Glauben himmelweit auseinander, und sie brauche deshalb noch nicht an die Heiligen zu glauben, wenn sie auch sie auswendig wisse. Ich selbst hatte, da man so vielerlei treibt, wohl auch in den alten Heiligengeschichten frůher Manches gelesen, und schlug ihr vor, dass wir ein vorbereitendes Examinatorium gemeinschaftlich anstellen wollten.

Die heilige O t t i l i a behůtet die A u g e n , begann ich, und sah ihr dabei tief in die Glut der ihrigen hinein, vor deren Feuer es in der Tat der Hut einer Heiligen bedurfte.

Der heilige F l o r i a n waltet im F e u e r , sagte sie, ernstaft einfallend, als hätte es wirklich noch eines Schutzpatrons gegen das von ihr ausstrahlende Feuer nötig.

Die heilige K a t h a r i n a beschützt die M ü h l e n der Menschen, fuhr ich fort, damit ihr inneres Räderwerk, gewissermassen ihr Herz, nicht in Brand gerät, wenn es in zu heftigen Schlägen um seine Achse getrieben wird.

Die heilige C ä c i l i a schenkt uns die M u s i k , fiel sie sanft und feierlich ein, als läge ihr daran, das pochende Räderwerk, von dem ich gesprochen, in eine Concertarmonie übereinstimmender Töne zu bringen.

Der heilige A n t o n i u s hilft das V e r l o r e n e s u c h e n , sagte ich weiter, um sie daran zu erinnern, dass sich ihres Lebens verlorenes Glück noch immer durch einen Schutzpatron wiederfinden lassen werde. Hier erwiderte sie lebhaft den Druck meiner Hand.

Dann nachdenklich an den Fingern zählend, fiel sie wieder ein: Die heilige A g a t h a behütet den w e i b l i c h e n B u s e n , damit er sich nicht einnehmen lässt von den trüglichen Worten der Schmeichler und falschen Freunde. Hier rückte sie weit von mir ab, an die andere Ecke der Bank, und wandte ihr Gesicht seitwärts.

Der heilige R o c h u s ist gut gegen die P e s t , rief ich ihr mit dem stärksten Basslaut meiner stimme nach. Er muss angerufen werden, wenn die Pest des Misstrauens sich in die Gemüter schleicht.

Die heilige A p o l l o n i a stärkt und schärft die Z ä h n e ! sagte sie, mit einer kecken Wendung wieder näher rückend, als fürchte sie sich gar nicht vor mir, denn dass die natürlichen Waffen ihres Geschlechts ihr gut geraten waren, zeigte die glänzende Perlenreihe ihres Mundes an, als sie ihn jetzt zum lauten lachen öffnete.

Der heilige U l d a r i c u s verjagt die M ä u s e , sagte ich, wenn sie mit ihren weissen Zähnchen gefährlich zu werden ansangen.

Der heilige N e p o m u k weist einem den Weg über S t r a ss e n und B r ü c k e n , erwiderte sie. Man ruft ihn an, wenn man seiner losen Reden wegen fort und davon gejagt wird.

Der heilige W e n d e l i n behůtet die L ä m m e r , entgegnete ich. Das unschuldige Lamm, das verfolgt wird, geht bei ihn klagen.

Der heilige C h r i s t o p h bewacht das G e l d , sagte sie. Er wird angerufen in zweifelhaften Fällen, wo man falsche Münze von der ächten nicht unterscheiden kann.

Und nun hatte ich wahrhaftig keinen einzigen Heiligen mehr in meinem Gedächtniss, mit dem ich ihr auf ihre letzte Bemerkung hätte dienen können, und ich musste ihr in unserm Heiligen-Duett schon diese triumphirende Schlusscadenz lassen. Es war aber merkwürdig, sie zu sehen, wie mit ihrer schmerzlichen Stimmung, mit der sie noch vor Kurzem gekämpft, so schnell der holdeste Mutwille hatte wechseln können. So bricht durch die bittersten Tränen der Jugend oft rasch ein unverwüstlicher Reichtum an Frohsinn wieder aus.

Sie sehen, im Heiligendienst bleiben Sie hinter mir zurück! nahm sie wieder das Wort. Mein guter Vaterbei dessen Erwähnung zuckte sie immer unwillkürlichwird sich morgen einmal freuen über seine sonst so ungeratene Tochter. Aber was werden Sie sagen, dass ich auch die Reliquien alle, welche Kaiser Karl IV. auf seinem schloss Carlstein besessen, habe auswendig lernen müssen mit meinem widerspenstigen Gedåchtniss!

Da bedauerte ich sie. Denn damit war ich freilich nie geplagt worden. Ich hatte zwar von dem Reliquien-schloss gehört, das dieser fromme und in so vieler Hinsicht hochverdienstliche Kaiser und Böhmenkönig eigens zur Aufbewahrung seines Heiligen-Museums erbauen lassen, aber meine Kunde von seinen Sammlungen hatte sich bisher nur auf den Fetzen aus der ägyptischen Finsterniss beschränkt, den er wirklich in Carlstein aufbewahrt haben soll.

Sie nahm eine gelehrte Miene an, und sagte mit einem komischen Seufzer: Das genaue Verzeichniss dieser weltberühmten Reliquien-Sammlung befindet sich hinter der böhmischen Chronik (Kronyka czeska) des Wenceslaus Hagek a Liboczan, einem, allen Heiligen sei es geklagt, gerade hundert Pfund schweren Folianten, aus dem es sich diese armen Augen haben auflesen müssen, vielleicht